Schweizer Alpiq zerschlägt sich

Industriesparte geht samt Kraftanlagen für 850 Mill. sfr an französische Bouygues - 7 600 Stellen betroffen

Schweizer Alpiq zerschlägt sich

wb Frankfurt – Der Schweizer Energiekonzern Alpiq zieht nach Verlusten die Reißleine und trennt sich vom Großteil seines Geschäfts. Verkauft werden mit der Gebäudetechnik-Tochter Intec und der deutschen Kraftanlagen personalintensive Aktivitäten. Erwerber des Engineering ist der französische Mischkonzern Bouygues, der dafür 850 Mill. sfr in bar berappt. Damit erhalten 7 650 Beschäftigte einen anderen Arbeitgeber. Alpiq spricht von “neuen Perspektiven”. In der Schweizer Gruppe sind in den fortgeführten Geschäften künftig lediglich 1 500 Leute tätig.Der Verkauf von Gebäudetechnik (Intec) und Energiedienstleistungen für die Industrie (Kraftanlagen-Gruppe) kommt damit einem Kahlschlag gleich. Auf diesen Gebieten ist Alpiq bisher teilweise Wettbewerber von Bilfinger in Mannheim.Nach der Trennung fokussiere sich Alpiq auf das Kerngeschäft, die Stromproduktion in der Schweiz sowie internationalen Aktivitäten. Diese umfassen den Kraftwerkpark, die erneuerbaren Energien sowie den Energiehandel. Bouygues will mit der Akquisition die Präsenz in der Schweiz verstärken. Engineering Services erzielte 57 % des Umsatzes von zuletzt 1,7 Mrd. sfr in der Eidgenossenschaft, 24 % in Deutschland und 12 % in Italien. Somit biete die Übernahme auch die Gelegenheit, in neue europäische Märkte vorzudringen, berichtet Bouygues. In den Kundenbranchen ist das bisherige Alpiq-Geschäft teilweise ein Wettbewerber von Bilfinger in Mannheim. Kraftanlagen war einst mit dem Zusatz Heidelberg eine Tochter der Frankfurter Agiv und selbst börsennotiert. Sie ging als GAH 1998 an die Deutsche Beteiligungs AG. Tief in roten ZahlenAllein von 2012 bis 2016 ging der Umsatz um mehr als die Hälfte zurück, und das Unternehmen machte hohe Verluste. Nach eigenen Angaben lag dies daran, dass Alpiq keine Endkunden versorgt, sondern den erzeugten Strom im Großhandel vertreibt, wo die zu erzielenden Preise lange unter den Erzeugungskosten lagen. Der Umsatz stieg zwar 2017 um 18 % auf 7,2 Mrd. sfr, doch das operative Ergebnis (Ebitda) brach um 24 % auf 301 Mill. sfr ein. Alpiq begründet den Rückgang mit Währungseffekten, gesunkenen Großhandelspreisen sowie außerplanmäßigen Stillständen bei einem Kernkraftwerk. Im Reinergebnis resultierte ein Verlust von 33 Mill. sfr nach einem Gewinn von 115 Mill. sfr zuvor. Nach Sondereinflüssen steht ein Minus von 84 Mill. sfr zu Buche. Das Ebitda der fortgeführten Aktivitäten vor Sondereinflüssen belief sich 2017 auf 245 (i.V. 325) Mill. sfr. Das Kapital der 2009 aus dem Zusammenschluss von Atel (Aare-Tessin AG für Elektrizität) und Eos (Energie Ouest Suisse) entstandenen Alpiq liegt zu 31,4 % bei Eos Holding, zu 25,04 % bei einer EDF-Tochter, zu 13,6 und 7,1 % bei zwei Schweizer Genossenschaften sowie drei regionalen Institutionen. Lediglich 12,1 % sind im Streubesitz. Die Aktie zog am Montag um 5,3 % auf 77 sfr an. Radikaler SchwenkMit der Trennung von Intec und Kraftanlagen macht Alpiq einen radikalen Schwenk. Ursprünglich sollten die von hohen Kapitalkosten und niedrigen Energiepreisen belasteten Wasserkraftanlagen verkauft werden. Das misslang jedoch 2017. Die Anteile an den beiden Kernkraftwerken wollte Alpiq an EDF verschenken bzw. für 1 sfr der Schweiz verkaufen – ebenfalls ohne Erfolg. Mit Gebäudetechnik und Service-Geschäft trennen sich die Eidgenossen nun von Aktivitäten, die sie erst in den vergangenen Jahren zur Diversifikation aufgebaut hatten. Für die Transaktion nennt Alpiq zwei Gründe: Erstens habe man derzeit nicht die finanziellen Mittel, um das Engineering weiterzuentwickeln. Zweitens stärke der Konzern mit dem Verkauf das Kerngeschäft. Die Schulden würden reduziert und die Kapitalmarktfähigkeit gestärkt. Im Ausblick geht der Konzern auch für 2018 von einem herausfordernden Jahr und einem nochmals sinkenden Ergebnis aus. Erholung sei erst mittel- bis langfristig in Sicht. Angesichts der roten Zahlen fallen sowohl die Dividende für 2017 als auch die Zinsen auf die Hybridanleihen der Kernaktionäre aus. Positive Ergebnisbeiträge lieferten laut einer Mitteilung insbesondere der internationale Energiehandel und das Kundengeschäft, die Stromproduktion aus den flexiblen Kraftwerken in Europa sowie erneuerbare Energien. Mit der Devestition richte sich Alpiq auf die Stromproduktion in der Schweiz sowie auf internationale Aktivitäten aus, die den Kraftwerkspark, erneuerbare Energien sowie die Präsenz im Energiehandel umfassen. Zudem wird Alpiq ihr Kerngeschäft zur Effizienzsteigerung weiter digitalisieren und ihr Kundenportfolio mit Smart Solutions auch außerhalb der Schweiz ausbauen.Die Nettoschulden wurden 2017 auf 0,7 Mrd. sfr reduziert. Alpiq verfügt nach eigenen Angaben über eine “nach wie vor solide” Liquidität von 1,4 (i. V. 1,5) Mrd. sfr. Die Eigenkapitalquote liegt stabil bei 38,9 %.