Nestlé wächst so schwach wie lange nicht mehr
Nestlé wächst so schwach wie lange nicht mehr
Nestlé hat die Anleger verstimmt. Die Ergebnisse des vergangenen Jahres, der Ausblick auf 2018 und nicht zuletzt das Ausbleiben jeden Hinweises auf einen möglichen Verkauf der Beteiligung an LOréal enttäuschten. Der Aktienkurs des weltgrößten Lebensmittelkonzerns gab um 2,1 % nach. md Frankfurt – Für Nestlé ist das organische Wachstum als Messlatte für den Erfolg von zentraler Bedeutung. Viele Jahre lang galt hier eine Zielspanne von 5 bis 6 %, die oft sogar übertroffen wurde. Doch als Mark Schneider Anfang vorigen Jahres die Führung des weltgrößten Lebensmittelkonzerns übernahm, wurde diese Vorgabe – die ohnehin seit 2013 nicht mehr erfüllt wurde – gestrichen. Dass nun aber im vergangenen Jahr nicht mehr als 2,4 % herauskamen – noch dazu um wachstumsmindernde Sondereffekte bereinigt -, verstimmte die Investoren. Analysten hatten im Schnitt mit 2,6 % gerechnet. Vor Medienvertretern erklärte CEO Schneider die niedrigste Wachstumsrate seit vielen Jahren mit einer überraschenden Eintrübung der Geschäfte zum Ende des Vorjahres hin. Er betonte jedoch, dass Nestlé die vor Jahresfrist gesetzte Zielspanne von 2 bis 4 % erreicht habe – wenn auch am unteren Ende. Probleme in den USA 2017 setzte Nestlé 89,79 Mrd. sfr (77,76 Mrd. Euro) um und damit nur geringfügig mehr als im Vorjahr. In den USA sanken die Erlöse im jüngst für 2,8 Mrd. Dollar an Ferrero verkauften Süßwarengeschäft (vgl. BZ vom 17. Januar). Schneider, der von 2003 bis 2016 Vorstandschef von Fresenius gewesen war, erklärte dies zum einen mit einer Verzögerung zwischen dem Wachstum der US-Volkswirtschaft und dem der dort aktiven Konsumgüterproduzenten, die auch Wettbewerber zu spüren bekommen hätten. Zum anderen habe Nestlé, nachdem Mitte 2017 das US-Süßwarengeschäft ins Schaufenster gestellt worden war, die verkaufsfördernden Maßnahmen stark gedrosselt. In Brasilien setzte der Preisdruck bei Milch- und Fleischprodukten dem Konzern zu. Andererseits ging es für Nestlé in China, zuletzt eine Problemregion, wieder bergauf. Das Nettoergebnis nach Anteilen Dritter sank um 15,8 % auf 7,18 Mrd. sfr (6,22 Mrd. Euro). Grund waren Wertberichtigungen im Hautgesundheitsgeschäft in Milliardenhöhe. Trotz des Gewinnrückgangs auf 2,32 (i. V. 2,75) sfr je Aktie soll an die Anteilseigner eine auf 2,35 (2,30) sfr erhöhte Dividende ausgeschüttet werden. Analysten hatten mit einer Aufstockung auf 2,40 sfr gerechnet. Zu konstanten Wechselkursen sei der Gewinn je Aktie im Jahresvergleich um 4,7 % gestiegen. Für das laufende Jahr rechnet das Management mit einem organischen Wachstum von 2 bis 4 % sowie einer Verbesserung der operativen Ergebnismarge zu konstanten Wechselkursen; auf dieser Basis erhöhte sich die Rendite 2017 um 50 Basispunkte. Umbaukosten belasten Schneider sieht Nestlé auf Kurs, die mittelfristigen Ziele – u. a. eine organische Wachstumsrate im mittleren einstelligen Bereich bis 2020 – zu erreichen. Er verwies auf die Zeitpunkte, zu denen verkaufte wachstumsschwache Geschäfte, etwa die US-Süßwaren, und akquirierte wachstumsstarke Geschäfte, wie die für 2,3 Mrd. Dollar übernommene Atrium, konsolidiert bzw. nicht mehr konsolidiert würden. Dies habe sich auf die Zahlen von 2017 negativ ausgewirkt; zum Teil werde dies auch 2018 der Fall sein. Dieses Jahr würden allerdings weitere Restrukturierungskosten von 700 Mill. sfr anfallen. Schon 2017 hatten Umbaukosten das Ergebnis belastet.Für Enttäuschung unter Investoren sorgten auch die wieder einmal schwammigen Aussagen zu L’Oréal. Zumindest an eine Aufstockung des von Nestlé gehaltenen 23-prozentigen Paketes an dem französischen Kosmetikkonzern wird offenbar nicht gedacht. Vielmehr wollen sich die Schweizer im Interesse der eigenen Aktionäre “alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten offenhalten”. Darum sei ein Ende März auslaufendes Aktionärsabkommen mit der Eigentümerfamilie Bettencourt nicht verlängert worden. Damit sei jedoch noch keine Entscheidung über die Zukunft der Beteiligung gefallen, betonte Schneider. Diese bleibe eine wichtige Anlage. Third Point, das Investmentvehikel des aktivistischen Investors Daniel Loeb, der im Sommer 2017 mit mehr als 1 % bei Nestlé eingestiegen war, hatte einen Verkauf des Anteils gefordert, der gegenwärtig einen Marktwert von rund 22 Mrd. Euro hat.Ein möglicher Abnehmer für die Beteiligung könnte L’Oréal selbst sein. Konzernchef Jean-Paul Agon hatte erst vor kurzem in einem Interview der “Financial Times” gesagt, der Konzern sei bereit dazu und verfüge auch über die notwendigen finanziellen Ressourcen. Favorit oder Rückzieher?Zugeknöpft gab sich Schneider auch bei Fragen zum möglichen Interesse Nestlés an den Consumer-Health-Sparten von Pfizer und der deutschen Merck. Bis vor kurzem wurde Nestlé als Kandidat, zeitweise sogar als Favorit für die Übernahme der zum Verkauf stehenden OTC-Geschäfte (rezeptfreie Medikamente) der Darmstädter Merck gehandelt. Auch an der entsprechenden Sparte des US-Konzerns Pfizer sollen die Schweizer Interesse gezeigt haben. Doch laut Presseberichten soll Nestlé in beiden Fällen einen Rückzieher gemacht haben.