Rettungsversuche in Sulzemoos
Rettungsversuche in Sulzemoos
Von Stefan Kroneck, MünchenMichael Jaffé ist ein gefragter Anwalt, wenn es darum geht, pleitegegangene Unternehmen für Gläubiger zu verwerten oder irgendwie vor dem Untergang zu retten. Er machte sich einen Namen mit den Pleitefällen Kirch Media und Qimonda.Nun ist Jaffé in der bayerischen Provinz aktiv. Dieser Tage berief ihn das zuständige Amtsgericht in der Landeshauptstadt zum vorläufigen Verwalter der insolventen Phoenix Solar AG (vgl. BZ vom 19. Dezember). Der Fotovoltaikspezialist mit Sitz in Sulzemoos bei München meldete zuvor Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit an. Jaffé wacht seitdem über das verbliebene Vermögen des Unternehmens mit seinen 120 Mitarbeitern im Rahmen eines Regelinsolvenzverfahrens. Das heißt, Vorstandschef Tim Ryan bleibt vorerst weiter im Amt als verantwortlicher Manager für das operative Geschäft. Der US-Amerikaner führt das Unternehmen seit fast drei Jahren.Die Gründe für die Pleite der 2004 an die Börse gegangenen Firma sind vielschichtig, teils kurios. Ursache war die Expansion der US-Tochtergesellschaft. Die auf die Entwicklung und Betriebsführung von großen Solaranlagen ausgerichtete Phoenix Solar Inc. gewährte nach Angaben von Jaffés Kanzlei einem amerikanischen Großkunden einen Anzahlungs- und Vertragserfüllungsavalkredit von 8 Mill. Dollar, um Geschäfte abzusichern. CEO und President dieser Konzerntochter ist auch Ryan. In der Bauindustrie sind solche Zwischenfinanzierungen üblich. Im Herbst beanspruchte der Auftraggeber diese Avallinie. Die US-Konzerneinheit konnte dies aber mangels Liquidität nicht erfüllen. Banken ziehen den SteckerDie Muttergesellschaft musste einspringen. Aber auch die AG war damit überfordert, da die Summe ihre “finanziellen Möglichkeiten überstieg”, wie es Jaffés Büro formulierte. Phoenix Solar kam in die Bredouille, da die Gläubigerbanken nicht mehr mitmachten. Sie zogen den Stecker. Das Unternehmen war “mit Erstattungsansprüchen der ausstellenden Banken in gleicher Höhe konfrontiert”, erklärte der Insolvenzverwalter. Ende September verfügte die 1999 gegründete Firma nur noch über 2,2 (i.V. 11,6) Mill. Euro liquider Mittel. Der operative Cash-flow sackte auf – 10,3 Mill. Euro ab nach 6,3 Mill. Euro ein Jahr zuvor.Dabei verlängerten mehrere Banken erst im März 2016 ihre Finanzierungszusagen für Phoenix Solar bei einem Volumen von 101 Mill. Euro mit einer Laufzeit bis Ende September 2018. Der dabei reduzierte Darlehensumfang setzte sich aus einem Konsortialkredit von 85,4 Mill. Euro sowie “weiteren bilateralen Cash- und Avallinien zusammen”, wie die Firma seinerzeit berichtete.Bei solchen Verträgen steckt allerdings der Teufel im Detail. Die Banken richteten sich ein außerordentliches Kündigungsrecht ein für den Fall, dass eine “wesentliche Verschlechterung der Vermögensverhältnisse oder der Geschäftslage” eintritt, wie Phoenix Solar im Risikoteil des Geschäftsberichts 2016 einräumte. “Eine derartige Verschlechterung würde dazu führen, dass der Fortbestand des Unternehmens gefährdet ist”, hieß es. Darauf wies auch der Abschlussprüfer PricewaterhouseCoopers in seinem Testat hin.Seinerzeit ging der Vorstand noch davon aus, “dass die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens während der Laufzeit des Konsortialkredits gesichert ist”. Zugleich wies der Vorstand aber auf Risiken bei der Fremdfinanzierung von Fotovoltaikanlagen hin. Banken agierten “zunehmend restriktiv”. Vor diesem Hintergrund konzentrierte sich Phoenix Solar zunehmend auf die Projektentwicklung. Der Worst Case trat dennoch ein. Ende Oktober gab der Vorstand eine zweite Gewinnwarnung fürs laufende Geschäftsjahr ab nach der ersten Anfang August. Ryan befürchtete darin einen operativen Verlust von bis zu 10 Mill. Euro nach einem Mini-Gewinn von 0,6 Mill. Euro ein Jahr zuvor. Er warnte, dass der Umsatz auf bis zu 90 (i.V. 139) Mill. Euro einbrechen könnte. Nach neun Monaten wies der Konzern bei Erlösen von 64 (108) Mill. Euro bereits einen operativen Verlust von 9,3 Mill. Euro aus nach einem Gewinn von 0,4 Mill. Euro ein Jahr zuvor. Der Vorstandschef begründete den deutlich verschlechterten Ausblick unter anderem mit externen Faktoren: “Die Korrektur wurde aufgrund verspäteten Auftragseingangs und Unsicherheiten im US-Markt wegen laufenden Auseinandersetzungen um neue Schutzzölle erforderlich.”Der Protektionismus von US-Präsident Donald Trump erreichte also auch die kleine Gemeinde im Landkreis Dachau. Dessen ungeachtet verlängerte der Aufsichtsrat sechs Tage danach Ryans Vertrag um ein Jahr und äußerte sich zuversichtlich mit Blick auf die Fortschritte im Vertrieb. Derweil verloren die Anleger das Vertrauen in die überwiegend in Streubesitz befindliche Phoenix Solar AG. Die Aktie, die sich ohnehin auf Talfahrt befand, stürzte nach der Insolvenzmeldung auf Penny-Stock-Niveau ab. Bei einem Kurs von 0,27 Euro ist die Firma nur noch 2 Mill. Euro wert. Den Aktionären droht der Totalverlust. Ende September weitete sich das negative Konzerneigenkapital auf 26,1 Mill. Euro aus. Zum Jahresultimo 2016 waren es noch – 12,1 Mill. Euro.In dieser desolaten Lage muss nun Jaffé eingreifen, um Phoenix Solar wenigstens für eine Weile zu stabilisieren. Der Geschäftsbetrieb solle weitgehend fortgeführt werden, um Projekte abzuarbeiten, ließ er verkünden. Da man sich aber noch am Anfang des Prozesses befinde, sei es “noch zu früh, eine Aussage über die Erfolgsaussichten abzugeben”. Jaffé rief die Gläubigerbanken auf, ihn dabei zu unterstützen. Die Perspektive von Phoenix Solar schwankt nun zwischen Abwicklung und Neustart unter einem anderen Eigentümer. ——–Der Solaranlagenspezialist Phoenix Solar ist pleite. Michael Jaffé ist vorläufiger Verwalter.——-