Powell und das Zinsdilemma
Von Peter De Thier, WashingtonVor dem Hintergrund geringeren Wirtschaftswachstums und globaler Konjunkturaussichten, die sich weiter eingetrübt haben, wird die US-Notenbank kommende Woche aller Voraussicht nach die zweite Leitzinssenkung in diesem Jahr beschließen. Wie aus dem viel beachteten Fed Watch Tool der Termin- und Optionsbörse CME Group hervorgeht, liegt die Wahrscheinlichkeit einer Herabsetzung der Fed Funds Rate um weitere 25 Basispunkte bei fast 90 %. Auch haben gut informierte Quellen innerhalb der Fed gegenüber US-Medien bestätigt, dass die monetäre Lockerung schon ausgemacht ist und mindestens eine weitere im laufenden Kalenderjahr folgt.Leicht wird diese Entscheidung Notenbankchef Jerome Powell und seinen Kollegen im Lenkungsgremium der Zentralbank aber nicht fallen. So gehen teilweise widersprüchliche Signale von den wichtigsten Eckdaten aus. Laut Powell ist mittlerweile längst nicht mehr zunehmender Preisdruck, sondern vielmehr “niedrige Inflation das Problem dieser Ära”.In der Tat liegt die Teuerungsrate an der Kernrate des PCE Index, dem bevorzugten Inflationsmaß der Währungshüter, die im Juli bei nur 1,6 % lag, recht deutlich hinter dem zweiprozentigen Inflationsziel zurück. Gleichwohl sehen Ökonomen in zuletzt wieder steigenden Löhnen einen Vorboten höherer Inflation, welcher sich die Fed nicht verschließen dürfe.Fehlen tut es im Gegensatz zu früheren Entscheidungen auch an einem einstimmigen Konsens, welcher in der Regel Beschlüsse des Offenmarktausschusses prägte. So halten Esther George, die Präsidentin der Federal Reserve Bank von Kansas City, und Patrick Harker, Chef der regionalen Notenbank von Philadelphia, Zinssenkungen im aktuellen Umfeld für unnötig.Ganz anders beurteilt hingegen James Bullard, Vorsitzender der Fed von St. Louis, die Lage. Er verweist auf die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des Handelskonflikts mit China sowie die inverse Zinskurve und verlangt eine “aggressive” Senkung des Zinses um 50 Basispunkte. Dass Handelskonflikte auch in dem Entscheidungsprozess der Währungshüter Berücksichtigung finden werden, signalisierte zuletzt auch kein geringerer als Powell selbst.Dabei ist dessen Ausgangsposition anders als die jedes anderen Fed-Vorsitzenden in der Geschichte. So hatte Anfang der 1970er Jahre der damalige US-Präsident Richard Nixon mit Erfolg versucht, den damaligen Fed-Vorsitzenden Arthur Burns zu Zinssenkungen zu überreden, um die eigenen Chancen für eine Wiederwahl zu erhöhen. Damit wurde der Weg gepflastert für desaströse, zweistellige Inflationsraten. Einen solchen Druck, wie ihn der amtierende US-Präsident Donald Trump zurzeit auf die Fed ausübt, hat es in der Geschichte aber noch nicht gegeben. Zuletzt beschimpfte er Powell und die übrigen Währungshüter als “ahnungslos” und “Dummköpfe”. Allein sie seien schuld, wenn die US-Wirtschaft sich weiter abschwächen sollte.Powells schwierigste Herausforderung wird kommende Woche daher darin bestehen, die Märkte zu überzeugen, dass er sich dem politischen Druck nicht gebeugt hat und jede geldpolitische Entscheidung allein ökonomisch motiviert war.