Der Fall Heilbronn

Wie man eine Volksbank ruiniert

Vor Wochen hat die genossenschaftliche Sicherungseinrichtung die Volksbank Heilbronn retten müssen, die sich mit Zinswetten und Cum-cum-Geschäften, vor allem aber mit starkem Selbstvertrauen und schwacher Risikosteuerung ins Aus gesteuert hat.

Wie man eine Volksbank ruiniert

Von Bernd Neubacher, Frankfurt

An offiziellen Worten des Bedauerns ist kein Mangel, als vor drei Jahren in Heilbronn publik wird, dass sich Thomas Hinderberger nach neun Jahren im Vorstandsvorsitz der örtlichen Volksbank auf eigenen Wunsch vorzeitig zur Ruhe setzt. Mit Eintritt in das Rentenalter wolle er Ende des Jahres die Bank verlassen, heißt es über den damals 62-Jährigen in der Lokalpresse. Vor einem Jahr meldet dann Vertriebsvorstand Jürgen Pinnisch den Wunsch an, nach neun Jahren im Vorstand aus persönlichen Gründen auszuscheiden – mit 57 Jahren. Damit verlässt der letzte aus dem Vorstandstrio, das die Jahresabschlüsse der Jahre 2011 bis 2015 unterzeichnet hatte, das Haus – der Dritte war 2016 verstorben.

„Unfassbar“

Im Mai 2021 ist das Haus ein Fall für die Sicherungseinrichtung des genossenschaftlichen Bundesverbands BVR, und die vorzeitigen Ab­schiede Hinderbergers und Pinnischs erscheinen in einem neuen Licht. 60 Mill. bis 80 Mill. Euro muss die Sicherungseinrichtung dem Vernehmen nach bereitstellen, damit das Heilbronner Institut unter das Dach der Volksbank Schwäbisch-Hall-Crailsheim schlüpfen kann. Die Vertreterversammlungen stimmten Mitte Mai zu. Bei Beobachtern ist die Rede vom größten Stützungsfall des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts. „Unfassbar, wie viel Geld da verheizt wurde“, meint eine mit der Situation vertraute Person. Die Summe von 60 Mill. bis 80 Mill. entspricht 30 bis 40% des Eigenkapitals des havarierten Instituts. Ob es dabei bleiben wird? Eine Mitteilung der Bank vom 23. April zu Steuerrückforderungen lässt tief blicken: „Eine abschließende Beurteilung durch das Finanzamt wird noch im Rahmen einer Betriebsprüfung festzustellen sein“, heißt es da mit Blick auf frühere Cum-cum-Geschäfte. „Die daraus entstehenden Kosten, können heute noch nicht beziffert werden, sind jedoch durch bilanzielle Maßnahmen und Vereinbarungen mit der genossenschaftlichen Gruppe abgesichert.“ Für 2020 wird der vorläufige Verlust auf 20Mill. Euro beziffert. Das ist mehr, als die Bank in den drei Jahren zuvor zusammen verdient hatte.

Große Augen

Mit großen Augen stehen nun alle Beteiligten im genossenschaftlichen Sektor, aber auch der interessierte Teil der Öffentlichkeit vor den Trümmern der Volksbank, die mit 2,1 Mrd. Euro Bilanzsumme zuletzt auf Rang 125 der genossenschaftlichen Primärinstitute rangierte. Wie hat es so weit kommen können? Wer den Fall zu rekonstruieren versucht, stellt rasch fest: Egal ob ein Institut mit scheinbar guten Absichten oder, wie Wirecard, durch Betrug zum Scheitern gebracht wird – die Verantwortungsdiffusion in den Reihen der zuständigen Instanzen ist im Grunde dieselbe (siehe Text auf dieser Seite). Zudem wird klar, wie man eine Volksbank ruiniert: Starkes Selbstvertrauen muss sich paaren mit schwachem Risikomanagement und schwachen Kontrollinstanzen.

Eigentlich hätte die Volksbank Heilbronn waghalsige Geschäfte überhaupt nicht nötig gehabt: Beheimatet im wirtschaftlich starken Speckgürtel Stuttgarts, gesegnet mit einem Geschäftsgebiet, das von kleineren Betrieben über Mittelständler bis hin zu Riesen wie Unilever (Knorr) sowie den Lidl-Konzern alles bietet, was das Bankerherz begehrt, hätte sie nur den Löffel in den Brei halten brauchen, also Einlagen günstig einwerben, Kredite teurer vergeben und zusehen, dass die Risiken nicht aus dem Ruder laufen.

