Strafprozess

Wirecard-Hausjurist sah „Auffälligkeiten“ bei Finanzzielen

Im Strafprozess um der Bilanzbetrug bei Wirecard berichtet ein früherer Hausjurist über Auffälligkeiten in den Konzernbilanzen und über Blockaden des Vorstands bei internen Aufklärungsversuchen.

Wirecard-Hausjurist sah „Auffälligkeiten“ bei Finanzzielen

Von Stefan Kroneck, München

Im Strafprozess um die Bilanzfälschung beim gescheiterten Zahlungsabwickler Wirecard hat vor dem Landgericht München ein früherer leitender Hausjurist über die mutmaßlichen Machenschaften berichtet. In seiner Befragung im Zeugenstand schilderte Daniel Steinhoff, dass Vorstandsmitglieder ihn daran gehindert hätten, dubiose Sachverhalte im Drittpartnergeschäft (TPA) hausintern aufzuklären. „Der TPA-Bereich war stärker abgeschottet als andere. Es war insgesamt ein schwieriges Feld“, antwortete der 40-jährige Volljurist auf Fragen des Vorsitzenden Richters Markus Födisch. Steinhoff hatte von 2013 bis zur Insolvenz für Wirecard in der Rechtsabteilung gearbeitet. Dort war er auch für Compliance zuständig, von Mitte 2019 an in leitender Funktion.

Die interne Abschottung des TPA-Geschäfts hat laut Steinhoff der damalige Vorstand „mit überbordenden Prüfungshandlungen durch EY gerechtfertigt“. Dabei nannte er den damals für den Vertrieb zuständigen Jan Marsalek, Ex-Finanzvorstand Burkhard Ley und dessen Amtsnachfolger Alexander von Knoop.

EY hatte die Jahresabschlüsse von Wirecard geprüft. Erst nach Feststellungen von KPMG im Rahmen einer vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Eichelmann in Auftrag gegebenen Sonderprüfung verweigerte EY im Frühsommer 2020 das Testat für das Jahr 2019. Danach brach das Dax-Mitglied unter der Last hoher Finanzschulden zusammen. Seit dem Kollaps befindet sich Marsalek auf der Flucht. Der Österreicher soll sich Medienberichten zufolge in Russland versteckt halten. Die Staatsanwaltschaft München führt dem Vernehmen nach Ley und von Knoop als Beschuldigte.

Von Aufklärung „abgezogen“

„Es gab keine transparente Darstellung der TPA-Aktivitäten“, gab Steinhoff zu Protokoll. Der Zeuge berichtete von „Auffälligkeiten“ bei den jährlichen „Guidances“, die Ex-Vorstandschef Markus Braun in groben Zügen vorgegeben habe. „Generell auffällig war, dass die Zielvorgaben immer relativ gut erreicht worden sind.“ Dies sei auch der Fall gewesen, als die im Februar 2020 ausgebrochene Pandemie für eine Rezession sorgte. „Mir war nicht klar, dass jede Branche Auswirkungen verzeichnet, aber Wirecard nicht. Begründet wurde das vom Vorstand mit Konzernbereichen, deren Geschäfte gut laufen. Dazu zählte auch der TPA-Bereich.“ Nach eigener Auskunft bezweifelte Steinhoff das. „Schlüssig war das für mich nicht. Zu diesem Zeitpunkt musste ich aber davon ausgehen, dass diese Schilderungen so stimmen.“ Steinhoff zitierte Aussagen eines ehemaligen Kollegen im Finanzwesen, wonach der Konzernchefbuchalter Stephan von Erffa die Zahlen „angepasst“ habe, bis diese mit Brauns „Guidances“ in Einklang gewesen seien.

In dem seit dem 8. Dezember 2022 laufenden Strafprozess sitzen neben Braun und von Erffa auch der frühere Wirecard-Statthalter in Dubai, Oliver Bellenhaus, auf der Anklagebank. Während der Kronzeuge Bellenhaus ein vollumfängliches Geständnis ablegte, bestreitet Braun die Tatvorwürfe. Die Strafermittler werfen dem Trio unter anderem gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Im Juni 2020 stellte sich heraus, dass das TPA-Geschäft nur auf dem Papier bestand. Zuvor hatte es nach Steinhoffs Aussage zu den Zahlen von TPA nur hausintern Excel-Tabellen gegeben. „Es erschien mir eine banale Excel-Datei damals als auffällig.“

Der Zeuge gab an, dass er mehr Transparenz gefordert habe. Als Beispiel nannte Steinhoff die Untersuchungen am Standort Singapur, als dort 2018 Unregelmäßigkeiten festgestellt worden sind. An der Aufklärung sei er, Steinhoff, gehindert worden. Seine Vorgesetzte teilte ihm seinerzeit mit, dass er „auf Wunsch des Vorstands von den Untersuchungen abgezogen“ worden sei. „Mein Eindruck war, dass man darauf abzielte, dass die Sache im Sande verläuft.“

Auf Födischs Vorhaltung, er, Steinhoff, habe sich damals gegenüber einem Kollegen dahingehend geäußert, dass im Unternehmen ein legaler und ein illegaler Teil existiere, gab der Zeuge an, sich daran nicht erinnern zu können. Der Richter zitierte aus den Vernehmungsprotokollen der Staatsanwaltschaft. Zuvor sagte eine Zeugin aus, dass bei Wirecard Compliance „keine besondere Stellung“ hatte.

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