Unilever wählt Rotterdam statt London

Abschied von der Doppelstruktur - Steuerliche Vorteile - FTSE-100-Mitgliedschaft in Gefahr

Unilever wählt Rotterdam statt London

hip London – Unilever wird die bisherige Doppelstruktur aufgeben und NV und Plc in eine juristische Einheit mit Sitz in den Niederlanden zusammenführen. Wie das FTSE-100-Schwergewicht mitteilt, spiegelt sich darin der Umstand wider, dass die NV-Aktien rund 55 % des gemeinsamen Aktienkapitals ausmachen und stärker gehandelt werden als die Plc-Aktien. Nach Einführung der neuen Struktur sollen die im vergangenen Jahr zurückgekauften Vorzugsaktien eingezogen und das NV Trust Office geschlossen werden. Durch die Veränderungen werde die Corporate Governance gestärkt “und erstmals in unserer Geschichte das Prinzip ,Eine Aktie, eine Stimme’ für alle Anteilseigner hergestellt”, sagte Chairman Marijn Deckers. Als Finanzberater und Corporate Broker fungiert die UBS. Mit der britischen Entscheidung für den Austritt aus der EU hat der Schritt dagegen wenig zu tun. Chief Executive Paul Polman stellte die Doppelstruktur auf den Prüfstand, nachdem der Board im vergangenen Jahr ein 115 Mrd. Pfund schweres Übernahmeangebot des Rivalen Kraft Heinz abgewiesen hatte. Durch die nun angekündigten Schritte sollen M&A-Deals einfacher werden. Unilever war der erste moderne multinationale Konzern. Das Unternehmen ging aus dem im September 1929 vertraglich vereinbarten Erwerb der niederländischen Margarine Unie durch den britischen Seifenfabrikanten Lever Brothers hervor. Damals kam es auch zur Doppelnotierung in London und Amsterdam. Steuerfreie Dividenden “Die Entwicklung unterstreicht den Trend zur Errichtung niederländischer Holding-Gesellschaften durch international tätige Unternehmen aus steuerlichen Gründen und zur Optimierung der Konzernstruktur”, sagt Bart Le Blanc, Partner von Norton Rose Fulbright in Amsterdam. “Der regulatorische Rahmen und die Investitionsbedingungen für solche multinationalen Konzerne sind in den Niederlanden hoch attraktiv.” Die niederländische Regierung habe wichtige Schritte unternommen, gleiche Bedingungen für die Besteuerung zu schaffen, die mit der internationalen Entwicklung – insbesondere der BEPS-Initiative (Base Erosion and Profit Shifting) der OECD – übereinstimmen. “Ein Kernelement ist dabei die Abschaffung der Kapitalertragsteuer auf Dividenden in Höhe von derzeit noch 15 %”, sagt Le Blanc.Der Medienkonzern RELX (einst Reed Elsevier), der ebenfalls über eine Doppelstruktur verfügt, entschied sich vergangenen Monat – trotz Brexit – für die Gegenrichtung. Auch hier standen die Themen Vereinfachung der Konzernstruktur und Transparenz im Vordergrund. Bei RELX machen die Plc-Aktien 53 % des Aktienkapitals aus und werden stärker gehandelt als die NV-Aktien. Zudem weisen die Papiere der Plc eine höhere Bewertung auf. Bei Unilever ist es umgekehrt. Die Gesellschaft ist zwar das drittgrößte Unternehmen am britischen Aktienmarkt. Wegen ihrer dualen Struktur kommt sie mit ihrem Indexgewicht im FTSE 100 aber nur auf Rang 13. Nach den nun bekannt gegebenen Veränderungen droht die Aktie aus FTSE-Indizes herauszufallen. Index-Tracker müssten die Papiere dann verkaufen. “Die Entscheidung darüber liegt letztlich bei den Index-Anbietern”, sagt Analyst Laith Khalaf vom Vermögensverwalter Hargreaves Lansdown, “und der Ball damit im Feld von FTSE Russell”.