"Wir befinden uns in Sippenhaft"
"Wir befinden uns in Sippenhaft"
– Herr Lesser, PNE Wind hat 2017 mit gut 23 Mill. Euro nicht mal ein Viertel des Betriebsergebnisses (Ebit) von 2016 erreicht. 2015 lag das Ebit bei knapp 10 Mill. Euro, 2013 bei 44 Mill. Euro. Wie sind diese Schwankungen zu erklären?Dass das Betriebsergebnis 2017 niedriger ausgefallen ist, liegt an dem Ende 2016 erreichten Verkauf eines Windparkportfolios von gut 140 Megawatt (MW), das wir zuvor in drei Jahren aufgebaut hatten. Diese besonders hohen Erlös- und Ergebniszahlen von 2016 waren 2017 nicht möglich. Im mehrjährigen Durchschnitt liegen wir aber über den Erwartungen. Wir konnten im Herbst unsere Finanzziele erhöhen und haben sie schließlich sogar noch übertroffen. Wir haben ein erfolgreiches Jahr hinter uns, in dem wir im In- und Ausland Projekte gebaut und verkauft haben, aber auch 43 MW eines geplanten neuen Windparkportfolios von 200 MW fertigstellen konnten. Dieses wollen wir 2020 ganz oder in Teilen verkaufen. Aber klar ist auch, dass wir die Ergebnisschwankungen verringern wollen.- Wie?Wir wollen dafür unter anderem das Service-Geschäft, das Betriebsmanagement, ausbauen. Wir wollen mehr Dienstleistungen anbieten. Für dieses Ziel planen wir auch anorganisches Wachstum. Das ist Teil unserer Strategie, das Geschäftsmodell zu erweitern.- Der Aktienkurs ist von 3,23 Euro Mitte Januar auf etwa 2,50 Euro gefallen. Bei Anlegern scheinen Zweifel an der Umsetzung Ihrer Strategie zu bestehen.Das würde ich nicht sagen. Wir konnten in der jüngeren Vergangenheit einige neue Investoren gewinnen, was zeigt, dass wir mit unserem Geschäftsmodell offenbar interessant sind. Allerdings bewegen wir uns in einer Branche, die nach den Turbulenzen im Marktumfeld des vergangenen Jahres eher kritisch gesehen wurde, wie die Kursentwicklung etwa von Windturbinenherstellern in den vergangenen Wochen zeigt. Wir befinden uns hier in Sippenhaft. Das sollte sich angesichts des positiveren regulatorischen Umfelds in diesem Jahr ändern. Wir beobachten aber auch einen Anstieg unserer Aktie in jüngster Zeit. Offenbar setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Verkäufe doch überzogen waren. Fundamental sind unsere Zahlen gut und die Kurse zeigen einen großen Spielraum nach oben.- Bis wann soll die Erweiterung des Geschäftsmodells vollzogen sein?Unsere Strategie sieht vor, dass wir den Wandel zum Anbieter von Lösungen für saubere Energie bis 2023 geschafft haben. Das durchschnittliche Betriebsergebnis soll durch organisches und anorganisches Wachstum bis 2023 um 30 bis 50 % höher liegen als bis 2016. Das durchschnittliche Ebit über die letzten 6 Jahre lag bis dahin bei rund 29 Mill. Euro.- Was heißt denn Verringerung der Ergebnisvolatilität konkret? Was ist durch den Ausbau des Service-Geschäfts zu erwarten?Für geringere Ergebnisschwankungen sollen regelmäßige Einnahmen durch das Service-Geschäft sorgen. Wir liegen heute bei 9,6 Mill. Euro Jahresumsatz und rund 20 % Umsatzrendite. Dieses Geschäft wollen wir ausbauen. Wenn wir das schaffen, sind auch Synergieeffekte möglich. Wir wissen, dass wir uns in einem Umfeld mit starkem Wettbewerb bewegen. Nichtsdestotrotz sehen wir große Chancen. Wir wollen mit dem Service-Geschäft auch in mehr Ländern in Europa als bislang aktiv sein. Frankreich schwebt uns da vor. Zurzeit sind wir, was die Betriebsführung angeht, in Deutschland und Italien vertreten. Für unsere Expansion können wir uns Kooperationen und Übernahmen gut vorstellen. – Was schwebt Ihnen in Sachen anorganisches Wachstum denn vor?Wir schauen uns im Service-Markt nach Partnern um, mit denen wir unser Geschäft erweitern können. Zugleich prüfen wir, inwiefern wir Windparks aus dem laufenden Betrieb übernehmen können, die Potenzial für Repowering-Maßnahmen aufweisen. – Ist in diesem Geschäftsjahr mit Zukäufen zu rechnen?Das möchte ich offenlassen. Wir wollen uns nicht unter Druck setzen. Wir müssen prüfen, was für unser Geschäftsmodell sinnvoll ist, ob der potenzielle Partner gesund ist und ob sich Synergieeffekte realisieren lassen. – Mit welchen Investitionen planen Sie für die Erweiterung der Wertschöpfungskette? Wie hoch sind die Investitionen?In die Erweiterung der Wertschöpfungskette wollen wir in den nächsten fünf Jahren durchschnittlich 10 Mill. Euro pro Jahr investieren. Wie viel davon in diesem Jahr anfällt, hängt davon ab, welche Möglichkeiten sich ergeben, auch mit Blick auf anorganisches Wachstum. – Wie beurteilen Sie die aktuelle Finanzierungslage?Die ist auskömmlich. Über Bankkredite müssen wir nicht verhandeln, auch nicht neu verhandeln. Wir verfügen über das notwendige Kapital, um jederzeit die erforderlichen Sicherheiten zu bieten. – Die Finanzierungskosten sind keine große Herausforderung?Anfang Juni läuft unsere mit 8 % verzinste 100-Mill.