Geldpolitik

Klimawandel stellt EZB vor Herausforderung

Der Fokus auf mehr Nachhaltigkeit könnte das Wirtschaftswachstum in der Eurozone vorübergehend senken und die Inflation über Jahrzehnte erhöhen. Zu diesem Schluss kommt eine auf einer Notenbankkonferenz präsentierte Studie. Nicht zu handeln dürfte jedoch noch höhere ökonomische Kosten verursachen.

Klimawandel stellt EZB vor Herausforderung

Neue Herausforderungen für die EZB

Grüne Transformation der Wirtschaft droht Inflation zu erhöhen – Schocks dürften zunehmen

Der Fokus auf mehr Nachhaltigkeit könnte das Wirtschaftswachstum in der Eurozone vorübergehend senken und die Inflation über Jahrzehnte erhöhen. Zu diesem Schluss kommt eine auf einer Notenbankkonferenz präsentierte Studie. Nicht zu handeln dürfte jedoch noch höhere ökonomische Kosten verursachen.

mpi Frankfurt

Die grüne Transformation der Wirtschaft dürfte in den kommenden Jahren zu einem Produktionsrückgang bei europäischen Unternehmen führen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Dienstag auf einer Konferenz der Oesterreichischen Nationalbank und des Forschungsnetzwerks Suerf präsentiert wurde. Demnach fällt der Output der Firmen mittelfristig um rund einen Prozentpunkt niedriger aus, wenn es der Wirtschaft gelingt, die Pariser Klimaziele einzuhalten – im Vergleich zu einem „Laisser-faire-Szenario“.

„In der langen Sicht sind die Produktionsgewinne jedoch höher“, sagte Frank Smets, einer der Studienautoren und Berater des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB). Laut der Prognose sind die Unternehmen ab dem Ende der 2030er Jahre in einer nachhaltigen Umwelt produktiver als diejenigen im klimaunfreundlichen Szenario.

Strukturell höhere Inflation droht

Ähnlich sieht die Lage mit Blick auf die Inflation aus. Eine grüne Transformation der Wirtschaft führt gemäß der Studie zu einer um rund einen Prozentpunkt höheren Teuerung. Der Abstand zum Laisser-faire-Szenario wird mit den Jahrzehnten jedoch immer geringer. Ab den 2070er Jahren dreht sich dann das Bild, und die Inflation ist im Vergleich niedriger.

Was der Klimawandel und die Reaktion darauf für den natürlichen Zins bedeutet, bei dem die Geldpolitik die Konjunktur weder bremst noch stimuliert, ist laut Smets offen. „Die Unsicherheit ist groß.“ Die EZB geht in ihren Vorhersagen derzeit davon aus, dass der natürliche Zins in den vergangenen Jahren aufgrund von demografischem Wandel, Handelskonflikten, Klimawandel und geopolitischen Krisen gestiegen sein dürfte. Die Notenbank schätzt, dass er nominell zwischen 2 und 2,5% liegen dürfte.

Änderungen in den Modellen

Die Bedeutung des Klimawandels für die Geldpolitik betonte auf der Konferenz auch der französische Notenbankpräsident François Villeroy de Galhau. „Wir Zentralbanken müssen die Folgen des Klimawandels noch stärker in unseren Modellen berücksichtigen“, sagte das EZB-Ratsmitglied. Es sei zentral, die wirtschaftlichen Effekte zu erfassen. „Beim Klimawandel geht es nicht mehr nur um langfristige Risiken.“ Er verwies dabei auf die zahlreichen Dürren und Fluten, die sich in der jüngeren Vergangenheit ereignet haben – wie zuletzt die Hochwasserkatastrophe in Süddeutschland. Diese haben menschliches Leid, aber auch hohe wirtschaftliche Schäden verursacht.

Weiche Landung zeichnet sich ab

Fiorella De Fiore, wissenschaftliche Beraterin der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS), wies in der Konferenz darauf hin, dass sich die Notenbanken zudem darauf einstellen müssten, dass die Zahl der Angebots- und Nachfrageschocks zunimmt. Zudem rechnet sie damit, dass die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern aufgrund des demografischen Wandels dauerhaft höher ist als in der Vergangenheit. In der Folge dürfte das Lohnwachstum höher ausfallen, was den Preisdruck hoch halten dürfte.

Die vom Lohnwachstum angetriebene hohe Dienstleistungsinflation ist derzeit eines der Risiken für die Preisstabilität, die die EZB besonders im Blick hat. Villeroy de Galhau bekräftigte in seiner Rede, dass die Notenbank zuversichtlich ist, das Inflationsziel von 2% im Jahr 2025 zu erreichen, auch wenn es Rückschläge beim Disinflationsprozess geben dürfte. Insgesamt sei die EZB auf einem guten Weg, eine sogenannte weiche Landung zu erreichen. Damit ist eine Rückkehr zur Preisstabilität ohne gleichzeitige Rezession gemeint.

Profitmargen sind Risiko für EZB

Die wirtschaftliche Erholung, die langsam in der Eurozone einsetzt, birgt jedoch auch Gefahren für die EZB. So könnte der Spielraum für weitere Preiserhöhungen für Unternehmen wieder steigen. „Das ist in der Tat eines der potenziellen Aufwärtsrisiken für die Inflation“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einem in mehreren europäischen Medien veröffentlichten Interview. Auch der Chefvolkswirt der Notenbank, Philip Lane, legte am Dienstag in einer Rede den Fokus auf die Profitmargen. „Der anhaltende Rückgang der Stückgewinne wird eine wichtige Rolle dabei spielen, den Desinflationsprozess auf Kurs zu halten.“


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