Zu wenig Investitionen

Jean Pierre Mustier kritisiert Aktienrückkäufe von Banken

Auf einer EZB-Veranstaltung hat Jean Pierre Mustier Kritik an den Aktienrückkäufen von Banken geäußert und Fintechs gelobt.

Jean Pierre Mustier kritisiert Aktienrückkäufe von Banken

Ex-Unicredit-Chef kritisiert Aktienrückkäufe

Mustier plädiert auf EZB-Bankenaufsichtskonferenz für mehr Kooperationen mit Fintech-Unternehmen

phh Frankfurt

Das Banken-Beben im Frühjahr rückte bei der Aufsicht das Management von Liquiditätsrisiken in den Fokus. Auf einer Konferenz der EZB-Bankenaufsicht warnte Jean Piere Mustier davor, bloß Aktien zurückzukaufen. Banken sollten auch investieren.

Auf dem diesjährigen EZB-Forum zur Bankenaufsicht drehte sich viel um Andrea Enria. In dem Wissen, demnächst von Claudia Buch als oberster Bankenaufseher abgelöst zu werden, gewährte der Italiener Einblicke in sein Seelenleben. Die Bankenkrise im März, als mehrere US-Banken und die Schweizer Credit Suisse in Liquiditätsnot gerieten und für eine Vertrauenskrise im Bankenmarkt sorgten, sei der schlimmste Moment in seiner Amtszeit gewesen. "Wenn du die Einlagen von den Banken abfließen siehst, drehst du als Aufseher durch", so Enria.

Harsche Kritik an US-Banken

Das Management von Liquiditätsthemen bleibt auch nach Enrias Amtszeit weiter auf der Agenda der Aufseher. Fed-Vizechef Michael Barr kritisierte das schlechte Zins- und Liquiditätsrisikomanagement einiger Banken und forderte für die Zukunft, dass sich Banken mehr Optionen zur Liquiditätssicherung offenhalten sollten. So betonte er, dass es den Banken nicht negativ ausgelegt würde, sollten sie das "Discount Window" der Fed nutzen, worüber sich Banken gegen gestellte Sicherheiten jederzeit Liquidität beschaffen können. Das ist Barr zufolge kein Zeichen der Schwäche. Allerdings müssten sich Banken künftig jedoch besser vorbereiten, um sich in Stresssituationen schneller und leichter mit der bereitgestellten Liquidität zu versorgen.

Der Markt hat sich inzwischen wieder beruhigt, wozu auch die sprudelnden Zinserträge beigetragen haben dürften, die den Banken Rekordgewinne bescherten. Und dennoch bleiben Investoren skeptisch, was die Bewertung von Banken betrifft. Laut Stuart Graham von Autonomous Research liegt das unter anderem daran, dass noch nicht klar sei, wie stark die Einlagen-Betas steigen werden – also wie stark Banken die höheren Zinsen an Kunden weitergeben müssen. Die Frage sei also, wie nachhaltig die Rekordgewinne seien. Die kommenden beiden Jahre würden Gewissheit bringen.

Faible für Fintechs

Um Investoren bei Laune zu halten, setzen Europas Banken darum stark auf Aktienrückkäufe. Das sei zwar nachzuvollziehen, sei jedoch zu kurzfristig gedacht, mahnte der langjährige Bankmanager Jean Pierre Mustier, der unter anderem die italienische Unicredit restrukturiert hat und heute dem Aufsichtsrat der Aareal Bank vorsitzt. Banken sollten ihre Versäumnisse aus dem Niedrigzinsumfeld nicht wiederholen. Während die Banken damit beschäftigt gewesen seien, Kosten zu senken und ihre Kapitalbasis zu stärken, seien sie blind dafür gewesen, was um sie herum passierte. So hätten sie etwa den Aufstieg des Payment-Fintechs Adyen verpasst, wodurch Banken Milliarden an Wertschöpfung entgangen seien.

Daher sollten Banken nach Ansicht Mustiers nicht nur Aktien zurückkaufen, sondern auch investieren. Die steigenden Zinsen bringe dafür den Vorteil, dass sie den Fintechs das Funding erschweren. Über ein Anlagevehikel hatte der prominente Banker selbst in Fintechs investieren wollen, was letzten Endes aber nicht gelang.

Mustier plädierte auch für eine stärkere Zusammenarbeit mit Fintechs. Er sehe viele Bereiche, in denen Fintechs das Geschäftsmodell von Banken ergänzen könnten, etwa im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, in der E-Commerce-Finanzierung oder auch dem Wealth Management. Europas Banken scheinen ein Stück weit dazu verdammt, sich neu zu erfinden und weiterzuentwickeln, denn einer grenzüberschreitenden großen europäischen Bankenfusion rechnet Mustier null Chancen aus, wie er deutlich machte.

Kapitalmarktunion

"Die Negativzinsen haben uns in Bezug auf die Weiterentwicklung geblendet. Die Normalisierung der Zinssätze blendet uns in Bezug auf kurzfristige Strategien", brachte es Mustier auf den Punkt. Steven van Rijswijk, Chef der niederländischen ING-Groep, trat mit Blick auf die Fintechs auf die Euphoriebremse. "Wir können digital sein, ohne ein Fintech zu sein", sagte und wies darauf hin, dass aus eigener Erfahrung auch nicht jedes Fintech-Investment von Erfolg gekrönt sein muss.

Auch wenn Mustier große Bankenfusionen oder gar einen einheitlichen europäischen Bankenmarkt für unrealistisch hält, so betonte er, dass der Fokus umso mehr auf der Kapitalmarktunion liegen müsse. Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing wurde nicht müde zu betonen, dass es ohne die Kapitalmarktunion in Europa keinen "Grean Deal" geben würde.

Auf dem Weg zur vollständigen Kapitalmarktunion müssten alle Zwischenschritte genutzt werden. Ein wiederbelebter Verbriefungsmarkt hätte beispielsweise sofort positive Effekte auf die Bankbilanzen. Banker müssten der Gesellschaft aber besser erklären, dass es die Kapitalmarktunion nicht nur braucht, um die Banken profitabler zu machen, so Sewing.

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