U-Boote als Milliardenrisiko für Thyssenkrupp
U-Boote als Milliardenrisiko für Thyssenkrupp
Nach einer längeren Durststrecke kommt die Kriegsschiffsparte von Thyssenkrupp wieder besser ins Geschäft. Doch die Deals der Tochter Thyssenkrupp Marine Systems bergen zahlreiche Compliance-Risiken, die einer tickenden Zeitbombe gleichen.cru Düsseldorf – Zurzeit herrscht Freude über das sich abzeichnende Ende der Flaute für die Marinesparte von Thyssenkrupp: Norwegens Marine will vier U-Boote auf der Kieler Werft des Konzerns bauen lassen, die deutsche Marine zwei weitere identische U-Boote. Der Kaufvertrag soll zwar erst 2019 abgeschlossen werden. Aber das Volumen liegt bei 4,3 Mrd. Euro. Der Kauf der Schiffe ist Teil einer engen Marine-Kooperation Deutschlands und Norwegens.Außerdem baut Thyssenkrupp zusammen mit den Konkurrenten Lürssen und German Naval Yards fünf Korvetten für die Bundeswehr im Wert von 1,5 Mrd. Euro. Für die Marinesparte von Thyssenkrupp sind die Großaufträge der erste durchschlagende Erfolg, nachdem sie bei einem 35 Mrd. Euro schweren Großauftrag aus Australien vom staatlichen französischen Konkurrenten DCNS ausgebootet worden war. Der Wirtschaftsprüfer PwC war daraufhin mit einer Begutachtung der Projektsteuerung beauftragt worden.Nach der Bundestagswahl kann Thyssenkrupp nun unter anderem auf den mehrmals verzögerten Milliardenauftrag für das teure Mehrzweckkampfschiff 180 der Bundeswehr hoffen. Der Umsatz mit Kriegsschiffen steigt wieder – auch durch die technologische Aufrüstung von Indiens U-Boot-Flotte – und kompensiert damit die geringere Zahl abgerechneter Projektmeilensteine in der Großanlagenbausparte “Industrial Solutions”, zu der TKMS gehört. Marge und Ergebnis der Marinesparte sind zwar nach dem Auslaufen lukrativer Projekte zurückgegangen. Staatsanwälte ermittelnDennoch wird investiert: Thyssenkrupp modernisiert die IT der Werft in Kiel. Außerdem hat der Konzern den ehemals vom Flugzeugbauer Airbus gehaltenen 49 %-Anteil am Bremer Sonartechnikhersteller Atlas Elektronik erworben, um der Marinesparte mit neuer Technik im internationalen Wettbewerb Auftrieb zu verleihen. Das gesamte Unternehmen Atlas Elektronik wurde bei dieser Gelegenheit mit vorläufig 255 Mill. Euro bewertet. Der Kaufpreis für den 49 %-Anteil betrug 155 Mill. Euro.Derweil droht Thyssenkrupp bei früheren Geschäften von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Mit der Marinesparte hat der Konzern oft Ärger, obwohl sie relativ klein ist. Der Kriegsschiffbau steht mit 5 800 Beschäftigten (inklusive Atlas) und schätzungsweise 1,6 Mrd. Euro Umsatz (noch ohne Atlas) nur für ein Viertel der Industriesparte.In Israel läuft ein Ermittlungsverfahren der Generalstaatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der Bestellung von U-Booten und Fregatten für 1,5 Mrd. Euro – wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen des ehemaligen lokalen Vertriebsmittlers von Thyssenkrupp an Mitarbeiter der Regierung Netanyahu. In der Affäre wird der Vertriebsmittler namens Miki Ganor zum zentralen Beschuldigten. Ganor hat laut israelischen Medienberichten eine Kronzeugen-Vereinbarung unterzeichnet. Er gehört zu sieben im Zuge von Korruptionsermittlungen Festgenommenen. Auch die Staatsanwaltschaft Bochum interessiert sich für den Fall, hat aber noch kein Verfahren eingeleitet. Laut Thyssenkrupp gibt es in Israel keine direkten Ermittlungen gegen den Konzern oder Mitarbeiter, da der Vertriebsmittler als Honorarkraft nicht auf der Gehaltsliste des Konzerns stand. Thyssenkrupp hat eine Untersuchung eingeleitet, darf in Israel aber nicht selbst ermitteln. Der Konzern kooperiere mit den Behörden, heißt es im Zwischenbericht.Die Staatsanwaltschaft Bremen hatte indes schon seit 2013 gegen ehemalige Verantwortliche der Atlas Elektronik wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer Amtsträger und Steuerhinterziehung bei Marineprojekten in verschiedenen Ländern ermittelt. Im Juni dieses Jahres musste Atlas Elektronik 48 Mill. Euro per “Verfallsbescheid” zahlen, der Gewinne aus per Bestechung angebahnten Geschäften abschöpft.In Griechenland ermittelt die dortige Staatsanwaltschaft gegen Atlas. Im Rahmen eines Strafverfahrens verfolgt der griechische Staat auch zivilrechtliche Schadensersatzansprüche. Im Zusammenhang mit der früheren Mehrheitsbeteiligung von Thyssenkrupp an der griechischen Werft Hellenic Shipyards und dem Bau von U-Booten für die griechische Marine verlangt die Regierung schiedsgerichtlich Schadenersatz in Höhe von 2,1 Mrd. Euro sowie Erstattung einer Teilzahlung von 115 Mill. Euro. Bislang wurden nur Ansprüche in Höhe eines zweistelligen Millionen-Euro-Betrages konkretisiert. Großinvestoren warnenEinigen Großinvestoren ist das U-Boot-Geschäft aus Nachhaltigkeitsaspekten seit langem ein Dorn im Auge. “Nachdem der lukrative Deal mit Australien verpasst wurde und die Auftragsbücher beinahe leer sind, gibt es erst recht keinen Grund mehr, das U-Boot-Geschäft weiterzuführen”, sagte Portfoliomanager Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment auf der Hauptversammlung im Januar. Für einen geringen Anteil am Konzernumsatz nehme Thyssenkrupp unverhältnismäßig große Compliance-, Korruptions- und Reputationsrisiken in Kauf, für die es keinen bilanziellen Puffer gebe. Für das U-Boot-Geschäft gebe es bessere, finanzkräftigere Eigentümer als Thyssenkrupp. Die Serie von Pleiten, Pech und Pannen habe gezeigt, dass man diese Geschäfte nicht beherrsche.