Vor der Wende
Vor der Wende
Das wirtschaftliche Umfeld könnte für deutsche Unternehmen kaum besser sein. Von wenigen Störfeuern wie der schwierigen Regierungsbildung in Berlin, dem harzigen Verlauf der Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union und dem tendenziell steigenden Ölpreis abgesehen, arbeiten die Firmen unter nahezu idealen Bedingungen. Das macht sich auch in der Zahl der Insolvenzen bemerkbar. 2017 wird nach Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform das nunmehr achte Jahr in Folge sein, in dem die Firmenpleiten im Vergleich zur Vorperiode zurückgehen, nämlich um 6,3 % auf rund 20 200. Und dieser Trend werde sich 2018 fortsetzen. Doch die Lage der Unternehmen in ihrer Gesamtheit ist bei weitem nicht so gut, wie die Zahlen nahelegen.Neben den positiven Konjunkturerwartungen und der hohen Konsumneigung in Deutschland, hervorgerufen durch die rückläufige Arbeitslosenzahl und tendenziell steigende Einkommen, sind die niedrigen Kreditzinssätze sicher der wichtigste Pluspunkt für die Unternehmen. Dadurch ist die Finanzierung leicht und erschwinglich.Vor diesem Hintergrund ist es besorgniserregend, wenn laut Creditreform 15 % der fremdfinanzierten Firmen schon heute ihre Zinsen nicht verdienen. Wie positiv müssen die Rahmenbedingungen denn sein, damit diese Unternehmen, deren operativer Gewinn (Ebit) geringer als der Zinsaufwand ist, schuldentragfähig werden?Nun mag es sein, dass Neugründungen die mit Verlusten garnierte Markteintrittsphase überleben müssen, dass Unternehmen selbstverschuldete temporäre Krisen durchlaufen oder dass eine Sektorschwäche die Branchenvertreter zeitweilig unter Druck bringt. Doch insgesamt sind viele Firmen einfach zu wenig rentabel, um ihre Schulden bedienen zu können.Wohin das führen kann, zeigt ein von Creditreform entworfenes Szenario: Ausgehend von einem Fremdkapitalzinssatz von 3 % wird z. B. ein Zinsanstieg um 1,5 Prozentpunkte sowie eine Ertragsverschlechterung um 20 % unterstellt; das ist durchaus realistisch, da steigende Zinsen dämpfend auf die Konjunktur wirken. Schon unter dieser vergleichsweise moderaten Umfeldverschlechterung würden bereits 18,5 % der Firmen ihren Zinsaufwand nicht mehr verdienen. Wegen der hohen Verschuldung warnt denn auch die Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel, man müsse sich auf eine Trendwende bei den Firmeninsolvenzen einstellen. So wird es kommen; vielleicht noch nicht 2018, aber sobald die Zinsen anziehen.