Bezahlverfahren

GoCardless setzt auf Open Banking

Das Fintech GoCardless will mit Open-Banking-Technologien neue Geschäftsfelder erschließen. Einen Schub erwartet Gründer und CEO Hiroki Takeuchi ebenfalls von der geplanten European Payment Initiative, auch wenn er manche der damit verbundenen Vorhaben als Rückschritt ansieht.

GoCardless setzt auf Open Banking

Von Franz Công Bùi, Frankfurt

Das Payment-Fintech GoCardless aus London hat seit seiner Gründung vor zehn Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung gezeigt. Bei der jüngsten Series-F-Finanzierungsrunde Ende 2020 wurden 95 Mill. Dollar bei einer Bewertung von 970 Mill. Dollar – also kurz unterhalb des Einhorn-Status – eingeworben. Mit dieser Runde hat das Start-up bis dato insgesamt 240 Mill. Dollar an Finanzierungsgeldern eingesammelt.

GoCardless war im Bereich Bank-zu-Bank-Zahlungen gestartet und ist auf digitale Lastschriften, insbesondere auf sogenannte Account-to-Account(A2A)-Zahlungen spezialisiert. Hierfür betreibt das Fintech ein Bank-Debit-Netzwerk, das mit Kredit- und Debitkarten konkurriert. Dessen Payment-Plattform ermöglicht Unternehmen, weltweit wiederkehrende Zahlungen von Kunden auch automatisiert einzuziehen, ohne dass die Firmen Konten in anderen Ländern eröffnen müssen. Mehr als 60000 Unternehmen – darunter multinationale Organisationen, aber auch kleine und mittelständische Firmen – wickeln jährlich über die GoCardless-Plattform Transaktionen in Höhe von 20 Mrd. Dollar in über 30 Ländern ab.

Neben dem Hauptsitz in UK hat GoCardless Niederlassungen in den USA, in Australien, Frankreich und Deutschland. Als GoCardless 2015 hierher expandierte, waren 60 Mitarbeiter im Londoner Büro tätig. In den sechs Jahren seither hat sich die Mitarbeiterzahl global mehr als verzehnfacht. Allein im ersten Halbjahr 2021 verzeichnete das DACH-Team einen personellen Anstieg um 140%, während die Neubuchungen in der DACH-Region im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt (+118%) werden konnten. 2020 hatte das Fintech bereits einen Anstieg der Neubuchungen um 100% verzeichnet. Dabei drohte 2016, ein Jahr nach Vollzug der Expansionsschritte, die anvisierte Entwicklung ins Stocken zu geraten, denn Gründer und CEO Hiroki Takeuchi (35) erlitt infolge eines schweren Verkehrsunfalls eine Querschnittlähmung. Zu diesem Zeitpunkt hatten seine beiden Mitgründer Tom Blomfield und Matt Robinson GoCardless bereits verlassen, um ihre eigenen Start-ups (Monzo und Nested) zu gründen, doch Robinson erklärte sich bereit, das Unternehmen weiter zu führen, bis Takeuchi wieder zurück war. Bereits drei Monate nach dem Unfall übernahm Takeuchi, der schon als Student an der Universität Oxford vom Gründerfieber gepackt wurde und nach Abschluss seines Studiums für fast zwei Jahre bei McKinsey arbeitete, bevor er dann erst mal ins Silicon Valley ging, das Ruder wieder.

Alternative für Kartenzahlung

Mittlerweile setzt GoCardless auf Open-Banking-Technologie, also die Nutzung offener Schnittstellen (APIs), mit denen Entwickler von Drittanbietern Anwendungen rund um Finanzdienstleistungen etwa eines Kreditinstitutes erstellen können. Mit Open Banking Payments will das Fintech eine Alternative auch für einmalige Zahlungen schaffen, bevor ein wiederkehrender Einzug über Bankbuchungen erfolgt. Erstmalige Zahlungen per Bankeinzug können im Durchschnitt zwei bis drei Tage zur Bearbeitung benötigen, wodurch keine sofortige Sichtbarkeit der Zahlungsfreigabe erfolgt. Take­uchi zufolge zwinge das viele Händler dazu, für die erste Transaktion eines Kunden auf Kartenzahlungen, die oft mit hohen Gebühren verbunden sind, oder aufwendige manuelle Überweisungen auszuweichen.

