Nachhaltige Transformation

Transition Finance stellt Banken vor Probleme

Um die digitale und nachhaltige Transformation zu finanzieren, müssen Banken und Kapitalmarkt zusammenarbeiten. Auf einer Veranstaltung diskutierten Experten die Chance von Verbriefungen als Brücke beider Welten.

Transition Finance stellt Banken vor Probleme

Europa steht vor einer großen Herausforderung, die zu einem handfesten Finanzierungsproblem werden kann: der nachhaltigen und digitalen Transformation. Allein in Deutschland dürften dazu bis 2045 jährlich schätzungsweise rund 500 Mrd. Euro nötig sein. Wer soll das finanzieren? Um diese Frage drehte sich diese Woche in Frankfurt an der Goethe-Universität eine gemeinsame Veranstaltung des Center for Financial Studies (CFS) und des Stiftungsprojekts Kapitalmarktunion.

Erste Anlaufstelle sind in Europa, allen voran in Deutschland, die Banken. In Europa laufen noch immer rund 70% der Unternehmensfinanzierung über Banken und lediglich 30% über den Kapitalmarkt. In den USA ist die Quote genau umgekehrt. Die Bankenabhängigkeit wird dann zum Problem, wenn der Bankensektor nicht in der Lage ist, das gigantische Finanzierungspaket zu schultern. Und danach sieht es aus. Banken haben aus verschiedenen Gründen Probleme mit der Finanzierung transformatorischer Risiken: Zu­nächst sind diese Kredite keine lineare Fortsetzung des Firmenkundengeschäfts. Die Unsicherheiten sind größer, und die Risiken sind höher. Der Zeithorizont für die Amortisation der Investitionen ist viel länger. Kreditsicherheiten sind womöglich schwer zu bewerten. Für Joachim Wuermeling, der bis zum 31. März die Bankenaufsicht bei der Deutschen Bundesbank geleitet hat, kommt noch eine weitere Frage hinzu, wie er auf der Veranstaltung verdeutlichte: Passt die Finanzierung von Innovationen zur Kapitalausstattung und zum Risikoappetit der Banken? Wuermeling würde es begrüßen, wenn Banken ihren Beitrag zur Transformation leisteten. „Als Bankaufseher erwarten wir aber, dass Banken die Risiken aus kurzsichtigem Verhalten oder einer fehlgerichteten Transition im Blick behalten“, stellte Wuermeling klar.

Auch transformatorische Risiken müssen mit Eigenkapital unterlegt werden. Es sei nicht Aufgabe der Aufsicht, Anreize für Investitionen zu setzen oder entsprechende aufsichtliche Lockerungen anzugehen. Es gebe momentan zwar 165 Mrd. Euro Überschusskapital im Bankensystem. „Dennoch kann das Kapital bei einigen Instituten zum Limitierungsfaktor werden“, warnt Wuermeling. Vor allem bei kleinen und mittleren Instituten müsse der nötige Kapitalstock aufgebaut werden, damit in Zukunft keine Kreditklemme entsteht, die die Transformation behindern könnte. Damit Europa die Finanzierung der Transformation aus eigener Kraft schaffen kann, braucht es laut Wuermeling ein Zusammenspiel von Banken und Kapitalmärkten. Die Einigung von EU-Staaten und EU-Parlament Anfang März auf einen einheitlichen Standard für Green Bonds war dabei ein wichtiger Meilenstein. Zu Beginn dieses Jahres hat der Green-Bond-Markt den zweitbesten Start in der Geschichte erlebt. Im Januar und Februar wurden insgesamt 227,3 Mrd. Dollar an neuen, als nachhaltig gekennzeichneten Anleihen und Darlehen gebracht.

Green Bonds helfen bedingt

Green Bonds sind jedoch Segen und Fluch zugleich, da der Verwendungszweck der Anleihen an grüne Assets gebunden ist. Der Finanzchef einer Autobank kritisierte auf der Veranstaltung, dass sich Green Bonds bestens dafür eignen, grüne Assets noch grüner zu machen. Für die Transformationsfinanzierung jedoch seien sie nur bedingt geeignet. Es braucht eine Brücke zwischen Banken- und Kapitalmarkt. Laut Wuermeling könnten dies Verbriefungen sein. Dieser Markt ist in Europa jedoch in der Finanzkrise in sich zusammengefallen und hat sich seitdem auch nicht wieder erholt (siehe Grafik). Die Bankenlobby fordert deshalb weniger Regulierung, um den Markt wiederzubeleben. Wuermeling räumt ein, dass es hinsichtlich operativer Anforderungen durchaus Potenzial für Erleichterungen gebe. Als Beispiele nannte er die Offenlegungsanforderungen und die Anforderungen an einen signifikanten Risikotransfer zur Kapitalentlastung beim Verkäufer.

Gleichwohl betonte Wuermeling, dass die Bankenregulierung nicht der Hauptgrund dafür sei, dass der europäische Verbriefungsmarkt um ein Vielfaches kleiner ist als der US-amerikanische. Verbriefungen haben in Europa seit der Finanzkrise noch immer einen schlechten Ruf. „Dieses Stigma ist so nicht unbedingt gerechtfertigt“, sagte Wuermeling. Verluste aus Verbriefungsgeschäften seien vornehmlich in den USA angefallen, wohingegen die Ausfallraten für europäische Verbriefungen größtenteils begrenzt geblieben seien. Zum schlechten Image kommt die hohe Komplexität der Produkte hinzu. Vielen Banken, insbesondere kleineren, fehle schlicht die Expertise.

Für Alexander Batchvarov, Head of International Structured Finance Research bei Bank of America Merrill Lynch, ist die Antwort viel simpler: Sie nennt sich Pfandbrief. Ein Großteil der Refinanzierung von Immobilienfinanzierungen läuft in Deutschland über Pfandbriefe. In den USA hingegen ist das der Haupttreiber für das Verbriefungsgeschäft. Für deutsche Banken sind Pfandbriefe laut Wuermeling schneller, einfacher und günstiger zu emittieren. „Für Unternehmenskredite hingegen könnte sich das Instrument der Verbriefung durchaus lohnen, um Kapital freizusetzen und entsprechend für die Transformation zu mobilisieren“, sagte Wuermeling.

Kapitalmarktunion gefordert

Dabei helfen würde die Kapitalmarktunion, wie sie nicht nur von prominenten Bankern wie Christian Sewing oder Lutz Diederichs vehement gefordert wird. Auch Wuermeling sagte, dass das heterogene Insolvenzrecht in Europa Verbriefungen erschwere. Ohne politische Anschubhilfe scheint es der Verbriefungsmarkt auf Sicht schwer zu haben.

Auch die Amerikaner drehen bei verbrieften Immobilienkrediten vor allem deshalb ein so großes Rad, weil sie mit Fannie Mae und Freddie Mac über zwei staatlich geförderte Institutionen verfügen, die für die nötige Liquidität im Markt sorgen, indem sie die Kredite aufkaufen. Laut Wuermeling hilft eine Anschubfinanzierung, die Einstiegshürden zu überwinden und Anschlussgeschäfte ohne staatliche Garantie anzustoßen. Als positives Beispiel nannte Wuermeling die Verbriefungsprodukte der Europäischen Investitionsbank bzw. des Europäischen Investitionsfonds.

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