CORPORATE FINANCE AWARD: DIE GEWINNER (6)

Wintershall Dea gelingt glänzendes Debüt

Gas- und Ölkonzern emittiert vier Bond-Tranchen über zusammen 4 Mrd. Euro - Kosten- und Leverage-Kontrolle zugesagt - Positives Signal für angepeiltes IPO

Wintershall Dea gelingt glänzendes Debüt

Wintershall Dea hat ein glänzendes Debüt am Kapitalmarkt gefeiert. Die 4-Mrd.-Euro-Anleihe, die im vergangenen September emittiert wurde, war um das 2,7-Fache überzeichnet. Mit diesem Erfolg war bei einem Unternehmen, das damals nicht einmal fünf Monate alt war und zur schwankungsanfälligen Öl- und Gasbranche gehört, nicht unbedingt zu rechnen. Auch sonst setzte Wintershall Dea mit der Platzierung Zeichen: Es war die größte Erstemission eines Unternehmens mit “Baa2”-Rating (Moody’s) überhaupt. Zudem wurde mit zwölf Jahren die längste Laufzeit einer Tranche bei einer Erstemission platziert.Von Martin Dunzendorfer, FrankfurtNoch nie hat ein Debütant am Kapitalmarkt ein solch hohes Anleihevolumen emittiert. Dass der Bondgläubiger – das größte deutsche Gas- und Ölunternehmen Wintershall Dea – so problemlos 4 Mrd. Euro einsammeln konnte, ist ein großer Vertrauensbeweis der Anleger und gleichzeitig ein Zeichen für die Wirtschaftskraft und Reputation des Konzerns.Mitte September 2019 platzierte Wintershall Dea eine Anleihe in vier Tranchen mit einem Volumen von jeweils 1 Mrd. Euro. Die vierjährige (2023) wird jährlich mit 0,452 % verzinst, die sechsjährige (2025) mit 0,84 %, die neunjährige (2028) mit 1,332 %. Für die zwölfjährige Tranche muss der Konzern pro Jahr 1,823 % Zinsen zahlen. Moody’s bewertet die Bonds mit “Baa2” und Fitch mit “BBB”; das entspricht auch den langfristigen Ratings von Wintershall Dea (vgl. BZ vom 19.9.2019).Es war die erste Transaktion von Wintershall Dea auf den Kapitalmärkten. Das Orderbuch umfasste nach Angaben aus Finanzkreisen rund 10,6 Mrd. Euro. Gemäß Paul Smith, dem CFO von Wintershall Dea, war es damit um das 2,7-Fache überzeichnet. “Das spricht nicht nur für die Kreditqualität von Wintershall Dea, sondern validiert auch die Strategie unseres Unternehmens sowie unsere Rolle in der Energiewende”, so der Finanzchef. Er verwies stolz auf die “Reihe von Meilensteinen”, die Wintershall Dea mit der Transaktion erreicht habe, zum Beispiel die größte Erstemission und die längste Laufzeit einer Tranche in Euro für ein Unternehmen ohne vorherigen Zugang zum Kapitalmarkt – und das “vor dem Hintergrund unserer noch jungen Geschichte als Wintershall Dea”.Das Unternehmen entstand am 1. Mai vorigen Jahres durch den Zusammenschluss der Öl- und Gasaktivitäten des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF (Wintershall) mit denen von Letter One (Dea). Die Verschmelzung war allerdings schon Ende 2017 vereinbart worden. Wintershall war ganz überwiegend in der Exploration, Erschließung und Förderung (Upstream-Geschäft) tätig. Zudem brachte Wintershall bzw. BASF das Midstream-Geschäft mit in die “Ehe”. Transport, Lagerung und Großhandel waren sogar die Wurzel der Zusammenarbeit mit Russland, die später mit den Upstream-Aktivitäten in Russland ausgebaut wurde. Hinter dem Fusionspartner, der ehemaligen RWE-Sparte Dea, steht seit 2014 die Letter-One-Gruppe des russischen Milliardärs und Oligarchen Michail Fridman. Wintershall Dea mit Doppelsitz in Kassel und Hamburg beschäftigt weltweit rund 4 000 Mitarbeiter und sucht und fördert in weltweit 13 Ländern Gas und Öl. Upstream-Aktivitäten gebe es in Europa, Russland, Lateinamerika sowie in der Mena-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika).Die hohe Nachfrage erlaubte es den Konsortialbanken, die Preise der vier Tranchen gegenüber den ursprünglichen Vorstellungen anzuheben, was die Renditen für die Bondgläubiger drückte. Die vierjährige Anleihe wurde nach Unternehmensangaben zu 110 BP über Swaps verkauft, die sechsjährige zu 140 BP, die neunjährige zu 170 BP und die zwölfjährige zu 200 BP über Swaps. Die Bonds sind im Euro MTF Markt der Börse Luxemburg gelistet.Zum Erfolg der Emission trug bei, dass mittlere Laufzeiten gewählt wurden, denn diese führten bei einem Emittenten mit dem zweitniedrigsten Investment-Grade-Rating (Moody’s) zu positiven Renditen. Genau danach wurde damals von Investoren gesucht, weil auf Euro lautende Kurzläufer von Emittenten, die ebenfalls Anlagequalität hatten, seinerzeit in negatives Terrain gerutscht waren.Das Bankenkonsortium, das die Transaktion begleitete, bestand aus Bank of