Chemiebranche

Bei Stillstand droht eine Ketten­reaktion

Die Verteuerung der Energie- und Rohstoffpreise trifft die Chemieindustrie ins Mark. Es ist nicht nur ein Kostenproblem. Würde Erdgas knapp, müssten Anlagen stillgelegt werden, was die gesamte Wirtschaft treffen würde.

Bei Stillstand droht eine Ketten­reaktion

Von Sabine Wadewitz, Frankfurt

Die Chemieindustrie ist wie kaum eine andere Branche auf Erdgas angewiesen. Die Anbieter von Produkten wie Kunststoffe, Farben, Additive oder Fasern sind die größten Gasverbraucher in Deutschland. Die Branche bezieht 15% des im gesamten Land benötigten Erdgases.

Das Gas ist für die mehr als 2000 chemisch-pharmazeutischen Unternehmen des drittgrößten Industriesektors hierzulande in doppelter Hinsicht essenziell. Die Chemie verbrennt Gas nicht nur, um ihren Energiebedarf zu decken, sie setzt Erdgas auch als Rohstoff für die Herstellung einer breiten Produktpalette ein.

Das Gleiche gilt für Mineralöl, wenn auch in unterschiedlichen Relationen und Bezugsmöglichkeiten. Öl ist zentraler Rohstoff und Basis für die Chemieproduktion;  hier ist der Verbrauch für die Energieerzeugung anders als bei Erdgas vernachlässigbar. Über 90% der eingesetzten Mineralölprodukte entfallen nach Berechnungen des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) auf den sogenannten stofflichen Einsatz in der Herstellung von Chemieerzeugnissen. Das bezogene Erdgas dagegen wird nur zu 30% als Rohstoff in der Produktion verwendet; hier überwiegt prozentual der Einsatz zur Energiegewinnung – zur Erzeugung von Dampf und Strom. Der Marktführer BASF etwa sichert sich 58% seines in der Gruppe benötigten Stroms und 43% der Dampfversorgung aus eigener Erzeugung – vor allem aus Erdgas.

Naphtha (Rohbenzin) gilt als zen­traler Rohstoff für die Branche. Die chemisch-pharmazeutische Indus­trie benötigt im Jahr mehr als 14 Mill. Tonnen Naphtha für die Produktion von organisch-chemischen Stoffen. Naphtha ist ein Bestandteil des Erdöls, der in Raffinerien durch Destillation gewonnen wird. Aus einem Fass Öl (159 Liter) geht nach Angaben des VCI  etwa ein Siebtel als Rohstoffbasis in die Chemie. Mit einem Anteil von 72% ist Naphtha der mit Abstand wichtigste Rohstoff der Branche, gefolgt von Erdgas (14%), Biomasse (13%) und Kohle mit nur 1,3%. Die Kosten der Branche für Rohbenzin waren für 2020 auf 6,6 Mrd. Euro beziffert worden. Aus Naphtha stellen die Konzerne in unterschiedlichsten Anlagen eine Vielzahl von Grundchemikalien her, die in weiteren Stufen der chemischen Wertschöpfung weiterverarbeitet werden.

Ein Stopp von Lieferungen aus Russland hätte für die Chemie in der Versorgung mit Öl und Gas unterschiedlich einschneidende Folgen. Ein Embargo der EU für Erdöl aus Russland stellt aus Sicht der Branche kein so gravierendes Problem für die Rohstoffversorgung dar wie ein Lieferstopp für Erdgas. Erdöl bzw. der für die Chemie relevante Bestandteil Naphtha sei auf dem Weltmarkt aus verschiedenen Regionen verfügbar. Die Belieferung via Pipeline oder Tanker sei etabliert; es müssten aber noch Probleme in der Logistik innerhalb Deutschlands gelöst werden.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF hatte zu Beginn des Krieges in der Ukraine mitgeteilt, dass der Konzern Naphtha für die Herstellung von Basischemikalien auch direkt aus Russland beziehe und daraus 20 bis 30% des eigenen Bedarfs decke. Dieses Volumen lasse sich „relativ einfach substituieren“, gab das Unternehmen damals Entwarnung.

Problematischer ist das Szenario in der Chemie und der gesamten Wirtschaft, wenn der Gasnachschub nicht mehr sichergestellt wäre. Als Rohstoff ist Erdgas für die Unternehmen schwer zu ersetzen, für die Energiegewinnung aufgrund der hohen Menge ebenso. Würde der Gashahn zugedreht, müsste die energieintensive Produktion gedrosselt oder sogar gestoppt werden. Angesichts der Komplexität der Verfahren kann es mehrere Wochen dauern, große Chemieanlagen herunterzufahren – und genauso lange, um sie wieder in Gang zu setzen.

Produktionsausfälle träfen nicht nur die Chemie in Mark und Bein, die Lieferketten für unzählige nachgelagerte Branchen würden unterbrochen. Dominoeffekte könnten weite Teile der Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen, wenn Chemieanlagen wegen Energie- oder Rohstoffmangel stillgelegt werden müssten, warnt die Branche.

