Ringgeschäfte

General Atlantic im Greensill-Sumpf

General Atlantic hat als Greensill-Großaktionär einen üppigen Kredit von seiner Beteiligung erhalten, der auch – wie sich nun herausstellt – in den mit Greensill verbundenen Supply-Chain-Fonds von Credit Suisse investiert wurde,

General Atlantic im Greensill-Sumpf

Von Björn Godenrath, Frankfurt

Vor gut zwei Wochen sah es noch so aus, als würden die Investoren des Supply-Chain-Fonds von Credit Suisse mit einem blauen Auge davonkommen: Unter Berufung auf Insider meldete Reuters, die Bank werde Investoren des wegen des Greensill-Debakels in Schieflage geratenen Vehikels aus eigener Tasche entschädigen.

Am Dienstag wurden diese Hoffnungen enttäuscht, erfuhren die Investoren doch lediglich, dass weiterhin Geld aus den Investments zurückfließe und Investoren in einer separaten Mitteilung über Rückzahlungen informiert würden. Bislang konnte Credit Suisse ihren Fondskunden 3,1 Mrd. Dollar aus dem 10-Mrd.-Vehikel zurückzahlen. Der CEO von Credit Suisse, Thomas Gottstein, ließ wissen, dass eine Entschädigung der Fondsinvestoren auch nicht vorgesehen sei, handele es sich doch um professionelle Anleger, die solche Risiken einschätzen könnten. Erste Kanzleien, so ist im Markt zu hören, eruieren aber schon Klagemöglichkeiten. Die Frage ist, ob ordnungsgemäß über Risiken aufgeklärt wurde.

Was bislang unter dem Radar geblieben ist: Zu den Fondsinvestoren gehört neben einigen Gesellschaften des Greensill-Großaktionärs Softbank gemäß einer Dokumentation vom 21. Januar angeblich auch die Deutsche Börse, für die ein Exposure von 91,7 Mill. Dollar ausgewiesen wird. Aber warum sollte die Deutsche Börse in einen Supply-Chain-Fonds investieren?

Die Antwort lautet: Das hat sie gar nicht. Denn auf Nachfrage heißt es, dass man dort alles durchforstet habe und auf keinerlei direktes Engagement bei diesem Fondsvehikel gestoßen sei.

Allerdings ist die Deutsche Börse in einem Joint Venture mit dem Greensill-Großaktionär General Atlantic verbunden. Und der hat dann offenbar die Anteile aus dem Daten-Joint-Venture Qontigo verpfändet und diesen Erlös plus einen Teil des über die Greensill Bank gewährten Kredits in Wertpapiere verpackt und in den Credit-Suisse-Fonds gesteckt, wie Experten erklärten. Ein solches Finanz-Mikado führt zu Risikoverstrickungen, wie sie nun offenbar werden, da das Greensill-Kartenhaus zusammenbricht.

Beim Einstieg von General Atlantic in das Joint Venture mit der Deutschen Börse lief alles normal und ordnungsgemäß. Im April 2019 übernahm die Deutsche Börse mit Hilfe des Finanzinvestors den US-Konzern Axioma. Der bietet Softwarelösungen für das Portfolio- und Risikomanagement professioneller Anleger an und wurde in dem komplexen Deal mit 850 Mill. Dollar bewertet. Die Frankfurter führten den Zukauf mit dem mit 2,6 Mrd. Euro bewerteten eigenen Indexgeschäft in einem Gemeinschaftsunternehmen zusammen.

An diesem beteiligte sich dann General Atlantic, die auch den Großteil des Barkaufpreises stellte: Rund 715 Mill. Dollar stellte das Private-Equity-Haus bereit. An der heute als Qontigo bekannten Datensparte ist General Atlantic mit 19%, die Deutsche Börse mit 78% beteiligt. Im Rahmen der Transaktion wurde Qontigo mit 3,45 Mrd. Dollar bewertet. Und der für Europa zuständige General-Atlantic-Manager Gabriel Caillaux ist dort für den Finanzinvestor im Board.

Warnsignal Negative Equity

Noch bevor es zu der Axioma-Transaktion kam, investierte General Atlantic Mitte des Jahres 2018 einen Betrag von 250 Mill. Dollar in Greensill zu einer Bewertung von 1,64 Mrd. Dollar – wobei Greensill zu diesem Zeitpunkt negatives Eigenkapital hatte. Caillaux war anlässlich des Einstiegs euphorisch. Lex Greensill sei der beste CEO, mit dem man sich vorstellen könne zusammenzuarbeiten, wurde er in internationalen Medienberichten zitiert. Nun weiß man, wie sehr sich Lex Greensill darauf verstand, Leute für seine Sache zu gewinnen – ein Fonds­manager sollte sich jedoch nicht blenden lassen.

