InterviewKlaus-Jürgen Heitmann

„Momentan haben wir eine schlimme Situation“

Der Vorstandschef der HUK-Coburg spricht im Interview über die hohen Verluste der Autoversicherer, die Abwanderung von Kunden zum Jahreswechsel und den Service-Rückstau.

„Momentan haben wir eine schlimme Situation“

Im Interview: Klaus-Jürgen Heitmann

„Momentan haben wir eine schlimme Situation“

Der Vorstandschef der HUK-Coburg über die hohen Verluste der Autoversicherer, die Abwanderung von Kunden zum Jahreswechsel und den Service-Rückstau

Manager sind gewohnt, von Herausforderungen zu sprechen, wenn sie echte Probleme haben. HUK-Coburg-Vorstandssprecher Klaus-Jürgen Heitmann ist auf derlei Ausflüchte nicht angewiesen. Im Interview wählt er eine klare Sprache, die er sich leisten kann. Sein Unternehmen dominiert die hiesigen Autoversicherer.

Herr Heitmann, die Autoversicherer schreiben tiefrote Zahlen. Was hat die Branche falsch gemacht?

Wir haben sicherlich das Ausmaß der Inflation unterschätzt. Das zweite Thema ist die Steigerung der Schadenhäufigkeit. Es gibt mehr Unfälle, außerdem sehen wir Zerstörungen etwa durch extrem große Hagelkörner, die wir in diesem Ausmaß nicht kannten. Drittens: Die Beitragserhöhungen zum Jahreswechsel 2022/2023 haben die Durchschnittsbeiträge nicht in dem Maß gesteigert, wie die Branche oder auch wir als Unternehmen gedacht hatten.

Wie ist denn die Lage?

Die Combined Ratio ist katastrophal schlecht, und die Kapitalanlage ist noch nicht auf dem Niveau, das wir aus früheren Zeiten kannten. Natürlich erwarten wir, dass wir das irgendwann wieder geraderücken. Aber momentan haben wir eine schlimme Situation, das muss man ganz offen sagen.

Was bedeutet dies in Zahlen?

Die Branche schätzt aktuell die Schaden- und Kostenquote des vergangenen Jahres auf 110%. Meiner Einschätzung nach kann sie noch schlechter ausfallen. Wir erwarten für die HUK-Coburg 114 bis 115%. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir dies im Kraftfahrt-Segment jemals gehabt hätten, auch wenn darin 100 Mill. Euro für Nachreservierungen von Schäden früherer Jahre enthalten sind, also gut zwei Prozentpunkte.

Damit könnte die HUK-Coburg das zweite Jahr in Folge schlechter als der Schnitt der Konkurrenz abschneiden.

Natürlich ist das im Grundsatz unschön. Ich bin damit nicht zufrieden. Nun gilt: Jeder Versicherer kann die Verluste ein paar Jahre lang durch die Nutzung von Reserven mindern. Dies tun wir nicht, wir kaschieren nichts. Das ist vermutlich als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit leichter auszuhalten als in anderen Rechtsformen.

Die Finanzaufsicht BaFin beäugt die Branche der Autoversicherer kritisch.

Es ist nachvollziehbar, dass sie die Entwicklung mit Sorge sieht. Nicht alle Versicherer sind so ausgestattet wie die HUK-Coburg. Dass es möglicherweise Player gibt, die die Belastungen unterschätzen, treibt auch uns um.

An wen denken Sie?

Wenn ein neuer Player mit wenig Policen-Bestand mit den zu niedrigen Preisen und vielleicht auch noch über den falschen Vertriebskanal richtig viel Geschäft hereinholt, kann das auch mal sehr wehtun.

Mit Neodigital tummelt sich die HUK-Coburg auch im Feld neuer Player.

Natürlich beobachten wir dies genau.

Ist die Branchenkrise die Wiederkehr des Schweinezyklus‘?

Die aktuelle Situation ist nicht mit jenem Wechsel von einer guten zu einer schlechten Zeit zu vergleichen, den wir Mitte bis Ende der Nullerjahre gesehen haben.

Warum?

