Neue Henkel-Spitze kämpft um Vertrauen
Neue Henkel-Spitze kämpft um Vertrauen
Von Antje Kullrich, DüsseldorfHenkel ist aus dem Takt geraten. Turbulent ging es in jüngster Zeit bei dem Persil- und Pritt-Hersteller zu. Eine ganze Reihe von Problemen führte zu mehreren Gewinnwarnungen und gipfelte schließlich in der vorzeitigen Ablösung von Konzernchef Hans Van Bylen zum Jahreswechsel nach nur dreieinhalb Jahren im Amt. Für den konservativen Dax-Konzern, der Kontinuität und Verlässlichkeit hochhält, war das ein geradezu unerhörter Vorgang.Die Investoren hatten im Spätsommer 2019 jedoch für genug Druck gesorgt. Sie wollten der viel zu lange anhaltenden Schwäche der Kosmetik-Sparte, den wenig überzeugenden Konzepten Van Bylens und der mangelnden Kommunikation nicht länger tatenlos zusehen.Mit Carsten Knobel haben sich Aufsichtsrat und der mächtige Henkel-Gesellschafterausschuss für den bisherigen CFO als Nachfolger entschieden. Der muss nun liefern und seine Kritiker widerlegen, die Knobel als wichtigem Part der alten Führung eine Mitverantwortung an der aktuellen Misere zusprechen.In der kommenden Woche soll nun ein neues Kapital aufgeschlagen werden. Die neue Henkel-Spitze – im Dezember hat der Konzern mit Marco Swoboda einen neuen CFO aus den eigenen Reihen benannt – legt am Donnerstag die Bilanz für 2019 vor und präsentiert gleichzeitig ihre Strategie für die kommenden Jahre. Eine scharfe strategische Kehrtwende wird es allerdings wohl nicht geben. Bei Henkel wird traditionell auf geschmeidige Evolution denn auf Revolution und Aktivismus gesetzt. Es ist somit nicht ausgeschlossen, dass die Erwartungen der zuletzt so oft enttäuschten Investoren wieder nicht erfüllt werden. Henkels strategische Mittelfristplanungen haben in der Vergangenheit selten für Begeisterungsstürme gesorgt. Dafür agiert der Traditionskonzern, dessen Mehrheit per Aktienbindungsvertrag fest in den Händen der weit verzweigten Henkel-Familie liegt, einfach zu defensiv.Kulturell muss sich jedoch spürbar etwas ändern. Unter Van Bylen wirkte Henkel behäbig und uninspiriert. Das Duo Knobel/Swoboda muss überzeugen, dass der Henkel-Konzern unter ihrer Leitung wieder mehr für Innovationen, Transparenz und mehr Ideen steht. Die Führung reist dazu nach London. Wahrscheinlich völlig zu Recht geht Henkel davon aus, in der britischen Finanzmetropole deutlich mehr Analysten und Investoren bei der Konferenz persönlich begrüßen zu können als in Düsseldorf-Holthausen. Knobel und Swoboda sind beide begabtere Kommunikatoren als Van Bylen. Der Betriebsausflug ist so etwas wie eine vertrauensbildende Maßnahme. Und die ist auch bitter nötig.Seit zwei Jahren ist Henkel ein Underperformer im Dax. Auch im Vergleich zu wichtigen Wettbewerbern hinkt der Klebstoff- und Konsumgüterhersteller deutlich hinterher. Procter & Gamble, Unilever, Beiersdorf oder L’Oréal haben zuletzt an der Börse mit mehr Wachstumsdynamik und stärkeren Zahlen signifikant besser abgeschnitten.Henkel dagegen stagniert und befindet sich in Sachen Ergebnis sogar im Rückwärtsgang. Denn nach der Kosmetik schwächelt konjunkturbedingt jetzt auch die größte Sparte Klebstoffe, in der Henkel Weltmarktführer ist.Die wichtigsten Eckdaten für das abgelaufene Jahr sind bereits seit der Ad-hoc-Meldung Mitte Dezember bekannt: Der Umsatz bewegte sich 2019 organisch nicht von der Stelle, die bereinigte operative Marge sank um 140 Basispunkte auf 16,2 % und das bereinigte Ergebnis je Vorzugsaktie sank um 9 % auf 5,45 Euro.Die ebenfalls im Dezember veröffentlichte Prognose für 2020 fällt noch düsterer aus: Die Rendite wird weiter schrumpfen auf etwa 15 %, das Ergebnis je Aktie erneut zurückgehen und bei der organischen Umsatzentwicklung hält Henkel allenfalls ein Plus von 2 % für realistisch. Und das war noch bevor das Coronavirus die Aussichten der Weltwirtschaft eintrübte.Und neben all diesen Hausaufgaben darf sich die neue Henkel-Spitze auch noch mit einem gewichtigen M&A-Thema herumschlagen: Seit Oktober stehen die Haarpflegeaktivitäten von Wella wieder einmal zum Verkauf. Henkel tritt gegen Finanzinvestoren an. Kolportiert wird ein Unternehmenswert von etwa 8 Mrd. Euro. Es wäre die größte Übernahme der Firmengeschichte.