Schwer gehebelt

Eigentlich. Tatsächlich pumpt die Bank, kaum hat Hinderberger 2009 nach drei Jahren als Sprecher des Vorstands dessen Vorsitz übernommen, eine Riesenposition von Zinsswaps auf. In der Folge erreicht das außerbilanzielle Geschäft der Bank in der Spitze, im Jahr 2012, ein Volumen von 493 Mill. Euro (siehe Text unten links), das rund Vierfache des damaligen Eigenkapitals, wie ein Blick in die Abschlüsse zeigt.

Golfen auf der Grünen Insel

Es sind tolle Zeiten, in denen ein Mitglied des Vorstands schon einmal auf einem Golfturnier der Branche in Irland gesichtet wird. Hinderberger denkt groß: 2013 eröffnet die Bank an der Allee, der Heilbronner Hauptverkehrsader, mit großem Pomp einen 30 Mill. Euro teuren Neubau. Baden-Württembergs Innenminister Reinhard Gall reist zur Eröffnung an und spricht von „einer städtebaulichen Perle für Heilbronn“. Die Volksbank will dabei von vorneherein gerade einmal 40% von 7500 Quadratmeter Fläche des fünfstöckigen Bauwerks nutzen und vielmehr gastronomische Betriebe und Dienstleister unterschiedlicher Branchen dort unterbringen.

Welche Geschäfte die Führung des Instituts in diesen Zeiten neben Zinswetten so ersinnt, sollen die Kunden im Ländle, sofern sie den Geschäftsbericht ihrer Volksbank studieren, erst im Oktober 2017 erfahren, als die Bank den Jahresabschluss für 2016 im Bundesanzeiger publiziert und Wertpapierleihegeschäfte mit dem vornehm daherkommenden Bankhaus Lampe in den Jahren 2010 bis 2012 sowie eine drohende Steuernachzahlung von rund 5,6 Mill. Euro zuzüglich Zinsen von 1,4 Mill. Euro beichtet. Eine entsprechende Rückstellung sei gebildet worden. Im Jahr darauf spricht die Bank mit Blick auf ihre Cum-cum-Geschäfte von „weiteren Steuernachzahlungen“ von rund 9 Mill. Euro.

Wie kolportiert wird, war Jahre zuvor die Frage nach möglichen Belastungen aus diesen Geschäften in der Führung des Hauses mit dem Argument begegnet worden, die Steuern könne man gegebenenfalls ja nachzahlen – nur hatte man offenbar vergessen, entsprechende Reserven zu bilden. In dieser Zeit soll es im Aufsichtsrat zu Spontanrücktritten gekommen sein, weil die Kompetenz der Führung kritisch gesehen wurde.

Sonderprüfung abgebrochen

Deutlich stärker als Aktiengeschäfte um den Dividendenstichtag aber belasten das Haus unterdessen die sich rächenden Zinswetten. 2016 rückt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu einer Sonderprüfung der Marktpreisrisiko-Steuerung gemäß §44 KWG an und gibt „Prüfungshinweise, unter anderem auch zur Ermittlung der Risikotragfähigkeit“, wie im Jahresabschluss in drei Sätzen beschrieben wird. Nach Angaben von Beobachtern muss die Sonderprüfung nach dem Todesfall im Vorstand mangels Datenzugriffs vorzeitig beendet werden; fortan ist ein Vertreter der BaFin regelmäßig Gast der Sitzungen des Aufsichtsrates. Auch findet eine steuerliche Außenprüfung für die Jahre 2009 bis 2014 statt, die Rückstellungen erfordert. Im Geschäftsbericht 2016 findet sich auf den Seiten 4 und 5 ein Nachruf auf das verstorbene Vorstandsmitglied, auf Seite 9 der Slogan: „Verlässlichkeit und Vertrauen spiegeln sich in verantwortungsvollem Handeln wider.“

Zu diesem Zeitpunkt ist das Kind längst in den Brunnen gefallen, auch wenn die Bank flugs 20 Mill. Euro Nachrangkapital aufnimmt, „um auch für die Zukunft eine solide Eigenkapitalausstattung sicherzustellen“, 2018 Gewinne in die Rücklagen einstellt sowie Verwahrentgelte einführt – was bei einer sinkenden Mitgliederzahl den Abzug von Großeinlagen nach sich zieht, und im vorvergangenen Jahr einen Spezialfonds auflöst.

Das Institut zeigt weiter Optimismus. So heißt es noch im Abschluss fürs Jahr 2018: „Nach wie vor haben wir mit unserem genossenschaftlichen Modell eine gute Ausgangsposition und wir sind zuversichtlich, dass wir mit den ergriffenen Maßnahmen unser Betriebsergebnis vor Bewertung bis zum Jahr 2023 an den Durchschnittswert der Genossenschaftsbanken in Baden-Württemberg heranführen werden.“