"Ein Schritt, der uns strategisch deutlich voranbringt"
– Herr Ostermann, Sie haben vor kurzem die Verträge zur Übernahme der Mehrheit an der Deutschen Factoring Bank unterzeichnet. Welche strategische Bedeutung hat diese Transaktion für die Deutsche Leasing?Wir sind im Factoring unterwegs, seit wir vor vier Jahren von der WestLB die Universal Factoring übernommen haben. Ich sehe in diesem Geschäft ein strategisches Wachstumsfeld mit beträchtlichem Potenzial. Leasing und Factoring sind komplementäre Produkte. Gerade auch in der Sparkassen-Finanzgruppe haben wir die Marktchancen, die diese nicht zuletzt im Mittelstand gefragte Finanzierungsalternative bietet, bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.- Also bedeutet diese Übernahme eher einen Sprung in eine neue Dimension als eine Arrondierung?Auf das Factoring bezogen ist es schon ein Sprung in eine neue Dimension. Die beiden Gesellschaften bringen zusammen rund 15 Mrd. Euro Umsatz auf die Waage, davon kommen 12 Mrd. Euro von der Deutschen Factoring Bank. Das heißt, wir verfünffachen unser bisheriges Volumen. Aber auch für die Deutsche Leasing Gruppe als Ganzes ist es durchaus ein Schritt, der uns strategisch deutlich voranbringt.- Der Umsatz der Deutschen Factoring Bank ist immerhin ungefähr eineinhalbmal so hoch wie das jährliche Leasing-Neugeschäft Ihrer Gruppe.Auf den ersten Blick stimmt das, dennoch können Sie diese Zahlen nicht unbedingt miteinander vergleichen. Die Forderungen, die dem Factoring zugrunde liegen, stehen etwa 40 Tage in den Büchern. Im Leasing dagegen haben wir in der Regel Vertragsdauern von vier bis fünf Jahren. Insofern werden wir jetzt nicht gleich zur “Deutschen Leasing und Factoring Gruppe”. Aber sicher sind 12 Mrd. Euro Factoring-Umsatz keine Kleinigkeit.- Welche Perspektiven sehen Sie für Factoring gesamtwirtschaftlich?Werfen wir zunächst einen Blick in den Rückspiegel: In den vergangenen zehn bis 15 Jahren ist der Factoring-Markt ganz überwiegend zweistellig gewachsen. 2015 legte der Umsatz der deutschen Anbieter erneut um gut 10 % auf 209 Mrd. Euro zu. Die sogenannte Factoring-Quote, das ist das Verhältnis zwischen dem angekauften Forderungsvolumen und dem Bruttoinlandsprodukt, liegt mit rund 7 % im internationalen Vergleich bisher aber auf keinem besonders hohen Niveau. Von daher gehen wir von einem weiter überdurchschnittlich wachsenden Markt aus, an dem die Sparkassen-Finanzgruppe sicher noch deutlich stärker als heute partizipieren kann.- Vor allem, wenn man sich die Marktanteile vor Augen hält, die Ihre Gruppe sonst im Firmenkundengeschäft, gerade mit dem Mittelstand, aufweist.Da gibt es sicher Luft nach oben. Und Factoring wird von den Kunden nun mal nachgefragt. Wenn wir es nicht offensiv anbieten, gehen die Kunden zu anderen Adressen.- Sie sagten, Leasing und Factoring seien komplementäre Produkte. Welche Synergien gibt es zwischen beiden Finanzierungsformen?Die Kundengruppen sind sehr ähnlich. Der Mittelstand, auf den die Deutsche Leasing Gruppe in starkem Maße ausgerichtet ist, nutzt in seinem Finanzierungsmix Leasing ebenso wie Factoring. Für uns bedeutet die Übernahme der Deutschen Factoring Bank insofern, dass wir – von der Aktivseite des Kunden her betrachtet – weit mehr als bisher auch das Umlaufvermögen finanzieren können.- Als Leasinggesellschaft stand für Sie bisher das Anlagevermögen im Fokus.So ist es. In Zukunft haben wir also Angebote für die komplette Aktivseite des Kunden. Nicht zuletzt können wir als ein sehr etabliertes Verbundunternehmen durch die Erweiterung unseres Portfolios mit Blick auf den Sparkassenvertrieb unsere Produktkompetenz noch einmal deutlich ausbauen. Wir bündeln sozusagen Verbund- und Produktkompetenz. Daneben ergänzen sich Deutsche Leasing und Deutsche Factoring Bank auch ganz gut im Risikomanagement, und als Finanzdienstleister unterliegen beide einem ähnlichen regulatorischen Rahmen.