Netzneutralität aufgekündigt

Amazon und Google scheuen in ihrem Disput nicht vor dem Einsatz ihrer Marktmacht zurück

Netzneutralität aufgekündigt

Offiziell zählen die großen US-Technologiefirmen Google und Amazon zu den Unterstützern der Netzneutralität. Es macht sich auch kaum gut, als dominanter Konzern im Netz für einen bevorzugten Zugang einzelner Anbieter zu plädieren. Im Wettstreit miteinander wird die an anderer Stelle geforderte Neutralität derzeit erstaunlich offen ignoriert.Von Sebastian Schmid, FrankfurtWer bei Google nach Amazons smarten Lautsprechern “Echo”, “Echo Dot” oder “Echo Show” sucht, bekommt gleich mehrere Links angezeigt, über die sich die Produkte bestellen lassen. Google hat diesbezüglich auch keine andere Wahl. Die Bevorzugung der eigenen Produktreihe “Google Home” ist dem Internetdienst von Wettbewerbshütern untersagt worden. Selbst wer “smarte Lautsprecher” als Suchbegriff eingibt, wird erst auf Konkurrenzangebote hingewiesen.Während Google die Angebotsneutralität hier erzwungenermaßen wahrt, sieht sich der weltgrößte Onlinehändler Amazon dazu nicht gezwungen. Wer in Amazons Suchfeld “Google home” eintippt, bekommt die hauseigenen “Echo”-Geräte vorgeschlagen. Wer den TV-Streaming-Stick “Chromecast” sucht, erhält Amazons “FireTV” feilgeboten. Auch die Produkte von Googles Hausautomatisierungstochter Nest wurden aus dem Amazon-Produktkatalog entfernt. Zudem ist Amazon Prime, der Videostreaming-Dienst des Onlinehändlers, bislang nicht auf Googles Chromecast-Geräten nutzbar.Da Google hier Gleiches kaum mit Gleichem vergelten kann, wurde vergangene Woche entschieden, den eigenen Videodienst Youtube künftig den Amazon-Produkten Echo und FireTV vorzuenthalten. Beim Produkt Echo Show, das auch einen Bildschirm hat, wurde Youtube sofort entfernt, beim FireTV wird den Anwendern eine Schonfrist bis zum 1. Januar gegeben. Viele KonfliktfelderEs dürfte nicht die letzte Eskalation im Wettstreit zwischen Amazon und Google sein. Beide Unternehmen tummeln sich zunehmend in den gleichen Geschäftsfeldern. In vielen Fällen hat dabei Amazon die Nase vorn: Als Cloud-Infrastrukturanbieter mit Amazon Web Services, im Online-Shopping, im Smart-Lautsprechergeschäft sowie bei Videostreaming-Sticks. Strengeren Richtlinien muss sich dagegen Onlinesuchdienst Google unterwerfen. Das lädt Amazon geradezu ein, auszuloten, wie weit man gehen kann.Für den Onlinehändler gibt es bei der Konfrontation wenig zu verlieren. Googles Chromecast weist schon heute den geringsten Anteil an Amazon-Prime-Abonnenten unter allen Streaming-Sticks auf (siehe Grafik). Bislang wird Amazon Prime vor allem von FireTV-Besitzern überdurchschnittlich genutzt. Aus Sicht des Konzerns macht es daher Sinn, den Verkauf der eigenen Hardware zu bevorzugen.Der Vorgang wirft indes die Frage auf, wie mit der wachsenden Marktmacht Amazons umzugehen ist. Normalerweise dürfen Händler selbst bestimmen, welche Produkte sie ins Sortiment nehmen. Allerdings ist Amazon längst nicht mehr nur Händler mit eigenem Warenhaus und Versand, sondern in vielen Segmenten die wesentliche Handelsplattform im Netz.Dort ist man sich indes keiner Schuld bewusst. “Google schafft hier einen enttäuschenden Präzedenzfall, indem selektiv der Nutzerzugang zu einer offenen Website blockiert wird”, kommentierte eine Amazon-Sprecherin den Youtube-Entzug für Amazons Produkte. Eine spitzfindige Argumentation. Amazon Prime wird für Chromecast ebenfalls nicht bereitgestellt, ist aber keine Website. Unabhängig davon, ob und wie beide Seiten letztlich zu einer Verständigung kommen, zeigt die Auseinandersetzung erneut, dass die großen US-Technologiekonzerne im Zweifel nicht davor zurückschrecken, ihre Marktmacht einzusetzen, um sich durchzusetzen. Die Aussagen zu Netzneutralität sind im Zweifel nur Lippenbekenntnisse.