Notiert in Tokio

Ein Supersportler im Wettsumpf

Der Übersetzer und engste Vertraute von Shohei Ohtani bediente sich angeblich aus der Kasse des Baseballstars, um verlorene Wetten in Millionenhöhe zu finanzieren.

Ein Supersportler im Wettsumpf

NOTIERT IN TOKIO

Ein Supersportler im Wettsumpf

Von Martin Fritz

Oh, wie war Japan stolz auf seinen „Sohn“ Shohei Ohtani, den wertvollsten Sportler der Welt! Der japanische Baseballspieler erhält bei den Los Angeles Dodgers bis 2034 insgesamt 700 Mill. Dollar, das ist sogar mehr, als Lionel Messi verdient. Doch Ohtanis größtes Manko sind seine Englischkenntnisse. Aus Scham kommunizierte der 29-Jährige in allen Lebenslagen mit Hilfe seines Dolmetschers Ippei Mizuhara, seitdem er 2017 von der japanischen in die US-Baseballliga wechselte.

Ohtani und Mizuhara waren so eng miteinander verbunden, dass der Japaner aus Hokkaido und der Japaner aus Kalifornien fast wie siamesische Zwillinge wirkten, weil sie bei Interviews, im Training, sogar im Urlaub stets im Doppelpack auftauchten. „Ich bin 365 Tage im Jahr bei ihm“, berichtete der zehn Jahre ältere Mizuhara.

Doch nun ist es vorbei mit der trauten Zweisamkeit: Soeben haben die LA Dodgers den Übersetzer fristlos gefeuert. Anwälte von Ohtani beschuldigten ihn des „massiven Diebstahls“. Es geht um Wettschulden von 4,5 Mill. Dollar, die Mizuhara mit heimlich entnommenem Geld aus Ohtanis Kasse finanziert haben soll.

Welch Schande für Japan, welch schwarzer Fleck auf Ohtanis weißer Heldenweste! Die japanischen Medien, die vorher jedes Detail aus dem Tagesablauf „ihres“ Baseballstars berichteten, vor allem, nachdem er überraschend seine Heirat mit einer Japanerin bekanntgegeben hatte, wussten plötzlich nicht mehr, ob sie dranbleiben oder wegschauen sollten.

Mizuhara nutzte offenbar Geld von Ohtani für in Kalifornien illegale Sportwetten. Zunächst behauptete der Dolmetscher, dass Ohtani seine Schulden beglichen hätte, obwohl er „nicht glücklich darüber war“. Am nächsten Tag änderte Mizuhara jedoch seine Aussage und erklärte, Ohtani habe rein gar nichts davon gewusst.

Debatte um mehr Sportwetten

Bisher blieb die Wahrheit im Dunkeln. Aber der Skandal dürfte sich negativ auf Japans Umgang mit Sportwetten auswirken. Die Japaner können unter strenger staatlicher Kontrolle nur auf vier Sportarten wetten – Pferde-, Motorboot-, Motorrad- und Keirin-Radrennen, nicht jedoch auf die viel populäreren Sportarten Baseball, Fußball oder Sumo. Seit der Pandemie diskutierten japanische Regierungsgremien jedoch die Legalisierung von mehr Sportwetten, um dem Staat neue Einnahmequellen zu eröffnen. Auch wollte man den Sumpf von illegalen Wetten in Hinterzimmern trockenlegen.

Doch diese Debatte in Japan dürfte vorerst beendet sein. Denn in den USA gerieten Sportwetten nach der Liberalisierung durch ein Gerichtsurteil im Jahr 2018 außer Kontrolle. Insbesondere nahmen Prop-Wetten zu. Dabei wettet man nicht auf den Spielstand oder das Ergebnis, sondern auf andere Ereignisse – von der Zahl der gelben Karten in einem Fußballspiel bis zum Auftauchen von Flitzern beim Super Bowl im American Football. Man darf daher gespannt sein, mit welcher Art von Wetten der Ohtani-Dolmetscher so viele Millionen Dollar verloren hat.

Von Martin Fritz
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