ZF FRIEDRICHSHAFEN

Zackenbude oder Zugpferd

Der Aufbruch in der Automobilindustrie hin zu Elektromobilität und autonomem Fahren beginnt gerade erst. Aber schon jetzt steht fest, dass sich neben den Autokonzernen auch die weltweit größten Zulieferer ordentlich strecken müssen, damit sie in...

Zackenbude oder Zugpferd

Der Aufbruch in der Automobilindustrie hin zu Elektromobilität und autonomem Fahren beginnt gerade erst. Aber schon jetzt steht fest, dass sich neben den Autokonzernen auch die weltweit größten Zulieferer ordentlich strecken müssen, damit sie in zehn Jahren ähnlich gut oder vielleicht sogar noch besser dastehen als heute. Das weiß Stefan Sommer, Vorstandschef von ZF Friedrichshafen, nach der TRW-Übernahme vor zwei Jahren nach Bosch und Conti weltweit die Nummer 3 der Zulieferer. Und das weiß auch Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand, der als Vertreter der ZF-Mehrheitseignerin Zeppelin-Stiftung im Aufsichtsrat sitzt. Und trotzdem ziehen die beiden nicht an einem Strang, sondern machen sich und ZF das Leben schwer.Der Streit zwischen Vorstandschef und Teilen des Aufsichtsrats hat bereits zum vorzeitigen Rücktritt von Aufsichtsratschef Giorgio Behr geführt, der offenbar keine Lust hatte, mit Sommer über dessen Demission zu verhandeln. Dabei geht es bei dem Zwist im Kern nicht einmal um unterschiedliche strategische Auffassungen. Brand und der Aufsichtsrat stehen hinter der von Sommer ersonnenen Strategie 2025, die ZF zum weltweit einzigen Komplettanbieter von aktiver und passiver Sicherheitstechnologie als Basis für autonom fahrende Pkw und Lkw machen soll. Vielmehr sind hier zwei Persönlichkeiten aufeinandergetroffen, die sich miteinander schwertun. Der schnelle und strategisch pragmatische Sommer, der ZF in Höchstgeschwindigkeit “groß und mächtig” machen und dafür unbedingt weiter zukaufen will. – Und zwar, bitteschön, ohne die Einmischung der Gesellschafter. Und der Politiker Brand, der die Dividende von ZF an die Stadt erhöht hat, und dem Sommer, trotz seiner nachweislichen Erfolge, offensichtlich viel zu kompromisslos ist. Und der sich von der zuvor an der ZF-Spitze nie dagewesenen Geschwindigkeit eher überrollt statt mitgenommen fühlen dürfte. All das führt dazu, dass Sommers Abschied schon in den nächsten Tagen verkündet werden dürfte.Spätestens dann müssen sich die ZF-Gesellschafter die Frage stellen, ob ihnen eine Zackenbude, wie die frühere Zahnradfabrik spöttisch genannt wurde, oder ein Zugpferd der Zulieferindustrie gehören soll. Soll ZF ein Zugpferd sein, müsste das Vertragswerk zwischen Konzern und Stiftung dringend angepasst werden. Denn die Geschäftsführer der Wettbewerber Bosch und Mahle, die auch Stiftungen gehören, können deutlich freier agieren, als das bei ZF offensichtlich der Fall ist.