DAS CFO-INTERVIEW - IM INTERVIEW: SASCHA BIBERT

"Uniper-Fortum-Story noch nicht komplett"

Finanzchef: Verteidigungshaltung gehört Vergangenheit an - Preisverfall war und ist das große Thema in der Krise - Zugriff auf 3 Mrd. Euro in kürzester Zeit

"Uniper-Fortum-Story noch nicht komplett"

Herr Bibert, welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pamdemie auf das operative Geschäft von Uniper, auch wenn Sie das vermutlich schon zwanzigmal referiert haben?Es spielt keine Rolle, wie oft man es schon erzählt hat, denn es verändert sich laufend. Auch ich verstehe Covid-19 heute anders als vor zwei Monaten. Am Anfang ging es nur um den Gesundheitsaspekt, dann kamen die Auswirkungen auf das praktische Arbeiten dazu, und jetzt rücken mehr und mehr die wirtschaftlichen Folgen in den Vordergrund. Wie sehen die wirtschaftlichen Folgen für Uniper aus?Die wirtschaftlichen Auswirkungen sehen wir erst mal in der Strom- und Gasnachfrage. Diese wirkt sich dann wiederum auf die Preise aus. In Summe und mit heutigem Wissen erwarten wir aber keine besorgniserregenden Ausmaße. Was kommt, kommt größtenteils auch noch mit Zeitverzug. Grundsätzlich sind wir als Unternehmen nicht sonderlich sensitiv in Bezug auf Veränderungen in der Nachfrage. Ein Großteil unseres Absatzes geht über Börsen oder feste Verträge. Der Absatz an Endkunden ist limitiert auf Großkunden, die mit sehr guter Bonität unterwegs sind. Für uns war und ist der Preisverfall das große Thema. Wirkt sich der gesunkene Stromverbrauch nicht auch auf die Terminpreise aus?Ja, der wirkt sich auch auf die Preise für künftige Kontrakte aus. Es ist allerdings schwer zu sagen, was aus der Nachfrage kommt und was aus witterungsbedingten Effekten. Haben Sie eine Größenordnung?Die Großhandelspreise für 2022 sind je Megawattstunde beispielsweise rund 5 Euro niedriger als vor Ausbruch der Viruskrise. Will man die finanzielle Relevanz abschätzen, nimmt man das Preisdelta von 5 Euro und multipliziert das mit der Stromproduktion. Das sind bei uns etwa 25 Terawattstunden, also etwas mehr als 100 Mill. Euro. Für das finanzielle Gesamtbild ist jedoch zu beachten, dass die Produktion 2020 schon fast komplett verkauft ist, und für 2021 sind die Absicherungsquoten mit etwa 70 % schon sehr hoch. Für 2022 und 2023 haben wir mit der Absicherung begonnen. Wie gehen Sie mit Blick auf die Absicherung 2022 und 2023 vor? Warten Sie, bis sich die Nachfrage erholt hat und die Preise wieder steigen?Es ist immer ein Mix zwischen Risikoappetit – ganz spezifisch bei uns im Haus sind das Risikolimite, die wir uns in Abhängigkeit von der Risikotragfähigkeit setzen – und kommerzieller Sicht. Bei Letzterer halten wir unsere externen Aussagen bewusst vage, weil wir unsere Einschätzung des Marktes nicht mit Dritten teilen wollen. Cash is king lautet in der Krise die Devise in den Finanzabteilungen – unabhängig von der direkten Krisenbetroffenheit eines Unternehmens. Welche liquiditätssichernden Maßnahmen haben Sie getroffen?Cash is king – das gilt in der Krise, Punkt. Heute sprechen wir zum Beispiel deutlich intensiver in interdisziplinären Teams, die in irgendeiner Form einen Beitrag zum Cash-flow leisten. Die Erkenntnisse nutzen wir dann zeitnah für die Steuerung. Auch wenn wir heute etwas entspannter unterwegs sind als zu Beginn der Krise, haben wir das beibehalten. Dabei versuchen wir immer herauszufinden, hinter welche Ecke wir noch genauer schauen müssen als im Standardprozess. Haben Sie hierfür ein Beispiel?Cash-flow fängt ja damit an, dass der Kunde fristgerecht seine Rechnung bezahlt. Diese muss demnach vom Unternehmen versandt werden. Das ist nicht trivial, wenn die Mannschaft im Homeoffice sitzt und die Rechnungsstellung papierbasiert ist. Irgendjemand muss die Rechnung drucken, versandfertig machen und zur Post bringen, vergleichbare Prozesse hat der Kunde. Was die Rechnungsstellung anbelangt, sind wir zum Glück schon zu nahe 100 % digital. Wie gehen