ESG-Regeln in der Kritik

Mehr Pragmatismus bei Nachhaltigkeitsregeln gewünscht

ESG-Themen prägen die Finanzindustrie. Regulierung, Kosten, Transformation - Diskussion bei Trends in ESG Investing an der Universität Frankfurt.

Mehr Pragmatismus bei Nachhaltigkeitsregeln gewünscht

Mehr Pragmatismus bei Nachhaltigkeitsregeln gewünscht

Finanzprofis sehen ESG-Regulierung zunehmend kritisch – Diskussion am Center for Financial Studies (CFS) an der Universität Frankfurt

wbr Frankfurt

ESG-Themen prägen zunehmend die Entwicklung der Finanzindustrie. Banken, Assetmanager und Corporates sind mit zahlreichen regulatorischen Vorgaben konfrontiert. Wie wirksam, sinnvoll und umsetzbar diese Vorgaben in der Praxis sind, war am Montagabend Thema der Veranstaltung „Trends in ESG Investing“ am Center for Financial Studies (CFS) an der Universität Frankfurt.

Vielen Marktteilnehmer geht mittlerweile die Fülle an Offenlegungspflichten zu weit, sagt Sara Dietz von Hengeler Mueller. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen sei dies ein Problem, aber auch große internationale Konzerne haben mit der Regulierung Schwierigkeiten, so die Einschätzung der Rechtsanwältin. „Wünschenswert wäre mehr Pragmatismus im Bereich ESG und weniger Offenlegung.“ Es müsse auch hinterfragt werden, was die Regulierung kostet. „Wir müssen umdenken beim ESG-Regelwerk“, so Dietz. Zudem könne privates Kapital nicht alles leisten.

Planbarkeit in Gefahr

Für Oliver Behrens, CEO von Morgan Stanley Europe, ist eine gute ESG-Regulierung wie Leitplanken, aber kein Regelwerk, das alles im Detail festschreibt. Aus seiner Sicht wäre es aber auch wichtig, eine Begeisterung für das Thema zu entfachen angesichts der großen Investitionsvolumina, die für die Transformation nötig sind. Auch Behrens sagt, dass die Banken die für die Nachhaltigkeit nötigen, gewaltigen Summen nicht allein stemmen können, sondern private Investoren motiviert werden müssten. „Wichtig ist auch die Planbarkeit für die Finanzbranche und Investoren in Sachen Regulierung“, so Behrens. Bislang müsste man aber als Marktteilnehmer praktisch damit rechnen, dass jeden Tag eine neue Vorschrift um die Ecke komme.

Der Leiter Nachhaltigkeit bei der Deka, Ingo Speich, hat als grundsätzliches Problem ein Marktversagen bei ESG ausgemacht. Grund dafür sei, dass die Laufzeit der Vorstandsverträge kürzer als sei die Laufzeit des Klimawandels. Anders als mancher in der Branche begrüßt Speich die ESG-Regulierung ausdrücklich, sie sei in hohem Maße notwendig. Aber auch er sieht kritische Punkte. Inzwischen bestünde die Gefahr, dass man vom Fokus auf Transparenz zu einer Steuerungslogik komme. Das könnte kontraproduktiv sein, besonders wenn Marktakteure sich bei wirtschaftlichen Tätigkeiten wegen der ESG-Regulierung zurückhalten. „Die Regierung darf die Aktivitäten der Marktteilnehmer nicht ersticken.“

Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr

Aus Sicht von Volker Brühl besteht wenig Hoffnung auf einen nachlassenden Regulierungsdruck beim Thema Nachhaltigkeit. Die Regulierung werde in den nächsten Jahren noch komplizierter werden, weil sehr viele Gesetzesvorhaben zur Umsetzung anstehen, sagte der Geschäftsführer des CFS und Professor für Banking. Das wird viele zusätzliche Berichtspflichten bringen und könnte für die Wettbewerbsfähigkeit in Europa eine enorme Belastung werden, äußerte sich Brühl besorgt. Eine Herausforderung bestehe zudem in der Qualität und Verfügbarkeit von Daten. Seit zwei Jahren operiere man vielfach mit geschätzten Werten und setze diese zur Steuerung ein.

Nachhaltigkeit auch Chance

Unstrittig ist der Handlungsbedarf. Speich verwies auf die exponentiellen Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und hält daher grundsätzlich die Regulierung für richtig. Der Gesetzgeber müsse Unternehmen und Verbraucher antreiben, sich in die richtige Richtung zu bewegen. „Nachhaltigkeit muss man auch als Chance sehen.“ Da helfe Regulierung, aber man müsse dabei auch über den Tellerrand hinausschauen.

Dass man nicht vergessen dürfe, warum man das alles macht, daran erinnerte Johannes Reichel von EQT Private Equity. Letztlich sei Nachhaltigkeit auch für das Geschäft wichtig, Unternehmen mit einem schlechten CO2-Fußabdruck böten eben auch nur geringe Chancen.

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