Ölpreis

Marktteilnehmer rechnen mit weiterem Anstieg des Ölpreises

Nach dem bereits recht deutlichen Ölpreisanstieg erwarten Marktteilnehmer, dass die Notierungen weiter zulegen könnten, und positionieren sich entsprechend. Analysten verweisen auf eine rekordhohe Nachfrage bei einem gleichzeitig begrenzten Angebot an dem wichtigsten Energieträger.

Marktteilnehmer rechnen mit weiterem Anstieg des Ölpreises

Marktakteure rechnen mit Ölpreisanstieg

Analysten erwarten rekordhohe Nachfrage bei begrenztem Angebot – Geopolitische Risiken aus Ukraine-Krieg und Nahem Osten bereiten Sorgen

Nach dem bereits recht deutlichen Ölpreisanstieg erwarten Marktteilnehmer, dass die Notierungen weiter zulegen könnten, und positionieren sich entsprechend. Analysten verweisen auf eine rekordhohe Nachfrage bei einem gleichzeitig begrenzten Angebot an dem wichtigsten Energieträger.

ku Frankfurt

Der Ölpreis ist in letzter Zeit deutlich gestiegen. Seit Monatsanfang ergibt sich eine Verteuerung der wichtigsten Rohölsorte Brent Crude um 5 Dollar je Barrel. Seit dem Tief von Mitte Dezember hat sich sogar ein Anstieg von in der Spitze rund 15 Dollar ereignet. Mit Blick auf die aktuelle Balance von Angebot und Nachfrage könnte sich der Anstieg fortsetzen, und ein Brent-Ölpreis von 90 Dollar ist durchaus in den Karten.

Was die weltweite Nachfrage nach dem Energieträger betrifft, so haben die Rohstoffanalysten von Standard Chartered jetzt ihre Prognose deutlich angehoben. Sie betonen, dass die Nachfrage im Januar 100,24 Mill. Barrel pro Tag (bpd) betragen habe, was gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat einen Anstieg um recht umfangreiche 2,67 Mill. bpd bedeutet. Für das Gesamtjahr 2024 gehen sie nun von einem Anstieg um 1,69 Mill. bpd gegenüber Vorjahr aus und für den Mai sagen sie einen Ölverbrauch von 103,01 Mill. bpd voraus, was ein Rekordhoch darstellen würde. Und auch in den Monaten Juni und August sollen sich Rekorde von 103,62 bzw. 104,31 Mill. bpd ergeben. Noch etwas optimistischer sind die Analysten des Produzentenkartells Opec, die für das vierte Quartal 105,69 Mill. bpd erwarten.

Demgegenüber sehen die StanChart-Experten Beschränkungen auf der Angebotsseite, die einer Ausweitung der Produktion entgegenstehen. Sie glauben nicht daran, dass die US-Produktion signifikant über das Rekordniveau vom November 2023 von 13,32 Mill. bpd ausgeweitet werden kann. Ihre Kollegen von der Commerzbank verweisen auf eine zuletzt zu beobachtende Abflachung des Anstiegs der Schieferölproduktion in den USA (vgl. Grafik). Bei Standard Chartered ist man der Auffassung, dass es selbst bei einem Anstieg der Förderung der Opec plus um 900.000 bpd im dritten Quartal zu einem Abbau der weltweiten Lagerbestände um 500.000 bpd kommen würde – zusätzlich zu den 1,5 Mill. bpd Unterdeckung, die sich für das erste Halbjahr 2024 sowieso ergeben werde. Die Opec sei grundsätzlich in der Lage, ihre Produktion deutlich anzuheben, ohne dass die Preise darunter leiden würden.