Sie bei der Absicherung vor?Gehen wir es der Reihe nach durch: Für den operativen Cash-flow spielt neben den Preisen, über die wir schon sprachen, das Kreditrisiko eine wichtige Rolle. Wir schauen, wo welche Kreditrisiken liegen und ob die Limite eventuell angepasst werden müssen. Wenn wir über die Börse verkaufen, ist das Kreditrisiko über das sogenannte Margining abgesichert. Wenn wir einen direkten Vertrag mit einem Großkunden haben, müssen wir dessen Bonität beurteilen. Das machen wir zwar auch standardmäßig, jetzt schauen wir aber genauer, wie sich die Bonität des Großkunden verändern könnte und welche Auswirkung das auf uns hätte. Gibt es bei Ihren Großkunden keine, die im Gefolge der Krise auf Uniper als Lieferanten zukommen und die vereinbarten Preise nachverhandeln wollen?Das ist sehr überschaubar. Bisher waren Ausfälle im niedrigen fünfstelligen Bereich zu verzeichnen. Ich will nicht ausschließen, dass mancher Großkunde etwas später bezahlt hat, weil er selbst an der Cash-flow-Optimierung arbeitet. Bisher haben wir aber keine größeren Verschiebungen gesehen. Wie sieht es mit Ihrer Investitionsplanung aus?Wir planen rund 2,7 Mrd. Euro zwischen 2020 und 2022 zu investieren, davon mehr als 1,5 Mrd in Wachstum. In einer solchen Krise überlegt man natürlich genau, wo Investitionen überhaupt zurückgefahren werden könnten. Die Flexibilität ist höher in den Wachstumsinvestitionen, allerdings würde uns eine Reduktion in der Strategieumsetzung zurückwerfen. Instandhaltungsinvestitionen sind kaum diskretionär. All das haben wir uns angeschaut und wissen, was wir tun könnten, wenn wir es müssten. Dieser Aussage entnehme ich, dass Sie bis dato keine Abstriche an der Investitionsplanung vorgenommen haben.Genau. Wenn dem Vorstand heute ein neues Wachstumsprojekt vorgestellt wird, muss das Team allerdings darlegen, ob die Erträge oder beispielsweise schon der Bau von Covid-19 betroffen sein könnten. Ist das nicht der Fall, geben wir Projekte frei. Wie sieht es mit Liquiditätssicherung – Stichwort: Finanzierung – aus?Uniper hat eine eher ungewöhnliche Passivseite. Unsere ökonomischen Schulden sind größtenteils Rückstellungen für Pensionen oder Rückbauverpflichtungen. Diese sind in der Duration sehr langlaufend. Traditionelle Finanzverbindlichkeiten – im Sinne von geliehenem Geld bei Banken oder in Form von Anleihen – haben wir fast keine. Wir haben Cash in der Bilanz und haben gesicherte Liquidität. Dadurch könnten wir in kürzester Zeit rund 3 Mrd. Euro bereitstellen. Ihre Hauptrefinanzierungsquelle ist ein Commercial-Paper-Programm. Ist dieser Markt in der Krise überhaupt offen?Wenn wir kurzfristigen Finanzierungsbedarf haben, dann nehmen wir den Commercial-Paper-Markt in Anspruch. Der Markt war in der Tat beeinträchtigt, und Uniper musste erst mal die Voraussetzungen des im März beschlossenen Ankaufprogramms der Europäischen Zentralbank erfüllen. Seit Ende Mai kann die Zentralbank unsere Papiere nun grundsätzlich kaufen. Das hilft der Liquidität und dem Volumen. Die Kosten für Commercial Paper sind im Vergleich zur Zeit vor zwei, drei Jahren um 20 bis 25 Basispunkte gestiegen. Das liegt daran, dass Kreditrisiken jetzt insgesamt höher bepreist werden. Ist ein Rating für Commercial Paper (CP) essenziell?Wir brauchen das Rating nicht primär, um Anleihen oder Ähnliches zu emittieren, sondern vornehmlich für den Marktzugang im Handel und um langfristige Verträge zu günstigen Konditionen abschließen zu können. Uniper hat 2019 die Back-up-Linie für das CP-Programm verlängert und zugleich aufgestockt. Sind syndizierte Linien in Krisenzeiten ein Muss, um in jedem Fall an Liquidität zu kommen?Jeder ist gut beraten, sich nicht erst in der Krise ein Liquiditätskonzept zu erarbeiten und sich um ein Rating zu kümmern. Wir haben verschiedene Liquiditätsbausteine, die sich in der Duration oder in der Sicherheit, im Sinne von Zugang, unterscheiden. Da spielt unsere Revolving Credit Facility eine