Auch wenn es dem Endverbraucher oft nicht bewusst wird, stecken Erzeugnisse der Chemie in mehr als 90% der industriellen Wertschöpfungsketten. In so gut wie allen Industrien werden Chemieerzeugnisse als Vorprodukte eingesetzt. So besteht Kleidung oder ein Lippenstift nach Branchenangaben durchgerechnet zu einem Fünftel aus fossilen Rohstoffen. Autoreifen beinhalten 60%, Hautcreme 40%, Waschmittel 5%. Kunststoffe sind zentral für die Herstellung von Autos, Maschinen oder Elektrogeräten.

Rote Linien

Die Hersteller ziehen rote Linien. Nach Darstellung von BASF müsste der Konzern die Betriebstätigkeit an seinem größten integrierten Produktionsstandort am Stammsitz in Ludwigshafen einstellen, wenn über Nacht die Erdgaslieferungen aus Russland wegfallen würden. Das würde aus Sicht des BASF-Managements zu „irreversiblen volkswirtschaftlichen Schäden“ führen. Von einem längeren Ausfall von Erdgas würde sich Deutschland nicht schnell wieder erholen, warnt auch VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.

BASF bemüht sich nun um Gaslieferungen aus aller Welt, um eine kontinuierliche Versorgung sicherzustellen. Für den Bezug von Erdgas sei der Konzern in Deutschland bislang im Wesentlichen an Leitungsgas gebunden – aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Mit Blick auf Flüssiggas (LNG), für das es hierzulande noch keine Infrastruktur gebe, prüfe BASF den Zugang „über die gesamte Wertschöpfungskette – vom Erdgas über die Verflüssigung, den Transport und die Regasifizierung“, hieß es auf der Hauptversammlung. Die Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energie hatte der Konzern schon vorher forciert.

Für die Chemie ist Öl und Gas als energieintensive Branche schon lange ein Kostenthema, das mit dem drastischen Preisanstieg extrem verschärft wird. Mit einem Anteil der Energiekosten an der Bruttowertschöpfung von 19% (2019) liegt die Grundstoffchemie im Branchenvergleich auf Platz 2 hinter der Stahlindustrie, die auf 26% kommt. In der Chemieindustrie über alle Segmente (außer Pharma) sind es 14%, das verarbeitende Gewerbe insgesamt kommt auf 5,8%.

Im Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre waren die Kosten für Energie trotz steigender Chemieproduktion laut VCI für die Branche annähernd stabil. Zwar nahmen die Kosten für Strom zu, die Preise für Rohbenzin waren indes rückläufig, genauso wie für Erdgas. Das Bild hat sich komplett gedreht. Der Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine ließ die Gaspreise in Europa explodieren, womit sich auch die Erzeugung von Strom verteuerte. Nach Einschätzung der Baader Bank könnte ein Gasembargo der europäischen Chemie zusätzliche Energiekosten von 2,6 Mrd. bis 7,9 Mrd. Euro aufbürden. Entscheidend ist, inwieweit hohe Energiepreise an die Abnehmer weitergegeben werden können.

Die Branche befürchtet, strukturell gegenüber den USA und China ins Hintertreffen zu geraten. „Es wird unsere industrielle Wettbewerbsfähigkeit auf die härteste Probe in ihrer Geschichte stellen! Ganz besonders die der energieintensiven Chemieindustrie“, warnt BASF-Chef Martin Brudermüller und appelliert an die Politik, einen politischen Rahmen zu setzen, der die Wettbewerbsfähigkeit in Europa stärkt.

Warnungen aus der Branche hatte es schon 2021 gegeben, als die Energiepreise im Zuge des Aufholprozesses nach dem Corona-Lockdown deutlich anzogen. BASF hatte für die europäischen Standorte allein im vierten Quartal 2021 Mehrkosten von 800 Mill. Euro durch die weiter gestiegenen Erdgaspreise geltend gemacht; im gesamten Jahr seien zusätzliche Kosten von 1,5 Mrd. Euro zu stemmen gewesen.

Lanxess warnt

Der Spezialchemiekonzern Lanxess hat jüngst als erster durchgerechnet, wie viel ihn ein Gasembargo kosten würden. Der direkte Effekt in der eigenen Produktion wäre aufs Jahr hochgerechnet 80 Mill. bis 120 Mill. Euro im operativen Ergebnis (Ebitda) – der Konzern hatte 2021 ein Ebitda von 863 Mill. Euro gezeigt. Wenn Gas nur noch aus den Niederlanden und Norwegen bezogen werden könnte, müsse das Unternehmen bis zu 50% seines Verbrauchs reduzieren – und die gasintensiven Betriebe runterfahren. Die indirekten Effekte in der Industrie entlang der Wertschöpfungskette könne man nicht kalkulieren. CEO Matthias Zachert: „Wenn wir stehen, steht die Industrie.“

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