Zuletzt hat auch die russische Regierung laut Reuters Druck auf die Ölproduzenten des Landes ausgeübt, dass diese Maß halten. Der stellvertretende russische Premierminister Alexander Nowak hatte versprochen, dass Russland seine Ölexporte im zweiten Quartal um weitere 471.000 bpd reduziert. Reuters kalkuliert, dass Russland im Juni nur noch 9 Mill. bpd produzieren wird – im Jahr 2019 waren es noch 11,7 Mill. bpd. Dazu tragen auch die ukrainischen Drohnenangriffe auf die russische Ölinfrastruktur bei. Gemäß den Schätzungen von Reuters sollen angeblich inzwischen 14% der russischen Raffineriekapazitäten außer Betrieb sein. Allerdings hat die Biden-Administration die ukrainische Regierung aufgefordert, die Angriffe künftig zu unterlassen, damit der Ölpreis im US-Wahljahr nicht weiter steigt. Die Rohstoffanalysten von J.P. Morgan veranschlagen die aus den ukrainischen Angriffen resultierende Risikoprämie im Ölpreis bereits mit 4 Dollar je Barrel. Für die Woche nach Ostern ist ein Treffen des Komitees der Opec plus angesetzt, das über die Einhaltung der Förderquoten wacht. Es wird am Markt allgemein erwartet, dass es dabei keine Veränderung der Förderquoten geben wird – so etwas sei laut Reuters frühestens für das nächste Treffen der Ölminister des Kartells im Juni zu erwarten.

Größere Long-Positionen

Optimistischer für den Ölpreis werden auch die Marktteilnehmer. Gemäß den Daten der amerikanischen Terminbörsenaufsicht erleben die Long-Positionen, mit denen die Akteure auf weiter steigende Preise setzen, von Seiten der marktfernen, spekulativen Adressen den stärksten Zuwachs seit September vergangenen Jahres. Die spekulativen Netto-Long-Positionen auf Brent-Öl an der Intercontinental Exchange befinden sich derzeit auf dem höchsten Stand seit März 2023.

Ein weiterer Aspekt, der das weltweite Angebot drückt, sind die westlichen Sanktionen, insbesondere die amerikanischen. So hat jetzt die Nachrichtenagentur Bloomberg gemeldet, dass indische Raffineriebetreiber davon Abstand genommen haben, Rohöl aus Venezuela zu kaufen, weil von der US-Regierung erteilte Ausnahmegenehmigungen am 18. April auszulaufen drohen. Die USA haben sehr weitreichende Sanktionen gegen Venezuela verhängt, allerdings den Ölsektor ab Oktober vergangenen Jahres bis vorerst April dieses Jahres ausgenommen, um einen Anstieg des Ölpreises zu verhindern.

Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der den Marktteilnehmern derzeit erhebliche Sorgen bereitet: die Geopolitik. Neben dem Ukraine-Krieg geht es dabei vor allem um die Lage im Nahen Osten, für die wieder einmal die Gefahr einer Eskalation besteht. So schreibt der Marktbeobachter Rapidan Energy Group, es sei wahrscheinlich, dass der Iran und seine Verbündeten im Libanon, in Syrien, dem Irak und Jemen ihre Angriffe auf Israel intensivieren, sofern die israelische Armee mit ihrer angekündigten Großoffensive gegen die Stadt Rafah im Gazastreifen beginnt, in der sich eine hohe Zahl von Flüchtlingen befindet. Nach Abschluss einer solchen Offensive sei eventuell sogar eine weitere Eskalation zu erwarten, wenn Israel eine Großoffensive gegen die schiitisch-libanesische Miliz Hisbollah starte. Derzeit veranschlagt Rapidan die Wahrscheinlichkeit einer israelischen Großoffensive im Libanon mit 40%.

Als ein weiteres geopolitisches Risiko werden mögliche Angriffe der jemenitischen Huthi-Miliz auf die saudi-arabische Ölinfrastruktur gesehen, etwa auf neuralgische Punkte wie die sogenannte Crude-Stabilisation-Anlage in Abqaiq. Die Anlage war bereits im September 2019 das Ziel jemenitischer Angriffe, wodurch für einige Monate 5% der weltweiten Ölproduktion ausfielen. Zu nennen ist auch die Meeresenge von Hormus, die der Iran leicht sperren könnte. Durch diese Meeresenge gehen nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA etwa 20 Mill. bpd, was etwa 20% der weltweiten Ölversorgung entspricht. Zusätzlich handelt es sich auch um einen wichtigen Transportweg für LNG-Erdgas, so dass auch eine wichtige Alternative zu Öl betroffen wäre.

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