Caillaux ließ sich jedoch in den Greensill-Sumpf hineinziehen und griff auf ein umstrittenes Refinanzierungsinstrument zurück. 2019 wurde über Greensill Capital ein Kredit von 350 Mill. Dollar an General Atlantic ausgezahlt, eine Tranche über die deutsche Greensill Bank. Eine Roundtrip-Konstruktion („Ringfinanzierung“) aus Equity Investment und Darlehen, die typisch war für Lex Greensill. Ebenfalls 2019 war Softbank mit 1,5 Mrd. Dollar bei Greensill eingestiegen, was General Atlantic dazu nutzte, die Hälfte ihres Engagements an Softbank weiterzureichen.

Nun macht sich im Markt niemand mehr Illusionen über die Qualität von Due Diligence und Governance bei Softbank, aber dass sich General Atlantic einen Kredit auszahlen lässt, der das Equity Investment übersteigt, das hat eine neue Note. Nur der Ordnung halber sei darauf verwiesen, dass Bankenregulatoren grundsätzlich die Möglichkeit begrenzen, dass Firmen ihren Großaktionären Kredite ausreichen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Bei der deutschen Einlagensicherung und den aus der Pleite der Greensill Bank geschädigten Kommunen könnte man diesen Punkt nutzen, um Ansprüche zu begründen.

Versicherer zog den Stöpsel

Aufgeflogen war der Kredit, weil der Versicherer Tokio Marine im vergangenen Jahr eine interne Untersuchung zur Solvenz von Green­sill durchgeführt hatte. Tokio Marine war dann der erste Versicherer, der Greensill und den Credit-Suisse-Vehikeln den Versicherungsschutz öffentlich vernehmbar entzog.

Caillaux kann sich nicht auf Unkenntnis berufen, war er doch auch bei Greensill Board Member. Bei Merrill Lynch hatte er sich seine Sporen als Banker verdient, General Atlantic beförderte ihn 2019 zum Co-Chairman für das Geschäft in Europa, im Nahen Osten und in Afrika. Dass bei Greensill viel auf Friends & Family entfiel, das sollte Caillaux bei der Buchprüfung aufgefallen sein. Denn bereits 2017 kamen 70 Mill. Dollar des Greensill-Umsatzes von 102 Mill. Dollar von Firmen, die in Verbindung zu GFG Alliance standen, die jetzt ums Überleben kämpfende Indus­triegruppe von Sanjeev Gupta.

Klumpenrisiko unübersehbar

Nun ist man hinterher natürlich immer klüger, aber das Klumpenrisiko war unübersehbar. Da mutet es fast schon belustigend an, dass sich der Softbank-Manager Rajeev Misra gegenüber der „Financial Times“ 2019 so äußerte, dass er sich mit dem Greensill-Investment sehr wohl fühle, da mit General Atlantic schon vorher ein Blue-Chip-Investor eine Due Diligence durchgeführt habe. Da fällt einem unweigerlich das Fußball-Sprichwort „Nimm du ihn, ich hab ihn schon“ ein. Richtig schlecht sieht General Atlantic aufgrund von Dokumenten eines holländischen Vehikels des Finanzinvestors aus, die dem „Wall Street Journal“ zugespielt wurden. Darin wurde zwar festgehalten, dass der Greensill-Kredit „at arm’s length“ gewährt wurde.

Interne Dokumente von Greensill, deren australische Tochter bereits wegen Zahlungsunfähigkeit vor Gericht Unterlagen beibringen muss, offenbaren jedoch, dass Greensill den General-Atlantic-Kredit gewährte, um die Beziehung zu einem „major sponsor“ zu stärken. Die Kreditvereinbarung mit General Atlantic ist arg freundschaftlich angelegt: Mit einer Laufzeit von mindestens drei Jahren ausgestattet, kann diese Linie unendlich („in perpetuity”) prolongiert werden über sogenannte „cashless rolls“ – sprich General Atlantic muss nichts nachschießen oder Collateral stellen.

Ein Teil dieses Kredits wurde dann auch von den Gremien der Greensill Bank AG freigegeben. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bei der Staatsanwaltschaft Bremen Anzeige erstattete, als sie Einblicke in die Kreditvergabepraxis gewann.

Um Refinanzierung bemüht

Am 25. März berichtete die „Financial Times“ darüber, dass General Atlantic in Gesprächen mit Goldman Sachs ist, um den Greensill-Kredit zu refinanzieren. Eine Anfrage bei General Atlantic blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Rückblickend betrachtet fragt man sich, warum ein auskömmlich finanzierter Investor wie General Atlantic überhaupt auf die Greensill-Linie zurückgreifen sollte, ist günstige Liquidität gegenwärtig doch wahrlich kein knappes Gut.

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