Tech-Riesen drängen an Börse Hongkong
Tech-Riesen drängen an Börse Hongkong
nh Schanghai – Nach dem Technologieriesen Alibaba steht mit Netease Inc. ein weiterer chinesischer Internetkonzern mit Notierung an der Wall Street für ein Zweitlisting an der Hongkonger Börse bereit. Wie am Donnerstag durchsickerte, hat die Netease-Offerte in Hongkong stürmischen Zulauf von den Investoren bekommen, so dass die Orderbücher bereits einen Tag vor Ablauf der Frist geschlossen werden konnten. Netease dürfte damit am oberen Rand der Angebotsspanne bei 126 HK-Dollar je Aktie mit dem Zweitlisting etwa 2,8 Mrd. Dollar (rund 2,5 Mrd. Euro) einsammeln. Alibaba als VorreiterNetease, ein führender chinesischer Anbieter von Internetdiensten und Cybersecurity-Technologie, gehört zu einer Reihe von Technologiekonzernen aus dem Reich der Mitte, die auf verstärkte Spannungen zwischen China und den USA und wachsende Vorbehalte in US-Politikkreisen gegenüber Listings von chinesischen Unternehmen an US-Börsen reagieren. Sie versuchen nun eine Art Rückkehr in die Heimat zu inszenieren und ihren Börsenauftritt in den USA mit einem Zweitlisting in Hongkong oder in Schanghai zu flankieren. Netease hat in letzter Zeit vor allem Erfolge als Entwickler und Anbieter von Onlinespielen (Gaming) gefeiert und gilt mittlerweile als Nummer 2 hinter dem ebenfalls chinesischen Gaming-Branchenführer Tencent. Die Gesellschaft kam zuletzt auf einen Marktwert von rund 45 Mrd. Dollar. Netease wird etwa 5 % ihres ausstehenden Marktkapitals in Hongkong aufs Parkett bringen und soll am 11. Juni in den Handel kommen. Als Emissionsbegleiter fungieren China International Capital Corporation (CICC), Credit Suisse und J.P. Morgan Chase.Den Anfang mit entsprechenden Zweitlistings hatte der chinesische Onlinehandelsgigant Alibaba im vergangenen Jahr gemacht und dabei im September 2019 mit einer stürmisch empfangenen Aktienofferte rund 13 Mrd. Dollar eingesammelt. Alibabas großer Aufschlag hat der Hong Kong Exchanges (HKEX) maßgeblich dazu verholfen, auch im vergangenen Jahr das weltweite Ranking unter den weltweit aufkommensstärksten Börsen im Geschäft mit Initial Public Offerings (IPOs) noch vor Nasdaq und New York Stock Exchange anzuführen.In diesem Jahr allerdings hat sich das Blatt deutlich gewendet. So haben einige Verwerfungen im Hongkonger Markt das IPO-Geschäft in diesem Jahr völlig verkümmern lassen. Dazu gehören monatelange Demonstrationen und Straßenunruhen, die Querelen um ein neu verabschiedetes Sicherheitsgesetz für Hongkong, das viele Kritiker als eine Unterhöhlung des von China zugesicherten Autonomiestatus für die Sonderverwaltungszone Hongkong werten, sowie nicht zuletzt auch die Coronakrise und ihr stark negatives Abfärben auf Hongkongs Wirtschaft.Nun allerdings kann man in Hongkong auf eine kräftige Blutzufuhr im IPO-Geschäft hoffen, denn auch eine Reihe anderer chinesischer Technologiekonzerne mit Wall-Street-Notierungen liebäugeln mit einer Aktienofferte auf dem Hongkonger Markt.Bereits in den Startlöchern sitzt der nach Alibaba zweitgrößte chinesische E-Commerce-Player JD.com. Dieser hat bereits eine Freigabe für ein Hongkong-Listing seitens des Börsenbetreibers erhalten. JD.com wird dem Vernehmen nach eine ebenfalls substanzielle Kapitalaufnahme in einer Größenordnung von 2 Mrd. Dollar stemmen. Als ein weiterer möglicher Kandidat für ein Zweitlisting in Hongkong gilt Chinas führender Suchmaschinenbetreiber Baidu, der wie auch JD.com bereits seit einigen Jahren an der Nasdaq notiert ist.Die Hongkonger Börse hatte erst im vergangenen Jahr mit einer weitreichenden Regeländerung des Listingregimes dafür gesorgt, dass der Teppich für rückkehrwillige chinesische Tech-Unternehmen ausgerollt werden kann. Zum einen bedurfte es dafür einer Freigabe für Unternehmen, die wie im Technologiesektor üblich mit mehrfachen Aktienklassen und gewichteten Stimmrechten auftreten. Dieser vor allem von gründerdominierten Unternehmen favorisierte Modus, der ihnen auch als Börsenunternehmen einen langfristigen Erhalt der unternehmerischen Kontrolle sichert, ist an US-Börsen schon seit langem gang und gäbe. Er wurde von den Hongkonger Regulatoren allerdings erst nach einem langen Ringen und hartnäckigem Lobbyismus seitens der HKEX akzeptiert. Wege bereitetAlibaba hatte vor ihrem bahnbrechenden Börsengang an die New York Stock Exchange im September 2014 eigentlich ein IPO in Hongkong favorisiert, konnte allerdings keine Regelaufweichung durchsetzen. Damit ging der HKEX das mit 25 Mrd. Dollar damals weltgrößte IPO durch die Lappen. In einem weiteren Schritt, der Zweitlistings favorisiert, hatte die HKEX nicht zuletzt mit Blick auf Alibaba einen neuen Diskretionsmechanismus eingeführt. Er ermöglicht es listingwilligen chinesischen Unternehmen, entsprechende Anträge ohne Publikmachung zu stellen und damit auch in der Sondierungsphase einen direkten Einfluss auf die in den USA gelisteten Aktiennotierungen zu verhindern.