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Credit Suisse kontra UBS - das Eifersuchtsdrama dauert an

Von Daniel Zulauf, Zürich Börsen-Zeitung, 28.9.2019 Die Affäre um den gescheiterten Beschattungsversuch des abtrünnigen Credit-Suisse-Managers Iqbal Khan schlägt hohe Wellen. So wie die Dinge derzeit liegen, dürfte die Geschichte nicht nur für die...

Credit Suisse kontra UBS - das Eifersuchtsdrama dauert an

Von Daniel Zulauf, ZürichDie Affäre um den gescheiterten Beschattungsversuch des abtrünnigen Credit-Suisse-Managers Iqbal Khan schlägt hohe Wellen. So wie die Dinge derzeit liegen, dürfte die Geschichte nicht nur für die beteiligten Akteure, sondern auch für die Aktionäre der zweitgrößten Schweizer Bank unangenehme Konsequenzen zeitigen. Man wundert sichSachlich gesehen kann man sich darüber nur wundern. Denn die Hintergründe des Vorfalls sind vermutlich läppischer Natur. Khan gilt zwar als junges Ausnahmetalent in der mit begnadeten Managern nicht gerade überdotierten Schweizer Bankenbranche. Doch ebenso wenig wie der Abgang des 43-Jährigen die Credit Suisse in ein Loch reißen wird, kann er seine neue Arbeitgeberin, die UBS, aus der in den vergangenen Jahren zunehmend offenkundig gewordenen Stagnation befreien.Ursächlich für den Vorfall sind nach den bisherigen Erkenntnissen verletzte Eitelkeiten zwischen Khan und dessen vormaligem Chef Tidjane Thiam, dem CEO der Credit Suisse. Der für kommende Woche erwartete Bericht einer vom Credit-Suisse-Verwaltungsrat angeordneten internen Untersuchung der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger wird vielleicht klären, wie der Streit zwischen den beiden Managern derart eskalieren konnte und welche Personen dafür die Verantwortung übernehmen müssen. Offen bleiben wird indessen die wichtigere Frage, weshalb in dieser läppischen Geschichte die halbe Schweiz mitfiebert.Die kurze Antwort lautet: Die Banken sind zu wichtig für die Schweiz, als dass deren Verhalten der Öffentlichkeit gleichgültig sein könnte. Die längere Antwort ist komplexer. Sie hat damit zu tun, dass sich die Großbanken in den vergangenen Jahrzehnten selbst eine aktive volkswirtschaftliche Rolle gegeben haben. Sie haben dabei auch gelernt, diese gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik herauszustreichen, um Einfluss auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen zu erlangen.Gemeinsam brachte man die “Initiative gegen den Missbrauch des Bankgeheimnisses und der Bankenmacht” zu Fall, die 1984 mit 73 % Nein-Stimmen vom Stimmvolk verworfen wurde. Erfolgreich verteidige man bis 1993 ein nationales Gebührenkartell und bis zum Tag, als der deutsche Bundesrat vor sieben Jahren die von den Schweizer Banken forcierte Idee einer Abgeltungssteuer als Ersatz für das Bankgeheimnis versenkte, schien es, als könnten diese auch bei der Gestaltung internationaler Verträge die Regierung wieder vor den eigenen Karren spannen.Die Macht der Banken und insbesondere der Großbanken ist allerdings ein neueres Phänomen. In den Anfängen des Schweizer Wirtschaftswunders bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte sich die Wirtschaftselite nebst einigen alten patrizischen Geschlechtern vor allem aus den Familien von Industriepionieren wie Sulzer, Bally, Rieter, Schmidheiny, von Moos, Geigy, Sandoz oder Boveri zusammen. Die Kreditwirtschaft und die Bankiers waren nur Ausführungsgehilfen jener Großindustrie. Die Rolle der Banken änderte sich mit der Kriegszeit. Plötzlich wurden sie von den Industriellenfamilien gebraucht, um ihre Interessen vor ausländischen