Im letzten Zyklus kippte die Ertragssituation der Autoversicherer durch einen intensiven Wettbewerb, den einzelne Anbieter begonnen hatten. Aber weil zugleich die Zahlungen an die Kunden für Schäden sanken, kamen die Versicherer mittels Beitragserhöhungen relativ schnell wieder aus dem Ertragstal heraus, als die Verluste zu hoch wurden. Heute dagegen läuft die Branche mit ihren Preisanpassungen hinter dem steigenden Schadenbedarf her.

Was hat die HUK-Coburg getan?

Der Tarif zum Jahreswechsel 2023/2024 liegt signifikant über dem Angebot zwölf Monate zuvor. Die HUK-Coburg hat außerdem ihre Beiträge schon im Jahresverlauf 2023 zweimal spürbar erhöht. Das macht uns keinen Spaß. Aber wir müssen uns der neuen Schadenrealität anpassen.

Was bedeutet dies für die durchschnittlichen Beiträge?

Die HUK-Coburg landet 2023 bei einer durchschnittlichen Erhöhung von etwa 5 bis 6%. Der Markt ohne die HUK dürfte um rund 4% erhöht haben. Natürlich halten wir das Markenversprechen aufrecht, der preisgünstigste Autoversicherer zu sein. Aber im Gegensatz zu vielen Konkurrenten stellt die Autoversicherung einen großen Teil unseres Gesamtgeschäfts. Entsprechend genau schauen wir dort auch hin.

Wie reagieren die Kunden?

Wir haben zum Jahreswechsel 2023/2024 mehr als 100.000 Kunden verloren.

Oh.

Dies ist tatsächlich eine neue Erfahrung, die unser Haus und auch mich beschäftigt. Es tut weh, wenn man sieht, dass so viele Kunden gehen. Wir sind es gewohnt, dass wir zum Jahreswechsel eher die Sieger sind. Jetzt sind wir wahrscheinlich einer der relevanten Verlierer und haben Marktanteile verloren.

Warum wechseln so viele Kunden?

Wir haben eine preissensiblere Klientel als viele Wettbewerber. Zudem vermute ich, dass wir auch im Bestand konsequenter auf die neue Schadenrealität reagiert haben als die übrige Branche.

Wie lange dauert die Sanierung der HUK-Autosparte?

Wir werden im laufenden Jahr einen großen Teil des Wegs in Richtung einer Combined Ratio von maximal 100% gegangen sein. Dennoch werden die Branche als auch wir für 2024 und gegebenenfalls noch für 2025 eine nennenswerte rote Combined Ratio melden müssen. 2026 sollte die HUK-Coburg wieder unter 100% liegen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Markt möglicherweise mit einem Jahr Verspätung folgt.

Warum dauert die Sanierung so lange?

Die Teuerung ist weiterhin sehr hoch. In der Spitze liegt der Stundensatz in Autowerkstätten, der im vorvergangenen Jahr 300 Euro betrug, nun bei 500 Euro. Und die Automobilkonjunktur in Deutschland wird 2024 kaum rosig sein. Die Hersteller, die in die Elektromobilität investieren müssen, werden wohl kaum sagen, jetzt steigern wir die Ersatzteilpreise mal nicht so stark. Die Händler leiden unter dem sinkenden Neuwagenabsatz und versuchen, ihre Ertragsquelle Werkstattgeschäft zum Sprudeln zu bringen.

Wird die HUK-Coburg ihre Kfz-Bestände im laufenden Jahr überhaupt steigern können?

Das Jahreswechselgeschäft zählt ja bereits zu 2024, so dass wir mit einer Bürde starten. Es wird eine echte Herausforderung, dies unterjährig zu kompensieren. Denn es wird meiner Erwartung nach wenig Neugeschäft im Markt geben.

Wie hat sich das Volumen im vergangenen Jahr entwickelt?

Wir haben Ende Dezember rund 150.000 Kraftfahrt-Verträge mehr in den Büchern als zwölf Monate zuvor. Damit wachsen wir um rund 1,1%. Wir gehen davon aus, dass wir geringfügig Marktanteile gewonnen haben.

Welchen Weg zur HUK-Coburg wählen die Kunden?

