NOTIERT IN TOKIO

Keine Lust auf Heimarbeit

Je nach Land und Kultur fallen die Reaktionen auf das Coronavirus ganz unterschiedlich aus. Viele Deutsche zum Beispiel können sich kaum überwinden, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen - das ist doch die Berufskleidung eines Chirurgen! Die...

Keine Lust auf Heimarbeit

Je nach Land und Kultur fallen die Reaktionen auf das Coronavirus ganz unterschiedlich aus. Viele Deutsche zum Beispiel können sich kaum überwinden, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen – das ist doch die Berufskleidung eines Chirurgen! Die Japaner wiederum kommen kaum damit klar, dass sie zur Virusabwehr von zu Hause aus arbeiten sollen. Dabei predigt die japanische Regierung seit Wochen das Fernbleiben vom Büro oder zumindest das Fahren zum Arbeitsplatz außerhalb der Stoßzeiten, wenn die Pendler in den Vorortzügen so eng wie Sardinen in einer Büchse zusammengequetscht werden.Die Werktätigen in Japan sind nämlich fest davon überzeugt, dass “richtige” Arbeit nur im Büro und in der Gemeinschaft der Kollegen möglich ist. Genauso denken die Arbeitgeber, wenn sie das Engagement ihrer Mitarbeiter bevorzugt anhand ihrer Verweildauer im Büro messen. Japanische Angestellte sitzen an ihren schmalen Schreibtischen viel dichter nebeneinander als Deutsche in ihren Großraumbüros. Diese gemütliche Nähe scheint so angenehm zu sein, dass viele Japaner sich sogar ins Büro begeben, wenn sie krank sind. Dann tragen sie übrigens eine Maske: Dadurch kann man seinen Kampfgeist zeigen und zugleich die Kollegen vor einer Ansteckung bewahren. Die neue Lungenkrankheit stellt diese traditionelle Arbeitskultur komplett in Frage. Nun soll die Arbeit von zu Hause, auf Neudeutsch “Home Office” und auf Japanisch “Telework” genannt, plötzlich das Nonplusultra sein. Egal ob Panasonic, NEC, Sony oder Mitsubishi – wer seine Arbeit von zu Hause erledigen kann, soll nicht mehr ins Büro kommen. Was für ein Tabubruch!Der Regierung kommt dieses soziale Experiment gerade recht. Sie will den traditionellen Arbeitsstil ohnehin ändern, um Erwerbstätigkeit generell attraktiver zu machen. Nur dann lassen sich die letzten Arbeitsreserven wie die Hausfrauen mobilisieren und der starke Personalmangel lässt sich lindern, ohne Ausländer zu holen. Außerdem drückt das lange Sitzen im Büro die Produktivität. Doch die staatlichen Hoffnungen haben sich bislang nicht erfüllt: Die S-Bahnen mit den Pendlern aus den Vororten sind in der Regel ähnlich voll wie sonst, wenn man die Abwesenheit der Schüler berücksichtigt, die seit Anfang dieser Woche zwangsweise zu Hause bleiben müssen. Das heißt: Viele Beschäftigte verfügen entweder nicht über die technischen Voraussetzungen für Telework oder sie lehnen den modernen Arbeitsstil grundsätzlich ab.Meine persönliche Erklärung steht nicht in den Zeitungen: Die Wohnungen und Häuser in Japan, die ich von innen kenne, haben so kleine Räume und sind mit Sachen so vollgestopft, dass man dort gar nicht arbeiten kann. Und wer möchte sein häusliches Chaos schon gerne den Kollegen bei einer Videoschalte vorführen?Diese Überlegungen bringen mich zu sechs neuen Gesetzen, die das Kabinett kürzlich gebilligt hat. Ab April 2021 müssen Unternehmen jene Mitarbeiter, die über die Rentengrenze hinaus arbeiten wollen, bis zum Alter von 70 Jahren weiterbeschäftigen. Die Idee dahinter ist leicht zu durchschauen: Die Japaner sollen möglichst lange Steuern und Sozialabgaben entrichten, um die Überalterung finanzierbar zu machen. Der Anteil der über 65-Jährigen liegt bereits über 28 % und das Durchschnittsalter bei 48,4 Jahren, rund fünf Jahre mehr als in Deutschland. Niemand in Japan spricht es laut aus, aber die gesetzliche Arbeitsmöglichkeit bis zum Alter von 70 Jahren bereitet die Bevölkerung schonend darauf vor, dass es auch die Rente erst mit 70 geben wird. Einstweilen steigt jedoch das Pensionsalter bis 2025 erst einmal schrittweise auf 65.Womit ich wieder zurück zum Ursprungsgedanken komme. Auch diese Altbeschäftigten werden nämlich nicht im Home Office arbeiten wollen. Wenn sie allein leben, sind sie froh, dass sie organisierte Kontakte zu einigen ihrer Mitmenschen bekommen. Und wenn sie verheiratet sind, dann drängt die Frau sie tagsüber aus den gemeinsamen vier Wänden. Das Indiz dafür: Diejenigen Männer, die im Urlaub oder nach der Pensionierung zu Hause herumlungern, bezeichnen japanische Ehefrauen landläufig als “sodai gomi” – als Sperrmüll.