USA als wackliger Partner für Europas Rüstungssektor
USA als wackliger Partner für Europas Rüstungssektor
Serie: Markt & Militär
USA als wackliger Partner für Europas Rüstungssektor
Wachsende Staatsausgaben verleihen Waffenriesen um Lockheed Martin Auftrieb – „America First“ steht transatlantischer Kooperation im Weg
Die USA fahren die Verteidigungsausgaben hoch und schieben ihren Rüstungssektor an. Europäische Vertreter wollen derweil über Kooperationen mit amerikanischen Firmen ihre Innovationsfähigkeit ausbauen. Doch angesichts von Washingtons „America First“-Agenda bleiben Zweifel an solchen Modellen.
Von Alex Wehnert, New York
Eine Fabrik im nordrhein-westfälischen Weeze soll den Weg in die Zukunft der transatlantischen Verteidigungskooperation weisen. In dem vor wenigen Monaten fertiggestellten Werk produziert Rheinmetall in Zusammenarbeit mit den US-Rüstungsriesen Lockheed Martin und Northrop Grumman Rumpfteile für Kampfjets des Typs F35-A Lightning II, die an die Streitkräfte Deutschlands und verbündeter Nationen gehen sollen. Mit den neuen Produktionslinien erweitert der für Panzer und Geschütze bekannte deutsche Konzern sein Portfolio in der Luftfahrt.
Am Himmel stützt sich die europäische Verteidigung massiv auf amerikanische Produkte: Jets kommen von Lockheed Martin, Raketenabwehrsysteme von RTX und Helikopter von Boeing. Bei dieser Abhängigkeit wird es laut Analysten vorläufig auch bleiben.
Kooperation als Chance
Doch warnen Militäranalysten, dass Europa angesichts der Bedrohung durch Russland gar keine andere Wahl hat als zu mehr Souveränität in der Luftverteidigung zu finden. Rheinmetall hat durch Kooperationen mit US-Unternehmen immerhin einen Fuß in der Tür und kann so die benötigte technologische Expertise aufbauen. Die Düsseldorfer verkündeten im Rahmen der Pariser Luftfahrtschau im Juni zudem eine strategische Zusammenarbeit mit dem US-Defense-Tech-Unternehmen Anduril, über die beide Unternehmen Drohnen und Raketenantriebssysteme für Europa entwickeln und produzieren wollen.
Bei der Messe umschmeichelten die US-Vertreter europäische Auftraggeber – und schlugen freundlichere Töne an als Präsident Donald Trump, der Nato-Partner seit Monaten mit seinem Zickzackkurs zur Ukraine verwirrt. Der republikanische Senator Jerry Moran betonte, die USA wollten „als verlässlicher Partner“ agieren. Doch kommen in europäischen Verteidigungskreisen zunehmend Fragen darüber auf, wie sehr den amerikanischen Partnern noch zu trauen ist.
Debatte um „Killswitch“
Die in Online-Foren zirkulierende Debatte um einen angeblichen „Killswitch“ im F-35 Lightning, durch den das Pentagon den Kampfflieger aus der Ferne kampfunfähig machen könne, veranschaulicht die Sorgen eindrücklich. Sowohl Washington, als auch Offizielle aus Partnerländern wie der Schweiz und Belgien bestreiten, dass eine solche Funktion existiert.
Allerdings besitzen die Vereinigten Staaten auch so eine enge Kontrolle über das F-35-Programm: Nach Sicherheitsregularien dürfen Drittparteien keine Tests außerhalb des US-Festlands ausführen. Zudem müssen spezifische Funktionen dabei von amerikanischen Bürgern bedient werden, um „kritische US-Technologie zu schützen“. Dies schränkt die Fähigkeiten von Nato-Verbündeten wie Deutschland massiv ein, die Jets unabhängig zu erproben oder zu modifizieren. Überdies sind die Europäer auf Trainings, Ersatzteile und Software-Updates aus den USA angewiesen – ein „Killswitch“ wäre also gar nicht notwendig, um die Jets am Boden zu halten.

picture alliance / BMF/photothek.de | Florian Gaertner
„Strategische Autonomie und ein selbstständiger europäischer Verteidigungssektor sind kurz- und mittelfristig unwahrscheinlich“, unterstreicht auch die Investmentbank Goldman Sachs. Denn dies würde „nachhaltige politische Zusagen und Kooperationen zwischen den 27 EU-Mitgliedsstaaten und ihren Partnern auf bisher beispiellosem Niveau“ voraussetzen. Regulatorische Barrieren, der interne Wettbewerb und nationale kommerzielle Interessen dürften den Fortschritt auch weiterhin bremsen. Es gebe keinen Ersatz für eine Kooperation mit dem amerikanischen Verteidigungs-Ökosystem.
Die Probleme zeigen sich überdeutlich beim europäischen Kampfjet-Projekt Future Combat Air System (FCAS). Hier ist unter den beteiligten Konzernen ein lähmender Streit um die Führungsrolle entbrannt. Der französische Flugzeugbauer Dassault Aviation drohte jüngst gar mit einem Alleingang und reagierte damit auf Berichte, Berlin prüfe Alternativen mit Schweden und Großbritannien. CEO Eric Trappier stellt die Zukunft des 2017 lancierten, auf 100 Mrd. Euro geschätzten Programms damit nicht zum ersten Mal in Frage. Hauptprogrammauftragnehmerin Dassault stößt sauer auf, dass sie sich beim Herzstück des Projekts, dem Kampfjet NGF, die Entscheidungsgewalt mit den Hauptpartnern Airbus Deutschland und Airbus Spanien teilen muss.
