Vom Prachtschloss zur Notunterkunft
Vom Prachtschloss zur Notunterkunft
Von Sebastian Schmid, FrankfurtIm Januar drückt Hewlett Packard Enterprise (HPE) wieder einmal die “Reset”-Taste. Konzernchefin Meg Whitman tritt ab und macht Platz für den zehn Jahre jüngeren HP-Veteran Antonio Neri. Nachdem die 61-Jährige sechs Jahre einen kostenfokussierten Management-Stil pflegte, der die Erlöskraft schrumpfen ließ und von dem Portfoliobereinigungen und die Aufspaltung des einstigen IT-Giganten in Erinnerung bleiben, soll ein Computeringenieur wieder für Wachstumsimpulse sorgen.Die Kehrtwende in der Managementauswahl erfolgt nach fast zwei Jahrzehnten. Der letzte “echte” Technologie-CEO war Lewis Platt in den späten 1990er Jahren. Er hatte den Umsatz des Konzerns binnen sieben Jahren nahezu verdreifacht, war allerdings wegen seiner zurückhaltenden Art hinter seinen dicken Brillengläsern bei Investoren nur bedingt gelitten. Was folgte waren eine Reihe von Betriebswirten und Marketingmanagern, darunter Carly Fiorina, Mark Hurd, Ex-SAP-Chef Léo Apotheker und zuletzt Meg Whitman. Zwei Jahrzehnte erhielt Financial Engineering oft vor Software Engineering den Vorzug. Um Geld für Forschung und Entwicklung freizuschaufeln, will Neri nun an anderer Stelle sparen. 5 000 Mitarbeiter sollen gehen – ein Zehntel der Belegschaft. Der Jobkahlschlag droht bei HPE wie zuvor bei HP zur Routine zu werden. Von den eingesparten 1,5 Mrd. Dollar im Jahr soll knapp die Hälfte in Forschung und Entwicklung fließen. Was nach einem Richtungswechsel klingt, ist nur eine sanfte Kursanpassung. Allein im Anfang November begonnenen Fiskaljahr will HPE eigene Aktien im Volumen von 2 Mrd. Dollar zurückkaufen. Zudem sollen rund 500 Mill. Dollar in Form von Dividenden ausgeschüttet werden. Angesichts eines Kassenstands von knapp 7 Mrd. Dollar, der zuletzt von Verkäufen getrieben worden war, drängen Aktivisten auf noch höhere Ausschüttungen. Nur Verkäufe füllen die KasseDie Anteilseigner sehen das Geld in der eigenen Tasche zunehmend besser aufgehoben als in den Händen einer Konzernführung, die positive Erlösimpulse vermissen lässt. Eine über Jahre erfolglos verfolgte Wachstumsoption wurde erst im September aufgegeben und sorgte dafür, dass sich der Kassenstand bei HPE kräftig erhöht hat. Die Software-Sparte wurde abgespalten und für 8,8 Mrd. Euro an den britischen Infrastruktur-Software-Anbieter Micro Focus veräußert.Ohne das Software-Geschäft, das vor allem Léo Apotheker in seiner kurzen Zeit an der HP-Spitze hatte ausbauen wollen, bleiben dem Konzern nur noch extrem hart umkämpfte Geschäftsfelder. Umkämpft ist zwar auch das Software-Geschäft. Doch halten sich hier die führenden europäischen und amerikanischen Firmen ihre asiatischen Konkurrenten noch weitgehend vom Hals.Der Serversparte von HPE gräbt derweil der von Internetfirmen und Cloud-Software-Anbietern seit Jahren geförderte Trend zur Standardisierung das Geschäft ab. Die 2011 von Facebook mitbegründete Organisation Open Compute Project (OCP) hat sich zum Ziel gesetzt, einfachere und effizientere Server- und Datenzentren zu designen. Wichtig ist dem Verband, dem mittlerweile neben Facebook auch Google, Apple, Microsoft, Intel, Seagate, Dell, Lenovo, Goldman Sachs und Bank of America angehören, dabei auch die Skalierbarkeit. Wer die Server liefert, ist egal – Hauptsache sie lassen sich leicht und schnell integrieren und sind dabei günstig.Neben Hewlett-Packard macht dieser Trend auch dem zweiten Dinosaurier im US-IT-Sektor zu schaffen. IBM hat sich von Teilen des Server-Geschäfts getrennt. Der verbliebene Teil trägt maßgeblich dazu bei, dass Big Blue zuletzt 21 Quartale in Folge schrumpfende Erlöse berichten musste. Wie Hewlett Packard Enterprise kämpft IBM daher mit Problemen im angestammten Geschäft. Dennoch ist die Situation beider Gesellschaften kaum vergleichbar. Anders als HPE hat IBM sich bislang nicht zur Aufspaltung und zahlreichen Spartenverkäufen hinreißen lassen. Auch bei Zukunftsinvestitionen zeigt IBM einen längeren Atem. Mit Produkten zu Datenanalyse, Datensicherheit und künstlicher Intelligenz, die IBM als “strategische Imperative” zusammenfasst, wurden im dritten Quartal fast 9 Mrd. Dollar (+10 %) umgesetzt – so viel erlöst HPE im gesamten Konzern nicht.Noch deutlicher zeigt sich der Unterschied beim Cash-flow. Lediglich 890 Mill. Dollar spülte das operative Geschäft von HPE im Geschäftsjahr per Ende Oktober in die Kasse. IBM kam allein in den neun Monaten per Ende September auf rund 11 Mrd. Dollar. Zwar ist der Mittelzufluss auch bei IBM rückläufig. Dennoch bleiben Big Blue ganz andere Spielräume, um zu investieren. Für neue Talente ist der Konzern so attraktiver. IBM mag nicht mehr das einzige Prachtschloss sein, in das jeder Softwareingenieur, frisch von der Uni kommend, einziehen möchte. Der Konzern ist aber weit davon entfernt, die Notunterkunft zu sein, die HPE für viele Absolventen derzeit darstellen muss.Passend dazu wird der Konzern per Ende 2018 umziehen. Das historische Hauptquartier in Palo Alto wird verlassen und die Zentrale in die Büros der 2015 erworbenen Aruba Networks nach Santa Clara verlegt. Zu eng wird es dort kaum. Das Unternehmen, das bei Whitmans Amtsantritt noch über 300 000 Angestellte zählte, kommt nach dem jüngsten Stellenabbau nicht einmal mehr auf 50 000 Mitarbeiter.