große Rolle. Für Anleiheemissionen braucht man dagegen einen Markt. Ich kann momentan aber nicht sehen, dass wir unsere Kreditlinie auch nur ansatzweise ausschöpfen. Welche Bedeutung hat das Handelsgeschäft ganz grundsätzlich für Uniper? Wenn ich es richtig verstehe, wird die Ergebnisentwicklung doch maßgeblich vom Handelsgeschäft determiniert.Der Begriff Handel bringt immer so einen leicht dubiosen Blick auf unser Geschäft. Handel an der Börse ist aber schlichtweg nötig, um den produzierten Strom in abgesicherter Form zu verkaufen. Daneben gibt es den Stromhandel im engeren Sinne, vergleichbar dem Eigenhandel einer Bank. Hier werden Strom und andere Produkte unabhängig von einem Kraftwerk an der Börse ge- und verkauft. Dabei werden Risiken, die nicht durch ein physisches Asset gedeckt sind, eingegangen. Dieser Eigenhandel ist bei uns aber sehr begrenzt. Welcher Teil Ihrer Erzeugungskapazität wird über langfristige Lieferverträge verkauft und welcher über die Börse?Der ganz überwiegende Teil wird über die Börse gehandelt. Ausnahmen sind neben einem Teil der Wasserkraft in Deutschland und dem Braunkohlekraftwerk Schkopau vor allem das Steinkohlekraftwerk Datteln 4. Dort haben wir die Produktion bekanntermaßen über langfristige Lieferverträge an zwei Kunden verkauft. Heißt das im Umkehrschluss, dass Uniper aus dem Handel kaum Risiken erwachsen, da kaum Eigenhandel betrieben wird?Wie besprochen hat der Handel zunächst einmal die Aufgabe, Risiken zu minimieren, indem er unsere Stromproduktion durch Termingeschäfte absichert. Das betrifft nicht nur die Produktion aus den Kern- und Wasserkraftwerken, sondern auch das Volumen aus den im Markt stehenden Gas- und Kohlekraftwerken. Daneben erwirtschaftet der Handel einen Zusatzbeitrag aus der “Optimierung” der Assets. Das heißt, wir nutzen Optionalitäten bei flexiblen Assets wie beispielsweise Gaskraftwerken. Da Optionen immer einen positiven Wert haben, ist das Risiko hier begrenzt. Darüber hinausgehender “echter Eigenhandel” findet bei uns nur in sehr geringem Maße und eng reglementiert statt, so dass auch hier das Risiko sehr begrenzt ist. Kommen wir zur strategischen Ausrichtung. Im Verhältnis zum Mehrheitsaktionär Fortum schlagen Sie neuerdings leisere Töne an. Was hat man sich unter der “gemeinsamen Strategie”, die Sie verfolgen wollen, vorzustellen?Seit Andreas Schierenbeck (Vorstandsvorsitzender von Uniper; die Red.) und ich unsere Ämter angetreten haben, haben wir nie Zweifel an unserer konstruktiven Vorgehensweise gelassen. Die Verteidigungshaltung nach dem feindlichen Übernahmeangebot von Fortum gehört der Vergangenheit an. Es gibt seit Monaten einen sehr engen Austausch. Nehmen wir beispielsweise das Thema Rating. Fortum hat klar zu verstehen gegeben, dass sie das Investment-Grade-Rating auf Fortum-Ebene und damit auch auf unserer Ebene erhalten wollen. Zudem geht Fortum jetzt in die Vollkonsolidierung von Uniper mit der Folge, dass wir in jedem Reporting eng zusammenarbeiten müssen. Da wir aber gleichzeitig auch noch Minderheitsaktionäre haben, müssen wir auch deren Rechte und Interessen wahren. Kooperationen im operativen Geschäft müssen daher immer den Test bestehen, dass sie für beide Unternehmen wertschaffend sind. Woran wir noch arbeiten müssen, ist, dem Ganzen ein stärkeres strategisches Narrativ zu geben. Es geht darum darzulegen, warum die beiden Unternehmen gemeinsam stärker sind als jeder für sich. Ist das so?Die Frage, ob es sinnvoll ist, dass Fortum in Uniper investiert, stellt sich für mich gar nicht. Für mich ist Fakt, dass Fortum über 73 % an Uniper hält. Daraus müssen beide Unternehmen nun das Beste machen. Wir werden einer der größten CO2-freien Erzeuger Europas – das hat was! Es gibt Bereiche, die wir zusammen ausbauen können, und es gibt Bereiche, in denen wir beide aktiv sind und schauen, wie wir das effizienter gestalten können. Die Fortum-Uniper-Story kann ich Ihnen heute aber noch nicht komplett