- Warum verging zwischen Absichtserklärung und Unterzeichnung des Kaufvertrags mehr als ein Jahr? Was war so kompliziert an der Transaktion?Ehrlich gesagt dauerte es ja sogar noch etwas länger, wenn wir die Vorgespräche einbeziehen, die vor Bekanntgabe der Absichtserklärung stattgefunden haben. Die Erklärung dafür ist sehr einfach: Es gibt bei dieser Mehrheitsübernahme eine Vielzahl von Beteiligten, die alle ihre berechtigten Interessen wahren müssen. Hinzu kommt die Zweistufigkeit der Transaktion. Wir übernehmen zunächst die Anteile der vier beteiligten Landesbanken und bringen dann die Universal Factoring, die uns zu 100 % gehört, in die erworbene Gesellschaft ein. Dadurch wird die Sache noch etwas komplexer als ein reiner Anteilskauf. Entscheidend ist aber nicht die Dauer der Verhandlungen, sondern das Ergebnis: Der Sparkassen-Finanzgruppe gelingt es einmal mehr, ihre Kräfte auf einem Geschäftsfeld zu bündeln.- Die Kräfte werden aber nur zum Teil gebündelt. Es gibt ja beispielsweise auch noch die LBBW-Tochter SüdFactoring, die nicht viel kleiner ist als die Deutsche Factoring Bank. Sehen Sie im Factoring weiteres Konsolidierungspotenzial in der Gruppe?Die interne Konsolidierung der beiden Factoring-Gesellschaften steht bei uns derzeit ganz oben auf der Tagesordnung und nicht die Konsolidierung von weiteren Factoring-Anbietern innerhalb der Gruppe. Zudem wird die neue Deutsche Factoring Bank mit 15 Mrd. Euro Neugeschäft die mit Abstand größte Factoring-Gesellschaft innerhalb des Verbundes sein. Ich bin auch nicht sicher, ob die Geschäftsmodelle aller Anbieter vergleichbar sind, was etwa die Ausrichtung auf die Sparkassen betrifft.- Gibt es noch weitere Landesbanken, die Factoring betreiben?Nach meiner Kenntnis nicht. Die Landesbanken konzentrieren sich auf großvolumiges Geschäft mit Asset Backed Securities (ABS). Und das ist ein anderes Metier.- Sie übernehmen 53 % an der Deutschen Factoring Bank. Hätten Sie sich mehr gewünscht?Unsere Mitgesellschafter, die Freie Sparkassen Beteiligungsgesellschaft, die mehrheitlich von der Holding der Hamburger Sparkasse (Haspa) gehalten wird, mit 35 % und die Berliner Sparkasse mit 12 % haben von Beginn an das Interesse signalisiert, weiterhin beteiligt zu bleiben. Wir begrüßen das sehr. Die unternehmerische Führung für die neue Deutsche Factoring Bank liegt bei uns, und gleichzeitig verbindet uns mit den Mitgesellschaftern eine enge Kooperation, die wir ja auch im Leasing pflegen.- Ändern sich nach der Einbringung der Universal Factoring die Beteiligungsverhältnisse noch einmal?Nein, die genannten Anteile sind schon unter Berücksichtigung der von uns eingebrachten Universal Factoring kalibriert.- Welchen Preis zahlen Sie für die Anteile?Ich bitte um Verständnis: Dazu haben wir Stillschweigen vereinbart.- Wie geht es jetzt weiter, etwa in puncto Integration?Zunächst müssen wir die Freigabe der Übernahme durch das Bundeskartellamt abwarten. Ich bin zuversichtlich, dass wir dafür grünes Licht bekommen. Nach unserer Planung sollten bis Ende August sämtliche Voraussetzungen für das Closing geschaffen sein. Dann nehmen wir die Verschmelzung beider Factoring-Gesellschaften konkret in Angriff. Die “neue” Gesellschaft wird weiter unter dem Label “Deutsche Factoring Bank” agieren. Wir werden sie in unsere Markenarchitektur einbeziehen und damit auch nach außen deutlich zeigen, dass sie ein Teil der Deutsche Leasing Gruppe ist.- Dann brauchen Sie noch eine gemeinsame Strategie.Richtig, aber die Eckpfeiler dafür stehen längst. Das gilt vor allem für die klare Ausrichtung auf den Verbund. Aber es sind durchaus zahlreiche operative und organisatorische Details zu regeln, etwa die Entscheidung über die gemeinsame IT. Die Integration wird uns sicher noch über die nächsten zwölf Monate beschäftigen.- Die Deutsche Factoring Bank und die Universal Factoring haben rund 110 beziehungsweise knapp 50 Beschäftigte an den Standorten Bremen und Ratingen. Bleibt es dabei nach der Fusion?Ja. Hauptsitz der um die Universal Factoring erweiterten Deutschen Factoring Bank wird wie bisher Bremen sein. Der Standort Ratingen als bisheriger Sitz der Universal Factoring, an dem sich heute ein Teil der Kunden- und Vertragsbetreuung befindet, bleibt erhalten, schon weil das Rheinland für uns ein sehr starker Factoring-Markt ist. Dort bestehen praktisch flächendeckend Kooperationen mit den Sparkassen.