Die digitalen Zugangswege werden immer relevanter. Ganz vorne steht unser Direktversicherer HUK24, der rund 450.000 Autoversicherungen neu verkauft hat. Auch HUK.de läuft gut, wir haben mehr als 100.000 Autoversicherungen abgesetzt.

Welche Faktoren haben den Absatz angetrieben?

Uns kam zugute, dass die Autokonjunktur bis Herbst etwas angesprungen war. Außerdem haben wir ein großes Wachstum bei Elektro-Scootern. Das Neugeschäft ist um 10% auf 1,36 Millionen Fahrzeuge gestiegen.

Doch alles gut, zumindest beim Volumen?

Keineswegs. Das Wachstum wird marginal bleiben. Dies ist nicht nur eine Phase von zwei oder drei Jahren. Wir kommen in eine Stagnation der Fahrzeugbestände in Deutschland.

Im Interview mit der Börsen-Zeitung vor zwölf Monaten hatten Sie angekündigt, Sie wollten darauf mit der Erweiterung des Mobilitätsökosystems reagieren. Es ist aber nichts passiert.

Ein geplanter großer Zukauf hat leider nicht geklappt.

Und?

Mobilität bleibt ein Grundbedürfnis
der Menschen. Das Auto ist wichtig. Aber wir müssen den Kunden mehr Andockpunkte bieten, damit sie dann die Autoversicherung der HUK-Coburg wählen. Wenn eine Akquisition nicht möglich ist, sind auch stärkere Kooperationsansätze denkbar.

Was ist das Ziel?

Wir brauchen Relevanz beim Kunden. Jene Versicherer, die keinen Endkundenkontakt mehr haben, sind nur noch Zulieferer und einem gnadenlosen Kostenwettbewerb unterworfen. Zudem gilt: Wenn es richtig ist, dass die Autoversicherung nicht mehr stark steigendes Volumen bringt, geht es auch um neue Geschäftsfelder. Wir müssen arrondieren und ergänzen.

Wird HUK-Coburg den Anteil von 25,1% an Pitstop aufstocken?

Da können wir in zwei bis drei Jahren nochmals drüber reden. Auf jeden Fall sind wir auf gutem Weg, der Werkstattkette im Laufe der Zeit eine deutlich sechsstellige Kundenzahl zusätzlich zuzuführen. Trotz eines leicht verspäteten Starts waren es bis Ende 2023 bereits rund 90.000 Kunden.

Wie läuft der Autohandel?

Die geplanten 10.000 Verkäufe haben wir im vergangenen Jahr nicht ganz erreicht. Es dürften 7.000 bis 8.000 geworden sein. Wir merken gerade, dass sich Gebrauchtwagenmärkte verändern. Generell gilt bei den neuen Geschäftsfeldern: Wir müssen als Haus viel besser darin werden, aus Kundenkontakten und Daten neue Angebote zu machen.

Wie geht es bei Ihrem Serviceanbieter Onpier weiter?

Er entwickelt sich grundsätzlich positiv. Leider hat er den HDI als Kooperationspartner verloren. Dafür sind neben dem zweiten Anteilseigner LVM Versicherung nun auch WGV, die Bayerische und Signal Iduna als Kooperationspartner dabei. Alexander Hund, der Geschäftsführer von Onpier, ist in guten Gesprächen mit einer signifikanten Anzahl weiterer Versicherer. Es wird mehr und mehr verstanden, dass die Plattform den Kunden zusätzliche Dienstleistungen bietet und so die Relevanz der Versicherer stärkt.

Wie ist die HUK-Coburg grundsätzlich im Service aufgestellt?

Das Geschäft zum Jahreswechsel 2023/2024 ist gut gemanagt worden. Aber wir waren im vergangenen Jahr nicht gut im Service. Wir performen im Kundenservice nach wie vor nicht so, wie wir müssten. Der Rückstand im Schaden- und Leistungsbereich ist zu hoch.

Was bedeutet dies konkret?