aufschreiben. Sie schreiben im Geschäftsbericht: “Nach wie vor herrscht Unsicherheit über die künftige Beziehung zwischen Uniper und Fortum, damit besteht das Risiko hinsichtlich der Fähigkeit von Uniper, strategische, operative und finanzielle Ziele unabhängig zu verfolgen.” Müssen Sie aber nicht genau das zum Schutz der Minderheitsaktionäre tun?Gegenüber unseren Minderheitsaktionären müssen wir wie gesagt Wertschaffung demonstrieren und sicherstellen, dass wir keinen einzelnen Aktionär bevorteilen. Das schließt aber keineswegs engere Kooperationen mit Fortum aus. Warum aber sollte ein Investor heute Uniper-Aktien kaufen, wenn er weiß, dass spätestens 2021 Schluss ist?Unsere Aufgabe ist es, für den Uniper-Investor ein klares Profil zu zeichnen. Inhaltlich konzentrieren wir uns auf Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und Energieeffizienz. Auch die Finanzkennzahlen sind attraktiv. Fortum hat nach eigenen Angaben keine Restriktionen, zusätzliche Aktien zu kaufen. Sollte sich Fortum für einen Squeeze-out entscheiden, muss das für die Minderheitsaktionäre nicht nachteilig sein. Von daher gibt es neben der Uniper-Story noch die Option der Übernahme. Wir haben aber immer gesagt, dass wir “stand alone” eine attraktive Equity Story brauchen. Braucht es einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag?Solange die Unternehmen konstruktiv zusammenarbeiten, braucht man keinen Beherrschungsvertrag. Für strukturelle Veränderungen könnte ein solcher Vertrag das Leben erleichtern. Anlässlich der Hauptversammlung gab es vor der Uniper-Konzernzentrale Proteste wegen der Inbetriebnahme des Steinkohlekraftwerks Datteln 4. Ist Ihnen der Protest der Umweltschützer egal, oder können Sie deren Argumente nachvollziehen?Der Protest ist mir nicht egal. Grundsätzlich kann ich die Argumente auch nachvollziehen. Unsere Meinung ist aber, dass es in dem Energiedreieck aus Dekarbonisierung, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit immer Widersprüche und damit die Notwendigkeit für Kompromisse gibt. Das Beste, was man erreichen kann, sind gute Lösungen für einen bestimmten Zeitraum. In diesen Kontext gehört für mich Datteln – ein modernes, hocheffizientes Steinkohlekraftwerk. Aber trotz des geringeren CO2-Ausstoßes im Vergleich zu älteren Anlagen oder Braunkohlekraftwerken hat Datteln einen deutlichen CO2-Fußabdruck. Wir werden unseren Beitrag zur CO2-Reduktion in dem Maße leisten, in dem wir andere Anlagen frühzeitig vom Netz nehmen. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn Sie einerseits beteuern, bis 2035 Klimaneutralität anzustreben, zugleich aber Datteln bis Ende 2038 betreiben wollen?Das mag auf den ersten Blick so scheinen. In Deutschland werden wir nach 2026 nur noch ein Kohlekraftwerk betreiben, das ist Datteln. In Europa haben wir dann bis 2029 noch Maasvlakte. Das heißt, ab 2030 betreiben wir nur noch ein Steinkohlekraftwerk außerhalb von Russland. Vielleicht fallen uns bis dahin Möglichkeiten ein, wie wir den CO2-Ausstoß von Datteln mindern können. So oder so bleibt das Ziel der CO2-Neutralität bis 2035. Von daher müssen wir gegebenenfalls als letzte Maßnahme schauen, wie wir den CO2-Ausstoß kompensieren. In der Bilanz haben Sie Anlagenwerte von knapp 12 Mrd. Euro stehen. Wie hoch sind die Abschreibungsrisiken darauf?Grundsätzlich müssen wir die Buchwerte jederzeit überprüfen. Das hat im ersten Quartal bereits zu Wertminderungen von 160 Mill. Euro geführt. In die Tests geht so ziemlich jedes Szenario ein, auf das man kommen kann. Zum Beispiel werden dort auch Kohleausstiegsszenarien mit einer Wahrscheinlichkeit berücksichtigt. Basierend auf heutigem Wissen sind die Buchwerte werthaltig. Das heißt, wenn der Kohleausstieg so kommt wie geplant, dann gibt es keine weiteren Wertberichtigungen. Sollte es neue Erkenntnisse geben – die können immer auch von der Preisseite kommen -, dann werden wir diese berücksichtigen. Das Interview führte Annette Becker.