America, Barclays, J.P. Morgan und Société Générale als Joint Lead Managers. Joint Bookrunners waren Citigroup, Commerzbank, Crédit Agricole CIB, Credit Suisse, Deutsche Bank, Goldman Sachs, HSBC, ING, Mizuho Securities, Morgan Stanley, MUFG und Unicredit. Während Wintershall Dea von Linklaters beraten wurde, war Freshfields Bruckhaus Deringer der Lender’s Legal Advisor. Banken machen guten Job Der Job der Lead-Banken war bei der Transaktion nicht so einfach, wie das volle Orderbuch suggeriert. Immerhin waren die starken Schwankungen des Ölpreises und die zunehmenden geopolitischen Spannungen im Spätsommer 2019 mit dem Anleihevolumen und den Kupons in Einklang zu bringen. So waren kurz vor der Emission der Bonds am 14. September im östlichen Saudi-Arabien zwei Anlagen der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco durch Drohnen und Marschflugkörper angegriffen worden, was zu Turbulenzen auf den Märkten führte. Außerdem brachte der September ein Rekordvolumen bei Anleihen, die von Investment-Grade-Schuldner emittiert wurden. Zu Beginn sei auch an eine Emission in Dollar gedacht worden, heißt es aus Bankenkreisen. Doch aufgrund des überwältigenden Interesses von Investoren in Europa habe man sich auf eine Bondemission in Euro konzentriert. Marco Baldini, Head of European Bond Syndicate bei Barclays, hatte in einem Interview erklärt, dass 2019 für erfahrene und etablierte Bond-Emittenten ein “lockeres” Jahr gewesen sei; in Spezialfällen wie bei Debütanten sei es darauf angekommen, positiv hervorzustechen. Wintershall Dea sei “a tough credit in a tough industry” gewesen. Doch letztlich sei es ein “fantastischer Deal” geworden. Zur Refinanzierung eingesetztBleibt die Frage: Was machte Wintershall Dea eigentlich mit dem Erlös aus der Bondemission? Dieser diente in erster Linie zur vollständigen Refinanzierung der kurzfristigen Brückenfinanzierung in Höhe von 3,7 Mrd. Euro, die zum Closing der Fusion gut vier Monate vor der Anleihenausgabe aufgenommen worden war. Der Restbetrag sollte für die Finanzierung der Transaktionskosten, die in Verbindung mit dem Merger entstanden sind, und für allgemeine Unternehmenszwecke eingesetzt werden. “Der Erfolg unserer ersten Anleiheemission ist der Abschluss unserer Refinanzierung nach dem Merger”, sagte Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender von Wintershall Dea.Zwar wäre die Brückenfinanzierung, die von 16 internationalen Banken bereitgestellt wurde, noch bis mindestens Mai 2020 gelaufen, doch der CFO wollte die Ausfinanzierung den Angaben zufolge aufgrund der “sehr guten Konditionen und der somit erreichten Sicherheit noch in diesem Jahr (2019) realisieren”.Nach Abschluss der Platzierung bleibe das Verhältnis von Nettoschulden zu Ebitdax (Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Explorationsausgaben) unverändert, versprach Wintershall Dea im September. Und wie es sich für einen weitsichtigen CEO gehört, schlug Mehren schon im Rahmen der Bondemission unüberhörbar die Werbetrommel für den im zweiten Halbjahr 2020 erwarteten Börsengang. “Mit unserer Produktion von rund 590 000 BOE (Barrels of Oil Equivalent) pro Tag im Jahr 2018, einer Reichweite der 1P-Reserven (nachgewiesene Reserven; die Red.) von 15 Jahren und der Beteiligung an einem großen europäischen Verteilerleitungsnetz sind wir das führende eigenständige Gas- und Ölunternehmen in Europa”, so der Vorstandschef.Mehren kündigte an, dass die Umsetzung des Entwicklungsportfolios in den nächsten Jahren für Wintershall Dea das zentrale Thema sein wird, “um erhebliches Produktionswachstum zu erzielen”. Der Börsenkandidat plant nach früheren Angaben, bis 2023 die durchschnittliche Tagesproduktion von 590 000 Barrel Öleinheiten auf 750 000 BOE zu steigern. Widerstandsfähigkeit erhöhtUm den Anlegern die Scheu vor Anleihen und Aktien aus der schwankungsanfälligen Öl- und Gasbranche zu nehmen, betonte Mehren: “Unser Betriebskostenniveau erhöht unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber Preisveränderungen auf dem Rohstoffmarkt.” Vor allem die Personalkosten dürften durch den mit der Fusion einhergehenden Jobabbau deutlich gesunken sein. Gleichzeitig, so der CEO weiter, sorge das Portfolio von Wintershall Dea mit einem Gasanteil von etwa 70 % für “eine gute Ausgangsposition für den Übergang hin zu einer Wirtschaft mit geringeren Kohlenstoffemissionen”. Bisher erschienen: Celonis (6.3.) Teamviewer (28.2.) Merck (21.2.) AMS (14.2.) RWE (8.2.)