- Ist nach der Verschmelzung mit einem Stellenabbau zu rechnen?Für die Deutsche Leasing ist Factoring ein wichtiges strategisches Wachstumsfeld, in dem wir langfristig Potenziale sehen. Mittelfristig wird die Zahl der Arbeitsplätze eher zunehmen, wir gehen ja von spürbarem Wachstum aus.- Sprechen wir über die Deutsche Leasing Gruppe. Mehr als neun Monate des seit Oktober 2015 laufenden Geschäftsjahres sind vorbei. Wie sieht Ihr aktueller Ausblick aus?Der Geschäftsverlauf ist alles in allem erfreulich. Wir erwarten für das gesamte Geschäftsjahr ein Wachstum des Neugeschäfts um mindestens 5 bis 6 %. Allerdings hält der Margendruck an. Es ist sehr viel Liquidität im Markt, und auch die Zinspolitik der EZB hinterlässt ihre Spuren. Auf der Risikoseite haben wir keine Probleme. Die stabile Konjunktur in Deutschland und in vielen Auslandsmärkten sorgt dafür, dass sich Insolvenzen und damit die Forderungsausfälle auf niedrigen Niveaus bewegen.- Wie liegen Sie mit den mindestens 5 bis 6 % Wachstum im Vergleich zur Konkurrenz?Die genannte Untergrenze gilt für unser gesamtes Geschäft. In Deutschland wächst der Markt nach der jüngsten Momentaufnahme des Bundesverbandes Deutscher Leasing-Unternehmen eher um 10 als um 5 %. Hier liegen wir auch leicht über dem Markt. Im Ausland ist das Bild heterogener, weil natürlich die Märkte heterogener sind. In manchen Staaten mit einer etwas auffälligen wirtschaftlichen Entwicklung – denken Sie beispielsweise an China, Russland oder Brasilien – verzeichnen wir kein überbordendes Wachstum, und das soll auch so sein. Das Geschäft muss von den Größenordnungen und vom Risikoprofil her zu uns passen.- Wie entwickelt sich namentlich das Verbundgeschäft mit den Sparkassen?Überaus erfreulich, insbesondere das Breiten- und Mittelstandsgeschäft, in dem wir in den ersten neun Monaten um 15 % gewachsen sind. Im kleinteiligen Breitengeschäft mit unter 150 000 Euro Vertragsvolumen konnten wir sogar um 40 % zulegen. Und dies das zweite Jahr in Folge.- Wie kommt’s?Diesen Erfolg verdanken wir standardisierten Lösungen, mit denen wir den Sparkassen sehr schnell ein einfaches Produkt für den Bedarf ihrer Gewerbe- oder kleineren Firmenkunden an die Hand geben. Dieses Angebot findet eine hohe Akzeptanz. Wir haben es in den vergangenen Monaten gemeinsam intensiv beworben und damit eine gute Wirkung erzielt.- Ist die Deutsche Leasing direkt oder indirekt vom Brexit-Votum betroffen?Von den Turbulenzen, denen sich manche Banken in diesen Tagen ausgesetzt sehen, sind wir jedenfalls auf kurze Sicht naturgemäß nicht so betroffen. Da wir nicht an den Kapitalmärkten engagiert sind, tangiert uns auch die dort übliche Volatilität nicht. Schwerer sind die mittel- bis langfristigen Konsequenzen eines Brexit zu ermessen, schon weil heute niemand weiß, wie dieser – wenn überhaupt – konkret umgesetzt wird, welche Handelsabkommen geschlossen werden, wie sich die Wechselkurse entwickeln, wie sich das alles auf das Wachstum nicht nur in UK, sondern auch in Europa auswirkt und so weiter. Für die Deutsche Leasing ist die Lage der Realwirtschaft entscheidend.- Weil Sie sich mit Ihrem Geschäft um die Investitionen Ihrer Kunden kümmern.Genau. Und alles, was die Wirtschaftskraft beeinträchtigt, die Wachstumsaussichten eintrübt oder einfach nur länger anhaltende Unsicherheit verursacht, wirkt sich nachteilig auf die Investitionen aus. Einer solchen Entwicklung würden wir uns im Zweifel nicht komplett entziehen können.- Und wie ist die britische Tochter der Deutschen Leasing vom Brexit betroffen?Unsere britische Tochter steht auf einem gesunden Fundament, ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen und zeigt auch im laufenden Jahr eine stabile Entwicklung. Auch hier gilt: Auf kurze Sicht wird sich daran nicht viel ändern. Mittel- bis längerfristig sind die Folgen heute nicht seriös prognostizierbar.