Einflüssen zu schützen. Nach und nach wurden die Banken so zum Schaltzentrum der “Alpenfestung2 , wie sie die von Wissenschaftlern der Universität Lausanne nachgezeichnete Kollektivbiografie der Schweizer Wirtschaftseliten von 1910 bis 2010 in einem 2017 erschienenen Buch nachzeichnet.Vollständig hat sich die wirtschaftliche Macht der Großbanken aber erst Jahre später im Zug der Globalisierung entfaltet, die 1972 mit der Neuordnung des globalen Währungssystems begann und 1986 mit der Liberalisierung des Finanzsektors in Großbritannien (Big Bang) ihrem Höhepunkt zustrebte.Ab diesem Datum nahmen auch die Rivalitäten zwischen den Großbanken schlagartig zu. Während die Institute ihre Auslandexpansion vorantrieben, intensivierte sich auch der Kampf um die Position im Heimatmarkt. Dabei zeigte vor allem die Credit Suisse ihre Zähne. Die Bank, die 1856 vom legendären Zürcher Politiker und Unternehmer zur Finanzierung der Gotthardbahn, Alfred Escher, gegründet wurde, wähnte sich in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem “hohen Ross”, wie in den Schriften ihre Haushistorikers Joseph Jung nachzulesen ist. In den Führungsetagen des noblen Instituts habe man erst spät realisiert, dass man sich schon in den 1960er Jahren von der erst 1912 aus der Fusion der Bank in Winterthur und der Toggenburger Bank entstandenen “Bauernbank” UBS überholen ließ. Volksbank weggeschnapptUm den Rückstand aufzuholen, schnappte die Credit Suisse 1993 der UBS die Schweizerische Volksbank vor der Nase weg. Die Übernahme der damaligen Berner Großbank war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die das Verhältnis zwischen den beiden Zürcher Rivalen arg trübte. Ähnlich stach die Credit Suisse 1994 die UBS bei der Übernahme der NAB aus, der damals größten Regionalbank der Schweiz. Nach zwei weiteren Jahren unterbreitete der seinerzeitige Credit-Suisse-Chef (und aktuelle Ehrenpräsident) Rainer E. Gut seinem Antipoden Nikolaus Senn von der (heutigen) UBS per Telefon die Idee einer Fusion. Guts Vorstoß erfolgte just in einer Zeit, als sich die UBS in einem schwierigen Abwehrkampf gegen den Financier Martin Ebner befand. Senn nutzte die Gunst der Stunde und ließ den Zürcher “Tages-Anzeiger” flugs die Geschichte verbreiten, die Credit Suisse greife nach der Macht über die UBS und nutze dabei deren Schwächung durch den in der breiten Öffentlichkeit unbeliebten Angreifer Ebner aus.Die Episode artete in einer emotionalen PR-Schlacht aus, mit der die Beschützerinstinkte in der Bevölkerung und in der Politik über die heimischen Großbanken geweckt werden sollten. Senns Strategie ging allerdings nur teilweise auf. 1998 muss die Bank in die Fusion mit dem kleineren, finanziell weit schwächeren Schweizerischen Bankverein zur heutigen UBS einwilligen und diesem bei der Besetzung der Schlüsselpositionen den Vortritt lassen.Diese Geschichten liegen weit zurück und die Rivalitäten haben sich stark verändert. Für jedermann sichtbar wurde dies, als der frühere Credit-Suisse-Chef und CS-Veteran Oswald Grübel 2009 an die Spitze der schwer von der Finanzkrise gezeichneten UBS berufen wurde – ein Wechsel, der bis dahin undenkbar gewesen war. Seither kommen sich UBS und Credit Suisse auf dem Heimatmarkt wieder stärker in die Quere. Beide Banken wurden durch die Finanzkrise gezwungen, ihre Auslandsexpansion zu stoppen und teilweise rückgängig zu machen. Vor diesem Hintergrund ist auch die emotionsgeladene Publicity der Khan-Affäre zu verstehen. Nun geht es den rivalisierenden Großbanken nicht mehr um Machtgewinn, sondern um Besitzstandswahrung.