-Euro-Anleihe aus. Ferner zahlen wir 3,75 % für eine im Herbst 2019 fällige Wandelanleihe mit rund 6 Mill. Euro. Wir können die Anleihen bedienen und einen positiven Ebit erwirtschaften. Wir haben eine Nettoliquidität von rund 14 Mill. Euro, die Cash-Position lag zum 31. Dezember 2017 bei 194 Mill. Euro. Wir können den Bond bezahlen, setzen unsere Strategie um und planen anorganisches Wachstum. Eine neue Anleihe mit einem Volumen von 50 Mill. Euro und fünfjähriger Laufzeit wird für finanziellen Spielraum sorgen. Die Anleihe wird es uns verglichen mit dem 100-Mill.-Euro-Papier ermöglichen, die Zinskosten von 8 Mill. Euro auf rund 2 Mill. Euro pro Jahr zu reduzieren. – Wachstumsfinanzierung oder Reduzierung der Zinskosten: Was steht denn für Sie bei der Emission der neuen Anleihe im Vordergrund?Ein Teil der Erlöse soll verwendet werden, um die fällig werdende Anleihe zurückzuzahlen. Der Bond dient aber auch dem Aufbau des neuen internationalen Windparkportfolios von 200 MW. Dazu sind Investitionen von rund 300 Mill. Euro erforderlich. Und wir nutzen die Erlöse für organisches und anorganisches Wachstum im Rahmen unserer Strategieerweiterung. Eine Priorität gibt es nicht.- Die Ratingagentur Creditreform hat den Ausblick für Ihr Rating angehoben. Wie wichtig ist das?Die Ratingmaßnahme bestätigt unsere Arbeit der vergangenen Jahre. Wenn wir die Anleiheverzinsung auf 4 % halbieren können und ein positives Feedback bei Investoren erkennen, dann zeigt dies wie auch der angehobene Ratingausblick, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen und dass das Vertrauen der Marktteilnehmer in PNE Wind wächst.- Aber mit “BB” wird PNE Wind nach wie vor als spekulative Anlage angesehen. Warum kommen Sie nicht schneller voran?Projektentwickler haben bei Ratingagenturen in der Regel einen Malus. Es gibt aber in unserem Fall mehrere Faktoren, die zu positiven Erwartungen in diesem Jahr veranlassen. So verfügen wir beispielsweise im Moment über Windparks mit 69 MW im Eigenbetrieb. Wir erwarten hier höhere Stromerlöse in diesem als im vergangenen Jahr. Die Erlöse werden wir voraussichtlich fast verdoppeln können, nach 9 Mill. Euro im Jahr 2017. Aber klar ist auch, dass wir uns in einem volatilen Marktumfeld bewegen. Wir sind und bleiben von regulatorischen Änderungen abhängig. Auch deshalb sind wir in 13 Ländern präsent.- PNE Wind hat seit 2017 neue Großaktionäre. Wie sind Ihre Erfahrungen?Wir haben in den vergangenen 18 Monaten eine Strategie entwickelt. Diese Strategie, die auf der Analyse einer Vielzahl von Märkten sowie der jeweiligen Rahmenbedingungen basiert, haben wir unabhängig vom Wechsel in unserem Aktionärskreis aufgesetzt. – Machen die neuen Aktionäre wie die Beteiligungsgesellschaft Active Ownership Capital nicht mehr Dampf? Wir arbeiten mit Active Ownership und unseren anderen Aktionären konstruktiv zusammen. Der Vorstand hat ein gutes Verhältnis zum Aufsichtsrat.- Von Seiten der Aktionäre kommt also nicht mehr Druck als früher?Nein. Wir werden kritisch, aber positiv begleitet.- Erwarten die Aktionäre künftig mehr bei Ausschüttungen?Wir haben der Hauptversammlung vorgeschlagen, für das Geschäftsjahr 2017 eine ordentliche Dividende wie im Jahr zuvor von 4 Cent je Aktie zu beschließen. Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir investieren wollen in die Erweiterung der Wertschöpfungskette, in Zukäufe und in den Portfolioaufbau. Wir sind dabei, ein Windparkportfolio von 200 MW aufzubauen. Insofern müssen wir abwägen, wie wir mit unseren guten Geschäftsergebnissen umgehen, wie viel wir ausschütten und wie viel wir in den Erhalt unserer Wettbewerbsfähigkeit investieren wollen. Ob wir in den kommenden Jahren mehr ausschütten, wird von den jeweiligen Geschäftsergebnissen abhängig sein. Über dieses Vorgehen herrscht Konsens zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. – Im Herbst haben Sie die Ebit-Prognose für 2017 angehoben. Wie wahrscheinlich ist denn eine Anpassung in diesem Jahr?Wir geben Prognosen ab mit dem Ziel, diese auch einhalten zu können. Wir haben unsere operativen Gewinnprognosen in den vergangenen fünf Jahren bis auf den positiven Ausreißer im vergangenen Jahr stets eingehalten. In diesem Jahr gilt es die Investitionen in das geplante 200 MW-Windparkportfolio und in die Erweiterung der Wertschöpfungskette zu bedenken. Deshalb fühlen wir uns mit unserer gegenwärtigen Prognose für 2018 wohl. Wir gehen von einem Ebit von 10 Mill. bis 16 Mill. Euro aus.—-Das Interview führte Carsten Steevens.