- In der Sparkassen-Finanzgruppe ist – wie auch in den anderen Säulen der deutschen Kreditwirtschaft – zunehmender Unmut über die Politik der EZB zu spüren. Nehmen Sie das auch so wahr?Eindeutig, ja. Die Stimmung ist kritisch, und teilweise nimmt der Unmut in der Tat zu. Das überrascht auch nicht, weil die Folgen der Null- und Negativzinsen immer deutlicher spürbar werden. Im privaten Bereich müssen Sie nur die Jahresmitteilung Ihrer Lebensversicherung anschauen, um zu realisieren, welche Nebenwirkungen diese Zinspolitik mit sich bringt.- Wie beurteilen Sie persönlich die “unkonventionelle” Geldpolitik?Weiterhin mit großer Skepsis. Und je länger die EZB an ihrem Kurs festhält, desto schwieriger wird es nach meiner Überzeugung, diesen jemals wieder zu verlassen und Gründe zu finden, zu einem halbwegs normalen Zinsniveau zurückzukehren.- Mit dem Ankauf neuerdings auch von Unternehmensanleihen greift die EZB obendrein mehr oder weniger direkt in die Unternehmensfinanzierung ein. Damit macht sie auch einem Leasingunternehmen Konkurrenz, oder nicht?Unmittelbar sind wir davon nicht betroffen, indirekt aber natürlich schon, weil die Anleihenkäufe, wie Sie richtig feststellen, sich auf die Unternehmensfinanzierung insgesamt auswirken. Das trifft gerade auf größere Kunden zu. Wenn die Renditen immer weiter sinken, drückt das zusätzlich auf die Margen. Und an den Erträgen geht die Entwicklung auch nicht spurlos vorbei, weil manche Häuser in kleinteiligeres Geschäft ausweichen. Das verschärft den Druck noch mehr. Ich sehe auch mit großer Sorge, dass für Risiken immer häufiger keine adäquaten Prämien gezahlt werden.- Wie gehen Sie damit um?Im Zweifel muss man auch einmal ein Geschäft ablehnen. Wir wollen nicht um jeden Preis wachsen.- Wo drückt Sie der Schuh in Sachen Regulierung besonders?Ich möchte da kein Thema besonders hervorheben. Wir haben in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, uns den neuen, sich ständig weiterentwickelnden Anforderungen zu stellen. Wie viele meiner Kollegen in der gesamten Finanzindustrie würde ich mir eine Atempause wünschen, während der man das neue regulatorische Regime einmal für eine gewisse Zeit wirken lässt und die Folgen in Ruhe analysiert. Nennenswerte aktuelle Hausaufgaben, die wir als Deutsche Leasing noch abarbeiten müssten, gibt es aber zurzeit nicht.- Ist mein Eindruck richtig, dass die Leasingbranche in mancher Hinsicht mit den Banken “mitreguliert”, also gewissermaßen – zuweilen wohl zu Unrecht – mit ihnen in einen Topf geworfen wird?Dieser Eindruck ist zumindest nicht ganz falsch. Es gibt immer wieder von unterschiedlichen Seiten Anforderungen, die das Leasing selbst nicht explizit adressieren und vermutlich auch gar nicht auf das Leasing zielen, die aber sehr wohl Folgewirkungen für uns entfalten. Da müssen wir aufmerksam sein und die Regulatoren auf diese unbeabsichtigten Wirkungen hinweisen. In solchen Situationen stellen wir bei den zuständigen Stellen allerdings durchaus hohe Gesprächs- und Kompromissbereitschaft fest.- Aber es kostet doch sicher viel Zeit und Kraft, immer wieder die Besonderheiten des Leasings zu vermitteln und dann entsprechende Ausnahmeregelungen zu erreichen?Das lässt sich nicht bestreiten.- Die Deutsche Leasing wird nach wie vor von der BaFin und der Bundesbank beaufsichtigt. Könnte Ihnen drohen, dass Sie eines Tages von der EZB unter die Fittiche genommen werden?Das erwarte ich aus heutiger Sicht nicht. Man muss aber realistischerweise zur Kenntnis nehmen, dass die EZB weit über die direkt von ihr beaufsichtigten Institute hinaus einen regulatorischen Rahmen für die gesamte Kreditwirtschaft absteckt – denken Sie als Beispiel nur an den aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP). Letztlich wird die Regulierungspraxis der EZB mehr und mehr auch bei uns Einzug halten.—-Das Interview führte Bernd Wittkowski.