Unsere Kunden mussten teilweise deutlich mehr als zwei Wochen auf eine Antwort warten. Derart lange Zeiten akzeptieren die Leute heute überhaupt nicht mehr. Wir arbeiten uns gerade wieder in die Größenordnung von zwei Wochen zurück. Wir müssen zusätzliche Überstunden in den großen operativen Bereichen leisten. Das kostet zu viel Geld.

Warum ist dies aus dem Ruder gelaufen?

Wir sind von der Steigerung der Schäden überrascht worden, ihre Menge lag erheblich über unseren Planungen. Zweitens erreichen wir mit mobilem Arbeiten und Homeoffice nicht überall die früheren Produktivitätswerte. Der dritte Punkt: Arbeitsspitzen zur Begleichung von Schäden, die von Hagel und Co verursacht werden, werden immer intensiver.

Was muss sich ändern?

Wir müssen flexibler werden. In Zeiten, in denen auf einmal 20% mehr Arbeit da ist, muss die Kapazität schnell hochgefahren werden können.

Sie sagen dies nicht zum ersten Mal.

Ja, ich bin auch nicht zufrieden mit dem Fortschritt. Am Ende müssen wir derlei mit den Arbeitnehmervertretungen vereinbaren.

Wie schneiden die HUK-Sparten jenseits der Autoversicherung ab?

Das Neugeschäft in der sonstigen Sachversicherung ist auf Rekordniveau. Die Rechtsschutzversicherung zeigt eine deutliche Steigerung im Verhältnis zum Vorjahr. Dies gilt auch für die Krankenversicherung. Die Lebensversicherung läuft ebenfalls ganz gut.

Welche Gesamtverzinsung bietet die HUK-Coburg ihren Kunden?

Die Lebensversicherung berechnet 1,8%.

Eine Stagnation trotz der Zinswende?

Ja. Trotzdem liegen unsere Stornoquoten in der Lebensversicherung weit unter dem Marktniveau, und auch das Neugeschäft entwickelt sich positiv.

Wie hoch ist der Überschuss 2023 im Gesamtkonzern?

Das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit liegt in einer Größenordnung von 350 Mill. Euro. Vielleicht sind nach 384 Mill. Euro im Vorjahr auch rund 400 Mill. Euro erreichbar. Das Kapitalanlageergebnis, das ja teils den Kunden zugutekommt, steigt von 500 Mill. Euro in Richtung 800 Mill. Euro.

Die roten Zahlen in der Autoversicherung schlagen nicht durch?

Der Verlust wird weitgehend kompensiert durch die Entnahme aus der Schwankungsrückstellung in der Autoversicherung. Nach 162 Mill. Euro im Vorjahr sind es nun etwa 400 Mill. Euro. Da haben wir keinen Entscheidungsspielraum. Diese Mechanik ist konkret definiert.

Damit dürfte die gesamte Schwankungsrückstellung auf etwa 600 Mill. Euro schrumpfen.

Im Jahr 2021 hatten wir noch insgesamt 1,2 Mrd. Euro. Wenn man auf den Teilbereich Kaskoversicherung schaut, ist die Reserve in Teilen leer.

Welche Geschäftsentwicklung erwarten Sie im angelaufenen Jahr?

Ich bin wie erwähnt gespannt, inwieweit wir in der Autoversicherung aufholen können. Unterjährig werden wir uns auf jeden Fall positiv entwickeln. In Haftpflicht, Unfall, Sach, Rechtsschutz, Leben und Kranken gehen wir durchgehend von positiven Entwicklungen des Neugeschäfts aus. Das Beitragsvolumen in der Kfz-Versicherung wird deutlich steigen. Damit nimmt das Gewicht der Autoversicherung innerhalb der HUK-Gruppe weiter zu. Ein Marktumfeld, in dem sich Kunden vermehrt wieder um den Preis ihrer Autoversicherung kümmern, ist für uns gut.

Was erwarten Sie vom Jahr 2025?

Dies ist noch weithin. Angesichts der neuen Schadenrealität könnte der Jahreswechsel 2024/2025 lebhaft werden. Die HUK-Coburg würde profitieren. Es bleiben dennoch anspruchsvolle Zeiten für die Autoversicherer.

Das Interview führte Michael Flämig.