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Kommentar: HSBC free

Gefährdetes Gleichgewicht

Versuchte sich die britische Großbank HSBC im Handelsstreit zwischen Washington und Peking noch an einem riskanten Balanceakt, droht sie nun das Gleichgewicht zu verlieren. Der lang erwartete Ausstieg aus dem US-Retailgeschäft wäre, sollte er mit den Geschäftszahlen für 2020 verkündet werden, zwar kein Abschied von den Vereinigten Staaten. Schließlich könnte das Institut ohne Zugang zu Dollarliquidität seine Rolle bei der Handelsfinanzierung nicht wahrnehmen. Doch verlagert sich dadurch der Schwerpunkt des Geschäfts der Gruppe immer mehr nach Ostasien.

Die Coronavirus-Pandemie hat zur Beschleunigung dieser schon vor Jahren zur Strategie erklärten Tendenz beigetragen. Das Management setzt auf Expansion im südchinesischen Perlflussdelta, wo die Wirtschaft deutlich schneller wächst als im Rest der Volksrepublik. Es wird sogar darüber spekuliert, dass für einen Großteil des Geschäfts verantwortliche Topmanager in den kommenden Monaten in die ehemalige Kronkolonie Hongkong übersiedeln könnten, in der Peking mittlerweile durchregiert.

Das Geschäftsmodell der Bank funktioniert aber nur, wenn sie sich in einer zunehmend polarisierten Welt nicht auf eine Seite festlegt. Denn als eines der Institute, das den Welthandel finanziert, ist HSBC darauf angewiesen, dass sich die Globalisierung fortsetzt. Doch von denjenigen, die von Chinas Wachstum profitieren wollen, wird inzwischen mehr verlangt als eine kritiklose Haltung zur Politik der Kommunistischen Partei. Wie der Streit um das Hongkong aufgezwungene neue Sicherheitsgesetz zeigte, fordert Peking nunmehr aktive Unterstützung ein.

Die Hoffnung auf satte Gewinne hat deshalb einen hohen Preis. Vor kurzem erlitten die Anwälte von Meng Wanzhou, der Tochter des Huawei-Chefs, in Großbritannien Schiffbruch, als sie die Herausgabe von HSBC-Unterlagen mit juristischen Mitteln erzwingen wollten. Ihnen ging es um Beweismaterial zur Verhinderung der Auslieferung Mengs an die Vereinigten Staaten. Nach ihrer Festnahme in Vancouver hatte China zwei Kanadier inhaftiert, um Druck auf Premier Justin Tru­deau auszuüben. HSBC-Manager sollten sich fragen, ob es ihnen in Hongkong nicht genauso ergehen könnte, wenn sich das Drama um die rote Prinzessin weiter fortsetzt. Es dürfte zudem schwer sein, in innerparteilichen Machtkämpfen immer auf der Gewinnerseite zu stehen.

Die stärkere Hinwendung zu China ist mit großen Risiken verbunden. Kurzfristig erzielbare Gewinne wiegen das nicht auf.

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