Was Big Oil an niedrigen Ölpreisen gut findet

Konzentration auf aussichtsreiche Projekte - 60 Dollar je Fass reichen zur Finanzierung von Dividende und Investitionen aus

Was Big Oil an niedrigen Ölpreisen gut findet

Es klingt paradox, aber die Chefs von Total und BP verweisen darauf, dass der niedrige Ölpreis auch Vorteile für sie hat. Eine Rückkehr zu einem Ölpreis von 100 Dollar je Fass finden beide nicht erstrebenswert. Ein schwacher Ölpreis bringe Ruhe ins Geschäft.Von Gerald Hosp, LondonPatrick Pouyanné setzt ein harmloses Gesicht auf. “Ich mag keinen höheren Erdölpreis”, sagte der Konzernchef des französischen Energieriesens Total vor kurzem auf der Branchenkonferenz “Oil & Money” in London. Der Franzose ist mit seiner Aussage aber kein völliger Ausreißer unter den Ölchefs. Auch Bob Dudley vom britischen Konzern BP stieß ins gleiche Horn. Eine Rückkehr zu einem Ölpreis von 100 Dollar je Fass finden beide nicht erstrebenswert. Dies sei nicht gesund, meinte Dudley. In der Branche habe man auch bei einem Preis von 20 Dollar oder 25 Dollar je Fass Geld gemacht. Auf DiätPouyanné sagte zudem, dass das Geschäftsmodell der “Oil Majors” in einem Umfeld mit niedrigen Erdölpreisen besser funktioniere. Einige der Großkonzerne seien zur Jahrtausendwende aus Fusionen erstanden, angetrieben vom Preisverfall des Erdöls in den 1990er Jahren. Mit einer höheren Notiz wurden auch nationale Erdölgesellschaften selbstbewusster, “Big Oil” verfolgte immer kostspieligere Projekte in abgelegeneren Gebieten, und der Wettbewerb von unabhängigen Ölgesellschaften wie den Schieferölproduzenten nahm zu.Heute sei es ruhig, und der Zugang zu Ressourcen sei reichlich vorhanden. So einmütig die Meinungen sind, so recht will man es aber nicht glauben. Die beiden Ölmänner setzen zumindest unterschiedliche Akzente in der Schlussfolgerung. Für Dudley ist der Höhepunkt der “Investitions- und Kostendiät” noch nicht erreicht. Die Erdölkonzerne sind weiterhin bestrebt, die Kosten zu senken und nur die aussichtsreichsten Projekte voranzutreiben. Derzeit steht der Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent bei rund 60 Dollar je Fass, was für einige Konzerne ausreichen dürfte, um Dividende und Investitionen aus dem Cash-flow zu finanzieren. In der Branche ist man bestrebt, mit 50 Dollar oder weniger zu leben. Es wird immer mehr aus jedem Fass Erdöl herausgeholt. Preissprung absehbarPouyanné hingegen betonte, dass zu wenig investiert werde, was in einigen Jahren zu einem Preissprung führen werde. Zwischen 2010 und 2014 seien durchschnittlich 35 Erdöl- oder Erdgasprojekte bewilligt worden. Ab 2015 hätte sich diese Zahl auf zwölf reduziert. Dadurch verringert sich die zusätzliche Förderkapazität von 2,5 Millionen Fass täglich auf 1 Million.Die “Oil Majors” sind dabei im Dilemma, dass sie zurzeit als Branche mehr fördern, als dass sie aufstocken. Dadurch gehen die Reserven bereits seit einigen Jahren zurück. Laut der Bank UBS sind für BP bei derzeitigem Stand die Reserven in 13,6 Jahren, für Total in 12,3 Jahren und für Royal Dutch Shell in 9,9 Jahren erschöpft. Wenn nicht investiert wird, verschwindet das wegen der Klimapolitik diskutierte Problem nichtverbrennbarer Reserven beinahe von selbst. Gleichzeitig halten der niedrige Ölpreis und auch Investoren die Konzerne noch diszipliniert.Die geringen Investitionen führen dann zu höheren Preisen, was wiederum in genügend Anreizen für Investitionen mündet: Der übliche Preis-Investitionszyklus in der Rohstoffbranche ist perfekt. Der Total-Chef fürchtet jedoch, dass in diesem