Siemens Gamesa gerät in Turbulenzen

Minderheitsaktionär Iberdrola wählt Konfrontationskurs - Gegenanträge auf Hauptversammlung - Lernfeld indirekte Führung

Siemens Gamesa gerät in Turbulenzen

Von Michael Flämig, MünchenIndirekte Führung lautet die neue Zauberformel im Siemens-Reich. Denn die großen börsennotierten Töchter für Windkraft, Medizintechnik und künftig Bahntechnologie dürfen nicht mehr durch umwegsloses Zügelstraffen gelenkt werden. Wie beschwerlich dieser veränderte Ansatz der Corporate Governance sein kann, zeigt das Beispiel der spanischen Siemens Gamesa. Das Unternehmen hat nicht nur einen geschäftlichen Fehlstart hingelegt, sondern verstrickt sich auch in einen Machtkampf zwischen Mehrheitsaktionär Siemens (59 %) und Minderheitsanteilseigner Iberdrola (8 %). Am Freitag wird die Auseinandersetzung in einem Konferenzzentrum nahe des Flughafens Bilbao kulminieren: Auf der dortigen Hauptversammlung schießt der Energieversorger mit zwei Gegenanträgen gegen den Geschäftspartner aus München. Der Tenor: Die Deutschen sind einmarschiert und hauen uns übers Ohr.Die Anträge formulieren dies natürlich etwas vornehmer. Dort wird einerseits gefordert, dass alle Boardmitglieder die gleichen Informationen erhalten und die Entscheidungen nicht außerhalb Spaniens fallen sollen. Im Land müssten alle Kompetenzen gehalten werden, und zwar auch für das Onshore-Geschäft. Schutz für MinderheitenAndererseits fordert Iberdrola nicht nur Garantien dafür, dass die Boardmitglieder von Siemens oder Iberdrola bei Entscheidungen über Gamesa-Geschäfte mit dem jeweils anderen Unternehmen nicht mitstimmen dürfen. Mehr noch: Bei jeder wichtigen geschäftlichen Entscheidung müsse eine unabhängige Expertenuntersuchung sicherstellen, dass die Rechte der Minderheitsaktionäre gewahrt blieben. Als wichtig werden jene Vereinbarungen eingestuft, die beispielsweise mehr als 1 % des Jahresumsatzes umfassen oder Finanzierung/Cash Pooling umfassen. Die Conclusio: Das Risiko eines De-facto-Management von Siemens Gamesa durch den Mehrheitsaktionär – also einer Art Fernsteuerung – sei zu verhindern. Dass Siemens noch lernen müsse, wie man indirekt führe, sei unbenommen, heißt es bei den Münchnern. Aber: Das angestrebte Regelwerk wird abgelehnt mit Verweis auf die aktuelle Praxis. Tatsächlich müssen Board-Mitglieder schon bisher den Raum verlassen, wenn es um Angelegenheiten der Großaktionäre geht. Wird über Geschäfte mit Siemens diskutiert, haben also Iberdrola-Vertreter das Sagen. Zuvor wird auch der Prüfungsausschuss mit derartigen Angelegenheiten befasst, der aus drei externen Experten besteht. Dass wiederholte externe Sonderprüfungen das Unternehmen auf dem sich stark wandelnden Markt bremsen würden, liegt auf der Hand. Proxy-Advisor contra SiemensNur: Für Iberdrola und dessen einflussreichen Präsidenten Ignacio Sánchez Galán ist die Auseinandersetzung ein Heimspiel. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der spanischen Presse wider. Im Unternehmen ist Galán zudem gut vernetzt – so ist sein Schwiegersohn David Mesonero im Vorstand für die Integration verantwortlich. Außerdem musste Siemens erst die eigene Position definieren. Einmarsch? Gamesa sei halt keine Iberdrola-Dienststelle mehr, so die Wahrnehmung in München. In diesem Zusammenhang ist es mehr als schmerzhaft, dass Proxy-Advisor wie ISS einen der Iberdrola-Anträge unterstützen: Auch sie wollen die Minderheitenrechte gestärkt sehen.Mittlerweile zieht man in München die Konsequenzen. Dass beim Healthineers-Börsengang kein Ankerinvestor zum Zuge kam, dürfte unter anderem auch den Gamesa-Erfahrungen geschuldet sein. Iberdrola wird man versuchen zu vermitteln, dass man am gleichen Strang ziehen sollte, weil man ähnliche geschäftlichen Interessen vertritt.Ob dies hilft? Nicht nur hat Siemens die stolze spanische Seele verletzt und muss damit ein kulturelles Problem lösen, sondern Iberdrola mag handfeste andere Interessen haben. Denn wenn der spanische Konzern seinem Widerpart Siemens nachweisen kann, einen Punkt der 64-seitigen Aktionärsvereinbarung verletzt zu haben, kann der Minderheitsaktionär verlangen, ausgezahlt zu werden. Er erhält mindestens 22 Euro je Aktie oder 30 % mehr als das aktuelle Kursniveau. Ein lohnendes Geschäft, denn zuletzt notierte die Aktie bei 13,30 Euro.