DIE EUROPÄISCHEN KAPITALMÄRKTE IM FOKUS

Frankreich und Deutschland vorn

Studie: EU-Kapitalmarkt nach Brexit viel kleiner und weniger entwickelt

Frankreich und Deutschland vorn

hip London – Nach dem Brexit werden Frankreich und Deutschland auf den bislang von Großbritannien dominierten Finanzmärkten Resteuropas den Ton angeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der kapitalmarktnahen Londoner Denkfabrik New Financial. Sie zeigt, dass Frankreich auf einen Marktanteil von 24 % käme und bei knapp der Hälfte der 30 untersuchten Aktivitäten der größte Markt wäre. Deutschland würde den Verfassern zufolge einen Marktanteil von 19 % erreichen und wäre in zehn Bereichen führend. Gemeinsam hätten die beiden Länder eine dominante Position. Allerdings konkurrieren die beiden Finanzzentren Paris und Frankfurt miteinander, wie sich zuletzt am Kampf um das möglicherweise wegen des britischen EU-Austritts aus der Londoner City abwandernde Geschäft gezeigt hat. Deutlicher GewichtsverlustDerzeit steht Großbritannien für 31 % der Kapitalmarktaktivitäten in der EU. Nach dem Austritt des Landes aus der Staatengemeinschaft wären die Kapitalmärkte Resteuropas (EU-27) deshalb um fast ein Drittel kleiner als derzeit (EU-28). Noch ist die EU mit einem Marktanteil von gut einem Fünftel der zweitgrößte Kapitalmarkt der Welt. Damit hat sie zwar nur knapp die Hälfte des Gewichts der Vereinigten Staaten, liegt aber immer noch deutlich vor der Volksrepublik China. Ohne das Vereinigte Königreich läge Resteuropa mit dem Reich der Mitte ungefähr gleichauf und hätte weniger als ein Drittel des Gewichts der USA. Mit Blick auf das Wachstumstempo hätten die asiatischen Kapitalmärkte die europäischen auch ohne den Brexit längst überholt. Im kommenden Jahrzehnt dürften sie nach Schätzung von New Financial nur die Hälfte des weltweiten Wachstums erreichen. Werde nicht energisch gegengesteuert, dürften die Kapitalmärkte der EU in 10 bis 20 Jahren weltweit eine wesentlich kleinere Rolle spielen als heute.Der Studie zufolge sind die Kapitalmärkte der EU-27 weniger entwickelt als die britischen. Die Rechnung geht so: Das Vereinigte Königreich trägt um die 16 % zum Bruttoinlandsprodukt der EU bei. Deshalb deute jedes Segment, in dem die EU-27 auf weniger als 84 % kommen, darauf hin, dass ihre Kapitalmärkte weniger entwickelt seien. Tatsächlich liegt der Anteil der EU-27 in so gut wie allen Segmenten darunter. Am geringsten sei ihr Anteil im Geschäft mit Devisen und Derivaten, das sich zu vier Fünfteln in Großbritannien abspiele. Die Kapitalmärkte von drei der vier größten Volkswirtschaften der Eurozone – Deutschland, Italien und Spanien – seien wesentlich weniger entwickelt als der europäische Durchschnitt.Die Tiefe der Kapitalmärkte Resteuropas werde sich durch den Brexit um rund ein Achtel verringern. Die Wirtschaft wäre in noch höherem Maße auf die schwächelnden Banken angewiesen als jetzt schon. Finanzierungen über den Markt, etwa durch Aktien oder Anleihen, dürften nach Rechnung von New Financial nach dem Brexit eine noch geringere Rolle spielen. Der Anteil von Bankkrediten an der Verschuldung von Unternehmen belaufe sich in den EU-28-Staaten im Schnitt auf 74 %, in den EU-27-Ländern auf 77 %.