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Die vielen Freunde der Deutschen Bank

Börsen-Zeitung, 8.10.2016 Reicht es nicht, dass die deutsche Industrie seit Alfred Herrhausen in schöner Regelmäßigkeit herausragende Finanzleute in den Vorstand der Deutschen Bank schickt? Ronaldo Schmitz von BASF, Clemens Börsig von RWE, Stefan...

Die vielen Freunde der Deutschen Bank

Reicht es nicht, dass die deutsche Industrie seit Alfred Herrhausen in schöner Regelmäßigkeit herausragende Finanzleute in den Vorstand der Deutschen Bank schickt? Ronaldo Schmitz von BASF, Clemens Börsig von RWE, Stefan Krause von BMW und Markus Schenck von Eon. Na ja, vielleicht nicht alle so herausragend; manche wurden auf diese Weise auch elegant weggelobt. Aber müssen jetzt auch noch Almosen in Gestalt von Kapitalhilfen folgen? Es ist ja geradezu herzzerreißend, wie sich angeblich Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Dax-Konzerne und Politiker um die Zukunft der Deutschen Bank sorgen. Da es so viel öffentliches Mitgefühl normalerweise nur für Sterbenskranke gibt, ist der Eindruck, den manche zum Hyperventilieren neigende Finanzmedien über die Hilfebekundungen aus der deutschen Industrie vermitteln, besonders fatal, vor allem für Betrachter jenseits der deutschen Grenzen. Die Deutsche Bank hat Freunde, die schaden ihr mehr als Feinde. Krasse UnterbewertungWer seine Sinne einigermaßen beisammen hat, wird mit wenigen Überlegungen zum Ergebnis kommen, dass Spekulationen über die Beteiligung deutscher Industrieadressen oder amerikanischer Wall-Street-Häuser an der Deutschen Bank völliger Nonsens sind. Erstens: Der Deutschen Bank fehlt es – zumindest aktuell – weniger an Kapital als vielmehr an einem dauerhaft tragfähigen Geschäftsmodell. Gäbe es beim größten deutschen Geldhaus eine überzeugende Strategie und vor allem ein Management, dem man die erfolgreiche Umsetzung zutraute, würden Investoren lieber heute als morgen der Bank frisches Eigenkapital zur Verfügung stellen. Denn unter fundamentalen Aspekten ist die Deutsche Bank grandios unterbewertet, wie aus verschiedenen Kennzahlen, unter anderem am Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,25, abzulesen ist. Allein, es fehlt den Anlegern der Glaube an die Zukunft, sprich das Vertrauen in die Führung. Neue “Deutschland AG”?Zweitens würde eine Beteiligung von Dax-Unternehmen an der Deutschen Bank wieder eine “Deutschland AG” etablieren, diesmal unter umgekehrten Vorzeichen. Das wäre ein Treppenwitz der Geschichte, zumal mit Blick auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner. Dessen Hauptleistung als Allianz-Finanzvorstand war ja gerade die Entflechtung der Deutschland AG, in der der Versicherungskonzern einst wie eine Spinne im Netz saß. Natürlich ist es für die deutsche Industrie angesichts ihrer Internationalität von Bedeutung, gerade im Ausland eine leistungsfähige deutsche Bank als Partner an ihrer Seite zu wissen, die – im übertragenen Sinne – ihre Sprache spricht. Eine Beteiligung an der Bank ist dafür aber nicht nötig, in bestimmten Situationen für die Bank sogar kontraproduktiv.Drittens müsste sich ein Dax-Chef fragen lassen, ob er noch richtig tickt und für das von ihm geführte Unternehmen keine besseren Investitionsvorhaben weiß als die Beteiligung an einer Bank. Im diskutierten Fall an einer Bank, der ein überzeugendes und erfolgreiches Geschäftsmodell fehlt, die vorerst keine Dividende zahlt und die unbekannte Bilanz- wie auch Rechtsrisiken mit sich herumschleppt. Das wird kein deutscher Industriemanager gegenüber seinen eigenen Aktionären verantworten können. Und für patriotische Überlegungen mancher Dax-Vorstände dürften die Aktionäre, die überwiegend ausländischer Nationalität sind, ohnedies wenig Verständnis aufbringen.Wer Sentimentalitäten beiseite lässt, wird sich fragen, wofür die deutsche Industrie die Deutsche Bank eigentlich noch braucht. Dass richtig große Transaktionen und Finanzierungen deutscher Dax-Konzerne jedenfalls auch ohne Deutsche Bank erfolgreich über die Bühne gebracht werden können, hat gerade erst Bayer mit der Monsanto-Übernahme unter Beweis gestellt. Wenn die deutsche Industrie oder einige große Unternehmen daran interessiert sind, auch künftig auf die Unterstützung einer starken deutschen Bank bauen zu können, dann sind verlässliche Hausbankbeziehungen wohl die beste Hilfe.Viertens wäre eine als “Rettungsaktion” daherkommende Beteiligung von konkurrierenden Wall-Street-Banken das Letzte, was der Bank helfen würde. Eine solche Camouflage mag den Anheizern der Gerüchteküche passen, damit sie mit ihren Wetten und Leerverkäufen gegen den angeschlagenen Wettbewerber Gewinne einfahren können. Aber solche Beteiligungen sind völlig unrealistisch in einer Welt, in der die Deutsche Bank vom Internationalen Währungsfonds (IWF) schon heute als das weltweit am stärksten vernetzte und deshalb für das Finanzsystem “riskanteste” Institut bezeichnet wird. Auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin würde völlig zu Recht wohl mehr als nur die Stirn runzeln, wollten amerikanische Investmentbanken bei der Deutschen Bank einsteigen.Märkte haben ein kurzes Gedächtnis. Deswegen ist vermutlich schon vergessen, dass die Bank seit 2010 in drei Kapitalerhöhungen insgesamt 22 Mrd. Euro eingesammelt und weitgehend für Altlasten verbraten hat. Deutlich mehr also als jene 16 Mrd. Euro, die die Bank aktuell an der Börse (wieder) wert ist. Kapital aber, auf das vorerst keine Dividende gezahlt wird. Mag sein, dass die Vergangenheit nicht zählt, die Märkte die Zukunft handeln. Aber für welche Zukunft stehen die 12 Euro je Aktie? Cryan glaubt man nichtWas die Deutsche Bank jetzt viel dringender braucht als eine Kapitalerhöhung ist die Rückkehr der Glaubwürdigkeit. Wenn wilden Spekulationen mancher Medien oder vermeintlicher Experten von den Märkten mehr Glauben geschenkt wird als den wiederholten Aussagen des Vorstandsvorsitzenden der Bank, John Cryan, dann hat die Bank ein sehr grundsätzliches Problem. Das kann nur sie selbst lösen. Viel Zeit dafür hat sie nicht mehr. Weitere Interviews in der “Bild”-Zeitung werden jedenfalls nicht der passende Weg sein, um am Finanzmarkt Vertrauen zurückzugewinnen.c.doering@boersen-zeitung.de——–Von Claus DöringWenn wilden Gerüchten mehr geglaubt wird als dem Vorstandschef, dann hat die Deutsche Bank ein sehr grundsätzliches Problem.——-