Tui braucht schnellen Neustart

Reisekonzern schließt Kapitalerhöhung nicht aus - Tiefrote Zahlen im Halbjahr - 8 000 Stellen fallen weg

Tui braucht schnellen Neustart

Trotz schneller umfassender Sparmaßnahmen im erzwungenen Stillstand der Coronakrise hat Tui von Ende März bis heute rund 1 Mrd. Euro verbrannt. Konzernchef Fritz Joussen setzt auf einen baldigen Neustart des Geschäfts “in ausgewählten Zielgebieten”. Eine Kapitalerhöhung schließt er aber nicht aus.hei Frankfurt – Die Stilllegung des kompletten Geschäftsbetriebs seit Mitte März hat der Tui im ersten Geschäftshalbjahr (per 31.3.) tiefrote Zahlen eingebrockt. Der Konzernverlust schoss um fast 200 % auf 846 Mill. Euro in die Höhe, wobei das Gros des Fehlbetrags, satte 740 Mill. Euro, im zweiten Quartal anfiel. Das Veranstaltergeschäft (Märkte & Airlines) häufte von Januar bis März einen operativen Verlust von 597 (i. V. 300) Mill. Euro an, während Hotels und Kreuzfahrten ihre Defizite in Grenzen hielten. Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebit nach IFRS 16) der Gruppe insgesamt stellte sich auf – 680 Mill. Euro nach – 219 Mill. Euro in der Vorjahresperiode.Dabei hatte das neue Geschäftsjahr äußerst vielversprechend begonnen, mit Buchungen deutlich über Vorjahr und einem Zuwachs des bereinigten Ebit von 62 Mill. Euro über Vorjahr in den ersten fünf Monaten, wie Konzernchef Fritz Joussen in einer Telefonkonferenz betonte. Die Tui hatte in der Krise schnell reagiert und nach Aussetzung des kompletten Geschäftsbetriebs Mitte März die Kosten – auch mit Hilfe von Kurzarbeit – radikal um 70 % gesenkt. Der Konzern sicherte die Liquidität überdies mit einem KfW-Kredit über 1,8 Mrd. Euro, die zu den bis dahin verfügbaren Barreserven von 1,4 Mrd. Euro hinzukamen.Allerdings sind die liquiden Mittel seit der Kreditzusage am 27. März bereits von 3,1 Mrd. auf 2,1 Mrd. Euro abgeschmolzen. Ursache sind neben laufenden Kosten und fehlenden Einnahmen auch Rückzahlungen an Kunden, deren Reisen storniert werden mussten. Den gegenwärtigen Mittelabfluss gab die Tui auf Anfrage mit rund 250 Mill. Euro im Monat an, also deutlich geringer als in den zurückliegenden Wochen. Joussen appellierte allerdings an die Regierungen in den einzelnen Ländern, über alternative Lösungen anstelle der Barrückerstattung von Kundenanzahlungen nachzudenken, auch wenn die EU-Kommission die zunächst vorgeschlagene Lösung mit Gutscheinen (Voucher) abgelehnt hat. Nicht nur die Tui, sondern “das gesamte System” brauche die Liquidität. Werde diese entzogen, drohe “der Kollaps”, warnte der Manager.Trotz der aktuell noch verfügbaren Barreserven von 2,1 Mrd. Euro schloss Joussen eine Kapitalerhöhung nicht aus. Natürlich prüfe Tui weitere Maßnahmen der Mittelbeschaffung, falls der Stillstand anhalte und dies notwendig sei, so der Konzernchef. Am Markt war zuvor bereits über eine nötige Eigenkapitalzufuhr von 1 Mrd. Euro spekuliert worden, was bei der aktuellen Marktkapitalisierung von umgerechnet 1,74 Mrd. Euro einem gigantischen Kraftakt gleichkäme. Die Tui-Aktie, die zu Handelsbeginn in London kräftig zulegte, sackte im Verlauf erneut um 2,8 % auf 257 Pence ab. Das Papier hat binnen drei Monaten fast drei Viertel an Wert verloren. 700 Mill. Euro in SichtTui erwarte weiterhin einen Barmittelzufluss von 700 Mill. Euro aus der Einbringung der Hapag-Lloyd Cruises in das Joint Venture Tui Cruises. Der Deal soll im Sommer durch sein, so Joussen. Darüber hinaus hofft Tui auf einen baldigen Neustart des Geschäfts “in ausgewählten Zielgebieten”, wie Joussen erklärte. Er betonte, das Unternehmen habe sich mit einem Hotelkonzept vorbereitet, das den gesundheitlichen Anforderungen der Coronakrise Rechnung trage. Er warb überdies für die Pauschalreise als Form des “betreuten” Reisens, bei dem für die Gesundheitsvorsorge auf Charterflügen, bei Gruppentransfers und Hotelaufenthalten besser Sorge getragen werden könne als bei Individualtrips. Kreuzfahrtschiffe könnten zunächst mit rund 1 000 Passagieren an Bord starten, damit sei genügend Platz für Abstandsregeln. Tui Cruises hofft auf einen Start im Juni.Insgesamt registriere die Tui nach wie vor ein großes Interesse der Kunden am Reisen, unterstrich der Manager. Er zeigte sich überzeugt, dass sich das Geschäft erholt und “spätestens 2022” wieder ein Vorkrisenniveau bei den Aktivitäten erreicht werde. Dennoch werde das Umfeld nicht dasselbe sein und auch die Tui ein anderes Unternehmen. Der Konzern strebt eine Reduzierung der weltweiten Verwaltungskosten um 30 % an. 8 000 Stellen sollen gestrichen werden. Zu den Sparmaßnahmen gibt es laut Joussen “überhaupt keine Alternative”, der Staatskredit stehe dem nicht prinzipiell entgegen. Er verwies darauf, dass der KfW-Kredit eine erhebliche Schuldenlast für die Tui darstelle, auch die Zinsen müssten schließlich erwirtschaftet werden, so dass Sparmaßnahmen angesichts der unsicheren Geschäftslage in der gesamten Branche unausweichlich seien. Der Kredit läuft bis Oktober 2021, kann aber bis Juli 2022 verlängert werden. Bilanz soll schlanker werdenUnterdessen will der Reisekonzern auch die Kapitalbindung reduzieren. Während Tui Cruises und damit die Schiffsflotte ohnehin nur at Equity bilanziert wird, sollen neue Hotels noch selektiver in Eigenbesitz genommen werden. Auch bei Flugzeugen wird wieder mehr über Leasing-Modelle nachgedacht, nicht nur direkt über Kauf. Die Order für die Boeing 737 Max zur Modernisierung der Flotte bleibt bestehen, allerdings steht eine Auslieferung vorläufig nicht an. Tui will auch die Digitalisierung weiter vorantreiben, nicht nur im Reisevertrieb, sondern vor allem nach der Buchung durch Upselling von Urlaubserlebnissen.