Siemens laboriert an der Diagnostiksparte
Siemens laboriert an der Diagnostiksparte
Von Michael Flämig, MünchenDie große Unbekannte des angekündigten Börsengangs der Siemens-Sparte Medizintechnik ist die Zukunft der Labordiagnostik. Denn die Investoren werden einen Hoffnungswert kaufen: Das Management will mit einem völlig umgestalteten Produkt den Markt angehen. Valide Ergebnisse des Neustarts werden erst lange nach dem IPO zu erkennen sein. Was also steckt in dem Geschäft mit der Labordiagnostik? Hoher Goodwill nach M & AAus der historischen Perspektive ist die Antwort klar: Die Einheit ist Resultat eines Akquisitionsfeldzuges. Mitte des vergangenen Jahrzehnts kauften die Münchner den US-Konzern Dade Behring (für umgerechnet 5 Mrd. Euro), die Labordiagnostik von Bayer (4,2 Mrd. Euro) und die US-Firma Diagnostic Products (1,5 Mrd. Euro). Die Börse war teils entsetzt über die Kaufpreise, schon 2009/2010 (30. September) musste eine Wertminderung von 1,2 Mrd. Euro (vor Steuern) verdaut werden. Ende vorigen Jahres standen die Aktivitäten trotzdem noch mit einem Geschäfts- und Firmenwert von 5,1 Mrd. Euro in den Büchern. Kurz gesagt: Siemens ist mit dem neuen Produkt zum Erfolg verdammt, um das Risiko von Einschnitten an dieser Stelle zu minimieren.Klar ist die Antwort auf die Frage nach dem Wesenskern der Labordiagnostik auch aus der operativen Perspektive. Die In-vitro-Diagnostik analysiert Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin, um eine Diagnose von Krankheiten zu ermöglichen. Die Testsysteme und Verbrauchsmaterialien bedienen beispielsweise die klinische Chemie und Immundiagnostik, die Molekulardiagnostik, die Mikrobiologie oder die klinische Laborautomatisierung.Ebenfalls eine klare Sache: das Geschäftsmodell. Denn die Labordiagnostik folgt weltweit dem Vorbild von Gillette/Wilkinson & Co: Erst verteilt man Nassrasierer fast zum Nulltarif, anschließend streicht man hohe Summen ein mit dem Verkauf der unverzichtbaren Rasierklingen. Im Fall der Labordiagnostik werden Diagnose-Instrumente ebenfalls zu einem sehr günstigen Preis an die Kunden gebracht. Auch dies ist kein karitativer Akt, denn anschließend laufen die hochprofitablen und weitgehend vorhersagbaren Order für die Verbrauchsmaterialien ein. Zudem bildet die US-Zulassungsbehörde FDA eine meist zuverlässige Markteintrittsbarriere, weil ein Verkauf der Verbrauchsmaterialien ohne ihre schwer zu erlangende Zulassung nicht möglich ist.Aus einer ökonomischen Perspektive ist die Frage, was denn in dem Geschäft mit der Labordiagnostik steckt, wesentlich schwerer zu beantworten. Dies gilt zumindest für Siemens. Denn seit 2014/2015 weist der Konzern die Einheit im Zahlenwerk nicht mehr getrennt aus.Die Scham hat einen Grund, wie der Blick in die Geschäftsberichte und Firmenpräsentationen der Vorjahre zeigt: Es lief richtig schlecht für die Münchner. Die Wachstumsraten blieben deutlich unter dem Plus des Marktniveaus, das Siemens aktuell mit rund 4 % angibt. Im Geschäftsjahr 2013/2014 wuchs die Labordiagnostik-Einheit auf vergleichbarer Basis um 1 %. Nicht viel besser sah es in den Vorjahren aus: 2 %, 4 %, 0,2 %, 2,5 %, 1,5 % und 3,0 % lautet die Datenreihe chronologisch absteigend von 2012/2013 bis 2007/2008.Ein Jammer ist dies deshalb, weil das Geschäft sehr profitabel sein kann. Die bereinigte Marge sank zwar in den Jahren 2007/2008 bis 2011/2012, aber die Werte waren auf bereinigter Basis trotzdem immer zweistellig: 18,6 %, 16,1 %, 17,6 % und 13,1 %. An diese glanzvollen Zeiten möchte das aktuelle Management der Medizintechnik – die Siemens-Sparte firmiert unter dem Namen Healthineers – anknüpfen: Die frisch fertiggestellte Labordiagnostik-Plattform Atellica Solution soll es richten. Healthineers-Chef Bernd Montag kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der Innovation spricht: “Wir sind superpositiv.”Was also steckt in der Labordiagnostik aus dieser Zukunftsperspektive? Nicht viel, können Skeptiker antworten. Denn der Konzern habe ja schon im Jahr 2009 mit viel Tamtam eine neue Plattform mit dem Namen Vista platziert, die dann doch nicht reüssierte.Healthineers-COO Michael Reitermann lässt dies nicht gelten. Er zeigt sich auch heute noch davon überzeugt, dass Vista ein großartiges Produkt sei. Es eigne sich aber nur für ein bestimmtes Marktsegment, erklärte er Analysten. Mittlerweile seien Labore durch Fusionen größer geworden, außerdem arbeiteten sie nach dem Nabe-Speiche-Konzept. Dafür eigne sich die modulare und damit skalierbare Plattform Atellica besser als Vista: “Dies ist ein viel größerer Marktstart mit einer weit breiteren Abdeckung des Marktes als irgendetwas, was wir mindestens seit zehn Jahren getan haben.” Denn Atellica bediene 70 % des Labor-Marktes. Ein Wendepunkt sei die Plattform, sagt auch Michael Sen, der im Konzernvorstand die Sparte Medizintechnik verantwortet: “Nach Jahren sind wir schließlich in der Lage, die alten Plattformen zu konsolidieren und Innovationsführerschaft zu beweisen.” Denn die bisherigen Siemens-Plattformen im Labordiagnostik-Geschäft sollen heruntergefahren werden. Sen berichtet von begeisterten Kundenreaktionen nach der Atellica-Präsentation. Warten auf den GewinnTatsache ist aber auch: Es zieht sich. Atellica wird erst im laufenden Quartal in Europa und Amerika eingeführt, im nächsten Jahr soll, Japan folgen und ein weiteres Jahr später dann China. Die Siemens-Geschäftszahlen reagieren mit noch größerer Verzögerung. Im nächsten Jahr werde der Siemens-Umsatz noch im Tempo des Marktes wachsen, im Folgejahr sei ein überproportionales Plus geplant, erklärte Montag vor einigen Wochen den Analysten.Der teure Verkauf der Plattformen wird den Plänen zufolge die Profitabilität im nächsten Jahr senken. Das Management erwartet erste positive Beiträge im Jahr 2019 und einen Betrag zur Gewinnsteigerung dann wiederum ein Jahr später. Dann allerdings wird Healthineers, wenn die aktuellen Pläne denn umgesetzt werden, bereits gut zwei Jahre an der Börse notiert sein.