Open Banking ermöglicht nun die sofortige Bestätigung der Zahlung für Händler. Dadurch sollen kostspielige Kreditkartengebühren eliminiert und Zahlungsverzögerungen reduziert werden. Aus Takeuchis Sicht hat die breite Einführung von Open Banking das Potenzial, eine Alternative zu den Debit- und Kreditkartennetzwerken zu schaffen, die den Zahlungsverkehr dominieren. Die vor wenigen Wochen erfolgte Übernahme des schwedischen Fintechs­ Tink für 1,8 Mrd. Euro durch Visa sei ein Zeichen dafür, dass das Kreditkartenunternehmen sich darauf vorbereitet. „Diese Open-Banking-Initiativen gewinnen sehr schnell an Reife und Dynamik und werden zu einer echten Alternative zur Karteninfrastruktur und den Kartennetzwerken“, zeigte sich Take­uchi jüngst gegenüber dem „Wall Street Journal“ überzeugt.

Das im April von GoCardless eingeführte Open-Banking-Feature „In­stant Bank Pay“ soll Unternehmen eine Möglichkeit bieten, wiederkehrende Zahlungen und Sofortzahlungen von neuen und bestehenden Kunden über eine einzige Plattform einzuziehen. Dabei wird das globale Zahlungsnetzwerk von GoCardless für Lastschriften mit der Open-Banking-Technologie verknüpft, damit Firmen sofortige, einmalige Bank-zu-Bank-Zahlungen von neuen und bestehenden Kunden annehmen und gleichzeitig das Lastschriftverfahren für ihre wiederkehrenden Zahlungen nutzen können.

Mit der Einführung von Instant Bank Pay will GoCardless ihr Angebot auf den angrenzenden E-Commerce-Markt ausweiten, wo es sowohl einmalige als auch „Card on File“-Zahlungen (wiederkehrende Transaktionen via Kreditkarte) übernehmen kann, so dass Unternehmen jede Art von Zahlung über GoCardless annehmen und so über Zahlungen für Abonnements, Rechnungen und Raten hinausgehen können sollen, unabhängig davon, ob der Händler eine laufende oder einmalige Beziehung zu seinen Kunden hat.

Instant Bank Pay ließe sich direkt in den Check-out-Flow einbauen. Alternativ könnte auch eine Zahlungsanforderung mit einem Link zur Zahlung gesendet werden. Ähnlich wie bei einer Mobile-Wallet-Zahlung seien die Bezahlenden nahtlos mit ihrer Bank verbunden und könnten mit wenigen Klicks eine Zahlung direkt von ihrem Bankkonto autorisieren. Und über einen globalen Zugang zu Open-Banking/PSD2-Lösungen und vergleichbaren internationalen Regularien für Unternehmen könnten Firmen internationale Zahlungseinzüge von bestehenden Bankkonten in der jeweiligen lokalen Währung ermöglichen.

Für Takeuchi ist ein wesentliches Argument für die Einführung verschiedener Bezahlmethoden, dass viele Unternehmen bei internationalen Produkteinführungen an ihre Grenzen stoßen würden, wenn sie hinsichtlich unterschiedlicher Zahlungsmethoden nicht länderspezifisch denken. Eine von GoCardless bei Yougov in Auftrag gegebene Befragung unter 15000 Verbrauchern in den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Australien über die für wiederkehrende Zahlungen im Haushalt zum Einsatz kommenden Verfahren habe deutliche Unterschiede aufgezeigt. Während die eine Nation ihre Käufe gerne per Kreditkarte abschließt, präferiert die andere die Zahlung per Lastschrift, wie zum Beispiel in Deutschland (siehe Grafik). In Nordamerika liegt dieses Verfahren hingegen an zweiter Stelle. Einen weiteren Schub erwartet Takeuchi mit der Einführung der European Payment Initiative (EPI), zu der vor einem Jahr 16 Großbanken aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Spanien und den Niederlanden den Startschuss gegeben hatten. Dieses europaweite Zahlungssystem zielt auf einen einheitlichen Rahmen für Zahlungsarten per Karte, digitaler Wallet, In-Store-Käufe, Online- und Peer-to-Peer-Zahlungen sowie für Barabhebungen ab.

Damit soll die derzeitige fragmentierte Landschaft von 13 nationalen Systemen für Karten-, Online- und mobile Zahlungen durch ein einheitliches, unabhängiges Karten- und digitales Geldbörsen-System für Europa ersetzt werden. Dabei sollen die herkömmlichen Karten durch eine „EPI-Karte“ ersetzt werden, die auch Sofortzahlungen unterstützt.

