VW ZIEHT BILANZ

Volkswagen stellt Finanzziele für 2020 in Frage

In Coronakrise haben Gesundheit der Mitarbeiter, Geschäftsprozesse und Liquidität Priorität - Halbierter Quartalsgewinn erwartet

Volkswagen stellt Finanzziele für 2020 in Frage

Der VW-Konzern stellt infolge der Coronakrise seine Finanzziele für das laufende Geschäftsjahr in Frage. Nach einem Rekordjahr 2019 mit einer um rund 35 % steigenden Dividende stehen derzeit die Gesundheit der Beschäftigten sowie die Sicherung von Geschäftsprozessen und Liquidität im Vordergrund.ste Hamburg – Volkswagen weicht infolge der zunehmenden weltweiten Ausbreitung des Coronavirus die Ende Februar veröffentlichten Finanzziele für 2020 auf. Eine verlässliche Prognose sei “schlichtweg nicht möglich”, sagte Finanzvorstand Frank Witter bei der Präsentation der Jahresbilanz 2019. Der Wolfsburger Zwölfmarkenkonzern hatte nach einer überraschenden Gewinnsteigerung im vergangenen Geschäftsjahr für 2020 in etwa stabile Auslieferungen von knapp 11 Millionen Fahrzeugen, eine Umsatzsteigerung um bis zu 4 (2019: +7,1) % sowie eine operative Rendite vor Sondereinflüssen im Korridor von 6,5 bis 7,5 (7,6) % in Aussicht gestellt (vgl. BZ vom 29. Februar).Mit Blick auf eine sichtbare Erholung im wichtigsten Einzelmarkt China im Monat März erklärte Witter in der im Internet übertragenen Bilanzpressekonferenz, man wolle “das Jahr 2020 nicht komplett abschreiben”, auch wenn derzeit nicht absehbar sei, was von der Ende Februar abgegebenen Prognose übrig bleibe. In den Monaten Januar und Februar liegt der Konzern bei Produktion, Absatz und Auslieferung nach Angaben des CFO etwa 15 % unter den Vorjahreswerten. Beim operativen Ergebnis (Ebit) könne man im ersten Quartal gemessen am starken Vorjahresniveau von 4,8 Mrd. Euro – die Ebit-Marge erreichte 8,1 % – mindestens von einer Halbierung ausgehen. China macht HoffnungEiner der stärksten Hebel sei aber das China-Geschäft, das sich inzwischen erhole und konzernweite Auslieferungen von bis zu 1 Million Fahrzeugen im März möglich erscheinen lasse. Im Februar waren die Auslieferungen des Konzerns um 24,6 % auf 546 300 Fahrzeuge abgesackt. In China, wo der VW-Konzern 2019 in einem um 6,5 % rückläufigen Markt 4,2 Millionen Fahrzeuge (+0,6 %) auslieferte, fiel die Zahl infolge der Coronavirus-Epidemie allein um 74 % auf 60 900.Witter unterstrich, VW sei derzeit “im Taskforce-Modus um Absicherung bemüht” – um die Gesundheit der Mitarbeiter und ihrer Familien, um die Stabilisierung der Geschäftsprozesse sowie um die Liquidität. “Wir haben die gesamte Organisation darauf eingeschworen, liquiditätsschonende Maßnahmen zu identifizieren und umzusetzen.” Der Konzern, der über ein breites Netz an Kreditlinien und Zugang zum Kapitalmarkt verfüge, werde darauf achten, dass der Liquiditätsabfluss auf ein Minimum begrenzt bleibe. Allerdings sei ein nicht unerheblicher Fixkostenblock zu bedienen.Die Situation erfordere “einen kühlen Kopf”. Einen Verkauf von weiteren Randgeschäften werde es nicht um jeden Preis geben, unterstrich der Finanzvorstand mit Blick auf den Plan, nach der Ende Januar bekannt gewordenen Veräußerung der Großgetriebetochter Renk an den Finanzinvestor Triton auch für den Großdieselmotoren- und Turbomaschinenhersteller MAN Energy Solutions einen Abnehmer zu suchen. Man werde “Assets, die wir wertschätzen, nicht verramschen”. 31 Mrd. Euro für “Dieselgate”Zu den Zahlen des Berichtsjahres sagte Witter, VW habe sich eine Position erarbeitet, aus der der Konzern den anstehenden Umbruch in Richtung Elektromobilität und andere Zukunftstechnologien erfolgreich gestalten könne. Der Netto-Cash-flow des Konzernbereichs Automobile lag mit 10,8 (-0,3) Mill. Euro deutlich über Vorjahr. Bereinigt um Abflüsse von 1,9 Mrd. Euro im Zusammenhang mit der Dieselabgaskrise sowie M&A-Effekte (0,7 Mrd. Euro) betrug der Netto-Cash-flow 13,5 Mrd. Euro – bei einem Zielwert von mehr als 9 Mrd. Euro. Für die Jahre 2020 und 2021 stellt VW Mittelabflüsse von 2,9 Mrd. bzw. 1,2 Mrd. Euro infolge von “Dieselgate” in Aussicht. Der im September 2015 aufgeflogene Skandal hat den VW-Konzern 31,3 Mrd. Euro bis Ende 2019 gekostet – verarbeitet wurden von diesen negativen Sondereinflüssen 26,2 Mrd. Euro.VW-Konzernchef Herbert Diess zeigte sich mit Blick auf die Coronavirus-Epidemie zuversichtlich, dass es nach China bei einer guten Abstimmung zwischen Regierungsstellen und Unternehmen auch in Europa gelingen könne, die Krise bald zu überwinden. Anlass, von bisherigen Plänen zur Elektrifizierung der Fahrzeugflotte abzurücken, sieht der Konzern nicht. Es gebe keine Verzögerungen, sagte Diess. Der ID3, der als erster Wagen auf Basis des modularen Elektrobaukastens (MEB) die E-Mobilität massentauglich machen soll, soll wie geplant im Sommer mit fertiger Software auf den Markt kommen. 2020 und 2021 will der Konzern mit 15-E-Modellen und 18 neuen Plug-in-Hybridfahrzeugen aufwarten. Die Flottenziele im Zusammenhang mit den verschärften EU-Klimaschutzvorgaben aufzuweichen, wird VW Diess zufolge nicht verlangen. Bei Verfehlen der CO2-Grenzwerte drohen Milliardenstrafen.