Ukraine-Krieg

Erstaunliche Erholung vom Schock

Der Ukraine-Krieg hat die Aktienkurse in den Keller rutschen und die Energiepreise stark steigen lassen. Inzwischen hat sich die Lage aber fast überall wieder in einem erstaunlichen Maße erholt.

Erstaunliche Erholung vom Schock

kjo/ku/wrü Frankfurt

Der Ausbruch des Ukraine-Kriegs hat an den internationalen Finanz- und Rohstoffmärkten Schockwellen ausgelöst. Die Rohstoffpreise explodierten, Aktienkurse gingen in die Knie, die Notenbanken mussten der völlig aus dem Ruder laufenden Inflation eine Politik ungewöhnlich stark ausgeprägter Leitzinsanhebungen entgegensetzen, was die Bondrenditen in den Höhe trieb. Ein Jahr nach Kriegsbeginn hat sich auf vielen Märkten die Lage aber wieder be­ruhigt, was vor einem Jahr kaum jemand für möglich gehalten hätte. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

Hohe Abhängigkeit von Gas

Der Dax steht inzwischen um 5,1% über dem Niveau vor Jahresfrist, als am 24. Februar 2022 Russland in die Ukraine einmarschierte. Den Tag zuvor hatte der Dax nämlich mit 14631 Zählern geschlossen. Mit Kriegsbeginn ging es für das deutsche Börsenbarometer aber steil abwärts. Gleichzeitig schnellten die Energiepreise steil nach oben. Hierzulande kamen Ängste auf, dass die Gasversorgung im Winter nicht mehr gewährleistet werden könne, war doch die Abhängigkeit von russischem Gas in Deutschland hoch. Sorgen vor einer schweren Rezession machten sich breit und der Dax fiel bis auf ein Tief von 11976 Punkten am 29. September. Ein weiteres Durchsacken des Dax bis auf 10000 Zähler galt damals als gut möglich.

Insgesamt war 2022 schließlich ein extrem schlechtes Jahr für Aktienanleger. Doch warum hat der Dax seit seinem Tief im September satte 28,3% und in diesem Jahr bereits 10,4% zugelegt? Dafür gibt es gute Gründe. Vor allem die Energiepreise haben sich deutlich ermäßigt. Hinzu kommt, dass die vielfach befürchtete schwere Rezession ausgeblieben ist. Die Fundamentals und auch die Erwartungen haben sich insgesamt merklich gebessert. „Eine Gasmangellage in diesem Winter ist unwahrscheinlich geworden, denn in wenigen Wochen kehrt der Frühling ein und bis dahin reichen die Bestände“, sagt denn auch Gertrud R. Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba. „Bessere Perspektiven gibt es derzeit nicht nur beim Wetter. Zahlreiche Konjunkturindikatoren haben die Trendwende vollzogen und eine Aufwärtsbewegung im Laufe des Jahres 2023 zeichnet sich ab.“

Auch wenn die Notenbanken die Leitzinsen zunächst einmal weiter straffen werden, so ist wahrscheinlich, dass die Zinserhöhungen in diesem Jahr ein Ende haben. Danach dürften dann Zinssenkungen folgen. Dies ist ein Szenario, das zusammen mit steigenden Unternehmensgewinnen den Dax weiter nach oben treiben dürfte. „Wir haben den Verlauf unserer Aktienprognosen angepasst und erwarten nunmehr im Laufe des Jahres historische Höchststände“, erklärt Traud. „Das Jahresendziel von 16000 Punkten beim Dax bleibt jedoch bestehen.“

Die Notierungen der Energieträger waren bereits vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs teilweise deutlich gestiegen, und zwar aus verschiedenen Gründen. So notierte die führende Rohölsorte Brent Crude, die im April 2020 zeitweise unter 20 Dollar je Barrel gefallen war, am 23. Februar 2022, am Tag vor Kriegsausbruch, zu mehr als 96 Dollar. Dazu trug bei, dass auch vor dem russischen Einmarsch die Spannungen zwischen den USA und der EU auf der einen Seite und Russland auf der anderen Seite bereits stark zugenommen hatten. Als sich nach Kriegsbeginn dann klar abzeichnete, dass der Westen einen mehr oder weniger kompletten Boykott russischen Öls anstrebt, kletterte die Brent-Notierung am 8. März bis auf fast 130 Dollar. Der aktuell vergleichsweise niedrige Stand des Ölpreises bei rund 81 Dollar ist vor allem auf die globale Konjunkturschwäche zurückzuführen. Allerdings spielt auch eine Rolle, dass die EU ihren Boykott russischen Öls keineswegs so ernst meint, wie sie ihn angekündigt hat. So werden nach wie vor große Mengen russischen Öls importiert, teilweise in Form von Ölprodukten aus den Raffinerien von Drittländern.

Markteingriffe der EU

Bei den europäischen Preisen für Erdgas hatte bereits die unter anderem durch Markteingriffe der EU ausgelöste europäische Energiekrise für einen Anstieg von rund 20 Euro je Megawattstunde auf 60 bis 80 Euro vor Kriegsbeginn gesorgt. Ab Juli wurden dann die Gasmengen über die Pipelines immer weiter reduziert, mit der Folge, dass am 26. August 2022 mit mehr als 345 Euro ein Rekordhoch erreicht wurde, das um das 17-Fache über dem zwei Jahre vorher üblichen Preis lag. Dass der Gaspreis inzwischen auf knapp über 50 Euro gesunken ist, lässt sich auf das ungewöhnlich milde Winterwetter zurückführen, aber auch darauf, dass die Nachfrage nach Flüssiggas in Asien hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Mit der konjunkturellen Erholung in China werden die Karten für die nächsten Winter allerdings neu gemischt.

In Schockstarre verfielen zunächst auch die Fixed-Income-Märkte in der Folge des Einmarsches. Das Emissionsgeschäft am europäischen Anleiheprimärmarkt kam komplett zum Erliegen. Allerdings konnte auch eine rasche Erholung in der Folgezeit registriert werden. Einen substanziellen Einfluss im Sinne einer Beeinträchtigung hatte der Ukraine-Krieg auf den europäischen Bondprimärmarkt somit nicht. Am Sekundärmarkt der europäischen Staatsanleihen war zunächst eine Flucht in den sicheren Hafen der Bundestitel zu beobachten, die die Renditen der Papiere enorm nach unten drückte. Anschließend normalisierte sich aber auch hier die Lage, und die Bundrenditen stiegen inflationsbedingt wieder an.

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