Kräftiges Säbelrasseln
Derweil gedeiht die US-Rüstungsindustrie prächtig. Washington rasselt unter Trump zunehmend kräftiger mit dem Säbel – der Oberste Befehlshaber hat nicht nur dem „Department of Defense“ Anfang September per Exekutivbeschluss öffentlichkeitswirksam ein Rebranding als „Department of War“ verpasst, während sein umstrittener Minister Pete Hegseth am Dienstag hunderte der hochrangigsten US-Militärs in Virginia zusammentrommelte. Dort trichterte er ihnen die Parole ein: „Krieg führen, sich auf den Krieg vorbereiten und sich auf den Sieg vorbereiten“. Trump will die Verteidigungsausgaben im Haushalt für das am Mittwoch beginnende Fiskaljahr 2026 auf den Rekordwert von 1,01 Bill. Dollar treiben.

Dabei verteilt er Großaufträge wie Süßigkeiten. Lockheed Martin hat im September milliardenschwere Liefervereinbarungen nicht nur für ihre F-35-Kampfjets, sondern auch für ihr bodengestütztes Raketenabwehrsystem „Patriot“ unterzeichnet. Auf Fluggeschosse fährt Washington derzeit insgesamt ab: Zu Wochenbeginn zogen die Aktien des US-Rüstungssektors an, nachdem Berichte über Aufforderungen des Pentagon an seine Auftragnehmer die Runde machten, die Raketenproduktion zu verdoppeln oder sogar zu vervierfachen. Neben Lockheed Martin, die sowohl bei Boden-Luft-, als auch bei Überschall-Raketen dick im Geschäft ist, profitierten davon unter anderem auch RTX (ehemals Raytheon Technologies) sowie Northrop Grumman mit ihren Interkontinental-Raketen. General Dynamics und L3Harris erhalten als Zulieferer von Subsystemen und Raketenteilen Schub.
Nato legt nach
Die US-Rüstungsbranche verfügt also über beträchtlichen Rückenwind. Bereits im abgelaufenen Fiskaljahr beliefen sich die Ausgaben der Vereinigten Staaten für Verteidigung laut Daten der überparteilichen Peter G. Peterson Foundation und des Stockholm International Peace Research Institute auf 3,4% des Bruttoinlandsprodukts, gegenüber den Vorjahren zeigt die Tendenz damit wieder nach oben. Und im Vergleich zu Deutschlands Aufwendungen fallen die Ausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung noch immer deutlich höher aus.
Doch hat die Bundesrepublik den Anteil am BIP zuletzt immerhin deutlich gesteigert – und die Regierung in Berlin hat zugesagt, das neue, im Juni beschlossene 3,5-%-Ziel der Nato für die Kernverteidigung schon bis 2029 erfüllen zu wollen. Der Rest der Allianz will das Ziel bis 2035 erreichen und dann weitere 1,5% für weiter gefasste Sicherheitsinvestments wie die kritische Infrastruktur aufwenden.
Veränderte Kriegsführung
Während Russland mit Drohnen in den polnischen Luftraum vordringt, stuft Goldman Sachs „techno-demokratische Partnerschaften“ als vielversprechende Antwort Europas auf „die größte Sicherheitsherausforderung seit dem Kalten Krieg“ ein. Technologische Weiterentwicklungen sowie das Streben nach Autonomie und größeren industriellen Kapazitäten veränderten den Charakter der Kriegsführung, und Europa hinke hinsichtlich Innovation und Produktion eben sowohl hinter den Vereinigten Staaten, als auch hinter China her.
Jared Cohen, Co-Leiter des Global Institute von Goldman Sachs, sieht durchaus Chancen im europäischen Verteidigungstechnologie-Sektor. Die Investitionen in dessen Startups hätten zwischen 2021 und 2024 im Vergleich zu den vorangegangenen drei Jahren um 500% zugelegt. „Doch verglichen mit Wettbewerbern ist Europas Verteidigungstechnologie-Sektor auf allen Funding-Stufen erst im Entstehen begriffen“, kommentiert Cohen. Weitere staatliche und private Investitionen in Forschung und Entwicklung könnten nun dabei helfen, die Lücke zu schließen. Gerade Venture Capital aus Asien und den Vereinigten Staaten sei für die europäische Weiterentwicklung wichtig.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Omar Marques
Europa besitze zudem den Vorteil, mit der Ukraine eins der fortschrittlichsten Verteidigungs-Ökosysteme direkt vor der Haustür zu haben. Das von Russland angegriffene Land habe nach mehr als drei Jahren Krieg den „rapiden Innovationszyklus“ gemeistert, der für den erfolgreichen Einsatz militärischer Technologien auf dem Schlachtfeld nötig sei. So entwickle es in enormem Maßstab günstige Drohnen, die mit KI- und Machine-Learning-gestützten Systemen ausgestattet seien. Eine weitere Unterstützung der Ukraine und Kooperationen mit ihren Entwicklern seien also für den europäischen Rüstungssektor chancenreich.
Zweifel bleiben
Auch eine „tiefere Integration“ in den US-Defense-Markt mit seiner Tech-Avantgarde könne „die transatlantische Sicherheit stärken“ und zu einem Pfund für die europäische Industrie werden. Die Vereinigten Staaten hätten Modelle für Kooperationen zwischen öffentlichem und privaten Sektor geschaffen. Inwieweit sich diese Integration in kritischen Zeiten unter einer Trump-Regierung vorantreiben lässt, gilt unter Politbeobachtern indes als fraglich. Wie das Magazin „The Atlantic“ berichtet, haben die USA im Rahmen ihrer „America First“-Agenda still Waffenlieferungen an Europa ausgesetzt und begonnen, Rüstungsgüter zu horten.