Viele Banken sind dabei

Diesen Vorstoß, eine Alternative zu Kartenunternehmen wie Visa und Mastercard sowie zu den Payment-Initiativen großer Tech-Unternehmen zu entwickeln, unterstützen neben den französischen Instituten BNP Paribas, Groupe BPCE, Crédit Agricole, Crédit Mutuel, La Banque Postale und Société Générale die spanischen Häuser BBVA, Santander und Caixabank, Italiens Unicredit, die niederländische ING sowie Belgiens KBC. Aus Deutschland sind die Commerzbank, Deutsche Bank, die DZBank sowie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) beteiligt. Insgesamt rund zwei Dutzend Banken und Zahlungsdienstleister aus Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Italien, Polen, Finnland und Spanien gehören aktuell der europäischen Zahlungsinitiative an.

Vorgesehen ist, dass diese Zahlungsinitiative 2022 den ersten Marktauftritt mit Person-to-Person-Zahlungen (P2P) starten soll. Experten erwarten, dass es drei bis fünf Jahre dauern wird, bis die erforderliche Infrastruktur steht und EPI in der breiten Masse angekommen ist. Hierfür wird mit Investitionen von mehreren Milliarden Euro gerechnet.

Takeuchi geht davon aus, dass eine einheitliche digitale Zahlungslösung, die überall in Europa genutzt werden kann, viele Vorteile für Unternehmen und Verbraucher bringen kann, wenn sie gut umgesetzt wird. Kritisch sieht er jedoch den Ansatz einer paneuropäischen Karte – wenig verwunderlich angesichts der Namensgebung seines Start-ups GoCardless: „Wir denken, dass dies angesichts der zukünftigen Ausrichtung des Zahlungsverkehrs ein großer Schritt zurück ist. Die Initiative hat die richtigen Absichten, aber ihr Ehrgeiz, eine neue Karte einzuführen, ist unzeitgemäß.“

Sein Argument: „Karten wurden in einer Offline-Welt entwickelt, und obwohl das tägliche Leben zunehmend digitalisiert wurde, haben sie sich im Vergleich zu ihrem Vorgänger aus den 1950er Jahren kaum weiterentwickelt. Abgesehen von der Einführung einer digitalen Karte bleiben die Kernprinzipien dieser Zahlungsart – wie revolvierender Kredit, das ‚Fünf-Parteien-Modell‘ und begrenzte Gültigkeit in Form des gefürchteten ‚Verfallsdatums‘ – bestehen.“

Diese Attribute würden zwar den Präferenzen der Bezahlenden nicht widersprechen, doch würden sie unnötige Kosten für die Unternehmen, die sie nutzen, verursachen. Und letztlich seien sie ein Ärgernis für die Verbraucher, die zunehmend nahtlose Zahlungserfahrungen er­warten. Folglich zeigt er sich überzeugt, dass Konto-zu-Konto-Zahlungen über Plattformen wie GoCardless, die in der Cloud entwickelt wurden, am besten für die heutige Welt geeignet sind.

Eine weitere Finanzierungsrunde ist Takeuchi zufolge in naher Zukunft nicht vorgesehen: „Nach unserer 95-Mill.-Dollar-Finanzierung­ im De­zember sind wir gut aufgestellt, um unsere Open-Banking-Ambitionen zu verfolgen.“ Zu den Investoren zählen unter anderem Salesforce Ventures, GV (ehemals Google Ventures), Accel, Balderton und Bain Capital Ventures. Informationen über die Anteilseignerstruktur gibt GoCardless nicht öffentlich bekannt.

Zu den wichtigsten Partnern zählen international Xero, Sage, Zuora, Recurly und Salesforce. Unter den Kunden befinden sich multinationale Firmen wie Docusign oder Epson, schnell wachsende SaaS-Dienstleister wie 8×8 oder aufstrebende Unternehmen wie Lition, Brompton Bike Hire oder Mobox von Bridgestone.

Für einen Exit via Börsengang oder Verkauf gibt es indes ebenfalls im Moment keine Pläne: „Wir konzentrieren uns auf die Umsetzung unserer Strategie. Wir glauben, dass Open Banking eine einmalige Gelegenheit ist, eine Chance, die Art und Weise, wie wir alle bezahlen, grundlegend zu verändern – die Nutzung dieser Technologie, um bessere Resultate für unsere Kunden zu erzielen, hat für uns höchste Priorität.“