Verwirrung um Kohleausstieg belastet RWE und Uniper
Verwirrung um Kohleausstieg belastet RWE und Uniper
cru Frankfurt – Nach zwei Wochen Jamaika-Verhandlungen haben die Kraftwerksbetreiber RWE und Uniper noch immer keine Klarheit darüber, wie der beschleunigte Ausstieg aus der Kohleverstromung aussehen soll. Zahlreiche Zahlen kursieren.Union und FDP wollen 3 bis 5 Gigawatt Kohlekapazität bis 2020 herausnehmen. Die Grünen fordern die Stilllegung von 8 bis 10 Gigawatt. Der Energiebranchenverband BDEW positioniert sich ebenso wie das Bundesumweltamt in der Mitte dazwischen: “Es ist verantwortbar, in einem Mix aus Braun-und Steinkohle weitere 5 Gigawatt gegen Entschädigung in 2020 vom Netz zu nehmen”, schreibt BDEW-Präsident Johannes Kempmann (Grüne). Kanzlerin Merkel hat sogar eine Reduzierung der Kohlestromkapazitäten um 7 Gigawatt angeboten. Viele Stilllegungen geplantDem Vernehmen nach soll es dabei um Strom aus Braunkohle gehen, vielleicht aber auch um Steinkohle. Die Kapazität soll allerdings im Einvernehmen mit den Kraftwerksbetreibern reduziert werden.Ob das alles zusätzlich zu bisherigen Planungen gelten soll, ist offen. Darauf kommt es aber an. Denn bei der Bundesnetzagentur sind ohnehin Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 9 Gigawatt zur Stilllegung angemeldet. Rund 3 Gigawatt davon gelten allerdings als systemrelevant, und dürfen nach Einspruch der Netzagentur vielleicht gar nicht stillgelegt werden. Andererseits erklärte die Netzagentur, dass Stilllegungen in der diskutierten Größenordnung kein Problem für die Netzstabilität darstellen – ebenso wenig wie für die Versorgungssicherheit.Noch unter Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde vereinbart, dass RWE, LEAG und Mibrag seit Oktober 2016 für die schrittweise Abschaltung von acht besonders klimaschädlichen Kohlekraftwerken mit einer Leistung von 2,7 Gigawatt mindestens 1,6 Mrd. Euro erhalten. Deshalb dürfte es für die Jamaika-Unterhändler schwierig werden, bei weiteren Stilllegungen von dem Entschädigungsmodell abzuweichen.In Deutschland wird noch rund 40 % des Stroms von Kohlekraftwerken erzeugt. Davon entfallen 23 % auf Braunkohle, wie sie RWE im Tagebau des Rheinischen Reviers fördert, und 17 % auf zumeist importierte Steinkohle. Anders als bei der schwankenden Erzeugung aus Wind und Sonne können Kohlekraftwerke rund um die Uhr liefern. Sie werden also an Tagen ohne Sonne und Wind – bei der sogenannten Dunkelflaute – noch dringend gebraucht. Derzeit leistet sich Deutschland einen konventionellen Kraftwerkspark mit rund 100 Gigawatt Kapazität neben Ökostromerzeugungsanlagen mit ebenfalls rund 100 Gigawatt.RWE betreibt an sieben Standorten in Deutschland Stein- oder Braunkohlekraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt mehr als 12 Gigawatt. “Bei einem kurzfristigen Ausstieg aus der Kohle wäre die Versorgungssicherheit nicht mehr zu gewährleisten”, sagte RWE-Finanzvorstand Markus Krebber. Ein schneller Ersatz, etwa durch Gas, sei schon aufgrund von Genehmigungszeiten unrealistisch. Mit neuen Gaskraftwerken allein sei es nicht getan.In Deutschland setzt RWE zu 60 % auf Kohle. Deshalb wäre der Konzern vom Kohleausstieg am stärksten betroffen. Binnen zehn Tagen hat der Aktienkurs um mehr als 15 % nachgegeben, war aber zuvor auch stark gestiegen, so dass jetzt viele Investoren Kasse machen.Die ältesten Kohlekraftwerksblöcke wurden vor mehr als 50 Jahren in Betrieb genommen und haben sich für die Betreiber längst mehrfach amortisiert. Bis 2030 will RWE seinen CO2-Ausstoß durch die Stilllegung von Blöcken mit insgesamt 3,3 Gigawatt in etwa halbieren. Den Tagebau will RWE noch bis Mitte des Jahrhunderts fortsetzen.Etwas weniger bedrohlich wäre der Kohleausstieg für Uniper: Der von Eon abgespaltene Konzern verfügt in Deutschland über 3,4 Gigawatt Kohle-Leistung – ein Drittel der hiesigen Kapazität des Konzerns. Dazu gehören sieben Steinkohle- und ein Braunkohlekraftwerk. Im Jahr 2018 soll das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz gehen – voraussichtlich das letzte neu gebaute Kohlekraftwerk in Deutschland. Vier BraunkohlereviereBraunkohle wird in den Revieren Rheinland, Lausitz, Mitteldeutschland und Helmstedt gefördert. Inklusive der Mitarbeiter in den Kraftwerken sind dort 20 000 Mitarbeiter beschäftigt. In Ostdeutschland betreibt die LEAG Tagebau und Braunkohlekraftwerke mit einer Leistung von gut 8 Gigawatt. Das Unternehmen gehört dem tschechischen Versorger EPH und dem Finanzinvestor PPF. Sie hatten 2016 die ostdeutschen Braunkohlekraftwerke und den Tagebau von Vattenfall übernommen.—– Gastbeitrag Seite 14