Siemens-Aktionäre billigen Spaltung

Fast alle Anteilseigner stimmen für Börsennotierung des Energiegeschäfts - Plan für Kohleausstieg

Siemens-Aktionäre billigen Spaltung

Die Siemens-Aktionäre haben die Abspaltung des Energiegeschäfts mit überwältigender Mehrheit abgesegnet. Einen Geschäftsplan legte der Konzern für Siemens Energy nicht vor. Vorstandschef Joe Kaeser strich die Bedeutung der Wasserstofftechnologie heraus und kündigte einen Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle an.mic München – Siemens darf das Energiegeschäft abspalten und damit den Konzern zerlegen. In einer außerordentlichen Hauptversammlung stimmten 99,4 % der Aktionäre für das Vorhaben. Mit dem Votum sprächen sich die Anteilseigner sehr klar für die Abspaltung aus, so das Urteil des Aufsichtsratsvorsitzenden Jim Hagemann Snabe. In der Folge wird die neue Gesellschaft Siemens Energy mit einem Umsatz von rund 29 Mrd. Euro am 28. September an die Börse geführt. Einsprüche und ein folgendes Freigabeverfahren könnten den Prozess jedoch verzögern. Der Streubesitz beträgt 55 %.Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser hatte zuvor erklärt: “Heute ist ein historischer Tag für Siemens.” Snabe ergänzte: “Mit der außerordentlichen Hauptversammlung können wir heute eine große Etappe in der Neuerfindung von Siemens abschließen.” Mit Finanzvorstand Ralf Thomas betonten sie, die künftigen eigenständigen Einheiten könnten schneller und flexibler agieren.In Statements hatten Union-Investment-Portfoliomanagerin Vera Diehl und ihr Deka-Kollege Winfried Mathes in den vergangenen Tagen die Strategie grundsätzlich begrüßt, jedoch auch Zweifel angemeldet (vgl. BZ vom 8. Juli). Die Schaffung schlagkräftigerer Einheiten sei besser, als Kräften ausgesetzt zu sein, die eine Zerschlagung von außen möglicherweise erzwängen, erklärte am Tag der Hauptversammlung auch die DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt in einer Pressemitteilung.Kaeser, der den Energy-Aufsichtsratsvorsitz übernehmen soll, lockte mit einer höheren Bewertung der künftigen Siemens AG. Denn rechnerisch ist die aktuelle Marktkapitalisierung Kaeser zufolge mit mehr als 30 Mrd. Euro außergewöhnlich niedrig im Vergleich zu den europäischen Konkurrenten ABB und Schneider Electric (siehe Grafik). Auch Eaton wird in Relation zu Umsatz und Gewinn höher bewertet. “Hier dürften in naher Zukunft die wohl größten Potenziale einer Neubewertung nach der Abspaltung liegen”, sagte Kaeser. Thomas zeigte sich zuversichtlich, dass die Siemens-Energy-Aktie in den MDax aufgenommen wird. Eine spätere Aufnahme in den Dax 30 sei nicht ausgeschlossen. Keine Infos zur Equity Story Neue Informationen über die Equity Story und konkrete Geschäftsziele der Siemens Energy AG, die ein Finanzrating von “BBB” aufweist, nannte das Management nicht. In der Rede widmete Kaeser dem Thema Wasserstoff viel Zeit. Er habe das Potenziel, fossile Kohlenwasserstoffe als Energieträger zu ersetzen. Kaeser bestätigte auch frühere Informationen, dass Siemens Energy den Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle andenken will. Er habe den Vorstand gebeten, zügig einen stakeholdergerechten Plan vorzulegen.Snabe begründete die überraschende Trennung von dem designierten Energy-CEO und seinem CFO im März damit, dass die Interessenlagen nicht mehr vereinbar gewesen seien. Ein Beispiel sei der Grad der Verselbständigung gewesen. “Siemens Energy wollte möglichst viele Funktionen selbständig neu aufbauen, die Siemens AG wollte die Trennungskosten minieren und setzte auf mehr gemeinsame Funktionen.”Eine isolierte Goodwill-Beurteilung für die zugekaufte Gesellschaft Dresser-Rand hat es nicht gegeben: Dies machte Thomas deutlich. Wie in der IFRS-Rechnungslegung vorgeschrieben, sei der Goodwill für die gesamte Sparte Gas & Power geprüft worden. 71 % des Siemens-Energy-Goodwill von 9,7 Mrd. Euro entfalle auf Gas & Power. Thomas versuchte die Befürchtung von Investoren zu zerstreuen, dass eine Abschreibung wegen sinkender Ölpreise nötig werden könnte. Dresser-Rand habe viele langfristige Serviceverträge mitgebracht, die weniger abhängig von der Marktentwicklung seien. Kaeser verteidigte den Transaktionsbonus, den die Siemens-Energy-Vorstände beim Erreichen einer nicht offengelegten Marktkapitalisierung erhalten. Dem CEO würden maximal 1,5 Mill. Euro gezahlt. Er wies zudem Vermutungen zurück, dass die künftige Siemens AG weiter zerlegt werden könnte. Eine Abspaltung der Sparte Digital Industries sei nicht geplant.Die Hauptversammlung wurde wegen der Corona-Pandemie nur online abgehalten. Die Präsenz, die anfangs 61,4 % betragen hatte, schmolz bis zur Abstimmung auf 57,5 % ab. 76 Fragesteller hatten vorab 207 Fragen eingereicht – wesentlich mehr als bei den beiden vorangegangenen Präsenz-Hauptversammlungen mit mehr als 150 bzw. mehr als 110 Fragen. Am Ende der Vorstandsreden registrierte Siemens gut 3 200 Teilnehmer in den internen Kommunikationskanälen. Außerdem nutzten 650 Interessierte öffentlich zugängliche Netze. Die Kosten der virtuellen Hauptversammlung bezifferte Siemens auf 2,5 Mill. Euro. Dies sei ein Drittel weniger als bei einer Präsenzveranstaltung, hieß es. Davon flossen 1,5 Mill. Euro in Druck und Versand von Unterlagen.