Finanzplatz

Auf verlorenem Posten

Es wird wieder munter über die Standortpolitik für den hiesigen Finanzplatz debattiert. Leider nur in Frankfurt, nicht in Berlin, wo die künftige Regierung die Rahmenbedingungen setzen könnte.

Auf verlorenem Posten

Die Deutsche Bank mag sie unter Entschuldigungen in Richtung Berlin und Bonn wieder zurückgezogen haben – etwas in Gang gesetzt hat die jüngste Studie von DB Research gleichwohl, in der der Analyst Jan Schildbach mit dem Finanzplatz abgerechnet hat. Plötzlich wird wieder munter analysiert und gestritten darüber, was Frankfurt fehlt, um mit den großen Finanzplätzen wie London oder New York mitzuspielen.

Das ist zu begrüßen. Schließlich ist die Leistungsfähigkeit des Finanzplatzes nicht bloß für Hunderttausende essenziell, die ihren Lebensunterhalt bei Banken, Börsen, Versicherungen oder den von ihnen mandatierten Kanzleien, Prüfern und Beratungsgesellschaften verdienen. Sie ist auch ein, vielleicht sogar der entscheidende Faktor, um die großen Herausforderungen der Zeit zu bewältigen.

Umso bedauerlicher ist es, dass die Debatte nur im auf verlorenem Posten stehenden Frankfurt geführt wird. In Berlin scheint man nach einem langen, weitgehend inhaltsleeren Wahlkampf keinen Kopf mehr zu haben für die Frage, was man tun kann, um die Rahmenbedingungen für den Finanzplatz zu verbessern. Und warum auch? Schließlich hat das Wahlvolk dank konsequenter Vernachlässigung der volkswirtschaftlichen (Schul-) Bildung nun einmal kein Interesse an Finanzthemen.

Tatsächlich wird aber nicht die Höhe von Lastenradprämien entscheiden, ob es gelingt, den Klimawandel aufzuhalten oder zumindest seine Folgen be­herrschbar zu machen. Es braucht zuallererst Innovation und Ingenieurskunst – und dann viel Geld für die Entwicklung neuer Technologien. Damit ist es immer noch nicht getan: Um klimaschonende Technologie am besten auch in Märkte zu exportieren, deren rasantes Wirtschaftswachstum auf fossilen Energieträgern basiert, braucht es noch mehr Kapital.

Die dafür erforderlichen Mittel werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach mobilisieren lassen. Die Frage ist aber auch, von wem. Das einst von Ingenieuren in Deutschland entwickelte, dann aber von US-Konzernen­ global vermarktete Faxgerät zeigt, welchen Preis eine Volkswirtschaft für einen unterentwickelten Kapitalmarkt zahlt. Dass die Erfindung heute ihr letztes Reservat in deutschen Amtsstuben und Büros vorfindet, ist ein Treppenwitz der Geschichte, der auf die Digitalisierung als zweite große und ebenfalls kapitalintensive Herausforderung unserer Epoche verweist.

Sinnvoll war eine breite Debatte über den Finanzplatz Frankfurt schon immer. So dringend wie in diesen Tagen war sie noch nie.

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