Umfeld wieder die Kostendisziplin verloren gehe und dass die Schieferölproduzenten in den Vereinigten Staaten und die erneuerbaren Energien wieder wettbewerbsfähiger gegenüber dem konventionell geförderten Erdöl werden. Auch die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) warnt deshalb vor allzu geringen Investitionen; ähnlich wie die Internationale Energieagentur (IEA), ein Energie-Thinktank der Konsumentenländer. Mehrförderung aus AngstWas sich aber von einem üblichen Zyklus unterscheidet, ist die Diskussion darüber, ob die Nachfrage nach Erdöl in absehbarer Zeit ihren Höhepunkt erreichen wird. Elektrofahrzeuge und ihre Auswirkungen auf die Energieversorgung sind allgegenwärtig in der Debatte. Prognosen zum Zeitpunkt der Gipfelnachfrage in zehn bis zwanzig Jahren sind Legion. Diese Dynamik kann jedoch den Effekt haben, dass Petro-Staaten umso mehr fördern, je stärker die Anstrengungen der Klimapolitik ausfallen, um wenigstens noch die letzten Brosamen aufzusammeln. Dadurch würden die Erdölmärkte gut versorgt bleiben.Die “Oil Majors” versuchen selbst schon, ihrer Erdölabhängigkeit zu entfliehen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Wechsel von “Big Oil” zu “Big Gas”. Die Reserven der großen Konzerne sind bereits beinahe hälftig auf Öl und auf Gas aufgeteilt. Die Begeisterung für Erdgas liegt darin begründet, dass der fossile Brennstoff zur Stromerzeugung eine immer größere Rolle spielen soll, weil Gas mit einem besseren Brennwert als Kohle weniger CO2 freisetzt. Die Elektroautos sollen in dieser Rechnung mit Strom aus Gaskraftwerken betrieben werden. Eine andere Strategie ist der Ausbau des Geschäfts mit erneuerbaren Energien. Derzeit ist es unter den Erdölkonzernen auch en vogue, Unternehmen für Ladestationen für Elektrofahrzeuge zu erwerben.Bisher überzeugte die Branche aber wenig in ihrem Versuch, auch die erneuerbaren Energien wie Windkraft, Sonnenenergie und Bio-Kraftstoffe zu umarmen. Unter Lord Browne, einem Vorgänger von BP-Chef Dudley, stand BP bereits zu Beginn des neuen Jahrtausends für “Beyond Petroleum” – über das Erdöl hinaus. Das Motto verlor über die Jahre an Bedeutung. Dudley machte die Politik zur Jahrtausendwende, die ihre Ankündigungen in Bezug auf die Klimapolitik nicht eingehalten habe, dafür verantwortlich, dass die Investitionen in “grüne Energien” wenig Früchte getragen habe. Die meisten Öl- und Gaskonzerne machen aber wieder Gehversuche im Bereich der erneuerbaren Energien. Eine weitere Strategie sind Investitionen in die Petrochemie, in der Erdöl auf absehbare eine wichtige Grundlage sein wird. Immer noch GeldmaschinenAuch wenn sich manche institutionelle Investoren von der Branche abwenden, und die Erdölriesen als Unternehmen der Vergangenheit bezeichnet werden, zeigen die vorläufigen Zahlen für das dritte Quartal, dass die Konzerne immer noch Geldmaschinen sind. Ein Großteil der verbesserten Ertragslage lässt sich auf gestiegene Erdöl- und Erdgaspreise zurückführen. Selbst Pouyanné würde wohl eingestehen, dass höhere Preise bis zu einem gewissen Grad hilfreich sind.Mehr Konzerne können Dividenden und Investitionen mit dem Cash-flow finanzieren. Finanzielle Disziplin macht es möglich. Die UBS schreibt, dass das gegenwärtige Umfeld vorteilhaft für die Energiekonzerne sei, sie müssten aber weiterhin die Kostenzügel fest in den Händen halten. Neben der Sorge, dass die Konzerne wieder sorgloser werden könnten, bleibt auch der Erdölpreis unberechenbar. Eines wird für Manager, Investoren und Analytiker wohl nicht möglich sein: den Moment festzuhalten.