Gastkommentar

Großbritannien zwischen Ernüchterung und Zinsobsession

Im Gastkommentar zeigt Jan Viebig, CIO von Oddo BHF, auf, dass der Brexit wahrscheinlich der größte politische Fehler war, den Großbritannien nach 1945 begangen hat. Gleichwohl gibt es Chancen für Investoren.

Großbritannien zwischen Ernüchterung und Zinsobsession

UK zwischen Ernüchterung und Zinsobsession

Jan Viebig

CIO Oddo BHF SE

Die hohen Zinsen in Großbritannien (UK) führen zu seltsamen Auswüchsen. Im Fernsehen wird gezeigt, wie Andrew Bailey, der Gouverneur der britischen Zentralbank, Kindern erklärt, welche Folgen die steigenden Zinsen für ihre Eltern hätten. Britische Medien sprechen schon davon, dass die Zinsen eine „nationale Besessenheit“ auslösen. Und man diskutiert heftig, ob der Brexit eine gute Idee war. Den Briten wurde versprochen, dass mit dem Brexit so ziemlich alles besser würde. Das nationale Gesundheitssystem NHS sollte mehr Geld bekommen und die Wirtschaft neuen Schwung.

Jetzt ist Ernüchterung eingetreten: Die Inflation ist höher als in der Eurozone. Im Mai lag der Anstieg der Verbraucherpreise in Großbritannien mit 8,7% deutlich über der Teuerungsrate von 5,5% in der Eurozone. Vor allem die britische Kerninflation bereitet Sorgen: Sie ist im Mai von 6,8% auf 7,1% gestiegen.

Nährboden für Inflation

Die wichtigsten Komponenten der Inflation entwickeln sich in Großbritannien und der Eurozone ähnlich. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass sich in Großbritannien durch den Brexit der Arbeitskräftemangel verschärft hat. Die Zahl offener Stellen liegt bei mehr als einer Million. Außerdem gehen die Löhne trotz eines brexitbedingten Rückgangs der Arbeitsproduktivität in die Höhe. Das ist der Nährboden für Inflation, den sich die Briten mit dem Austritt aus der EU selbst bereitet haben. Dementsprechend liegen die Zinssätze über denen der Eurozone: Die Bank of England setzte den Leitzins Ende Juni auf 5,0% hoch. Der Hauptrefinanzierungssatz der EZB liegt bei 4,0%. „Großbritannien pfeift aus dem letzten Loch“, rief Stephen Flynn, Fraktionsführer der schottischen Nationalpartei, genüsslich im Parlament. Man muss sich dieser Formulierung nicht anschließen, und dennoch ist der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wahrscheinlich der größte politische Fehler, den das Land nach 1945 begangen hat. Der britischen Bevölkerung wird nun die Rechnung vorgelegt.

Der Brexit hat nicht wie versprochen die Wirtschaft angekurbelt. Im Gegenteil, er lähmt sie. Die britische Wirtschaft wird im laufenden Jahr 2023 nach Einschätzung der OECD nur um 0,3% wachsen und 2024 voraussichtlich um 1%. Mit seinem wichtigsten Handelspartner, der EU, hat Großbritannien durch den Brexit de facto Handelsbeschränkungen eingeführt. Dieser Fehler trifft den Außenhandel hart.

Ungeachtet der schlechten Wirtschaftsverfassung wird die Bank of England die Leitzinsen sehr wahrscheinlich weiter und stärker als die EZB anheben müssen. Alles deutet darauf hin, dass die Inflation noch lange und deutlich das Inflationsziel der britischen Zentralbank von 2% überschreiten wird. Zudem weitet sich die Produktionslücke aus. Diese zeigt, wie stark ein Land das Produktionspotenzial seiner Wirtschaft nutzt. Die OECD erwartet, dass im laufenden Jahr 2023 die realisierte Produktion um 2,4% unter ihrem Potenzial liegen wird. Das bringt die Notenbank in einen Zwiespalt: Zur Schließung der Produktionslücke müsste sie die Zinsen senken. Dem steht jedoch ein Zinserhöhungsdruck wegen der hohen Inflation und einem heiß gelaufenen Arbeitsmarkt entgegen. Vielleicht ist also die Fixierung der Briten auf die Zinsen nicht nur Ausdruck von vermeintlicher Besessenheit. Auf eine mögliche Rezession deutet auch die inverse Zinsstruktur hin. Die Bank of England wird wohl mit kräftigen Zinsanhebungen auf die hohe Inflation reagieren und nicht versuchen, eine Rezession abzuwenden.

Die Versuchung ist groß, in Schadenfreude über den misslungenen Austritt aus der EU zu verfallen. Das wäre aus Investorensicht verfehlt. Denn der britische Aktienmarkt bietet ungeachtet der verheerenden wirtschaftlichen Folgen des Brexits attraktive Bewertungen. Auch am britischen Aktienmarkt finden sich Unternehmen, die eine geringe Verschuldung, ein solides Geschäftsmodell und eine gut einschätzbare Geschäftsentwicklung bieten. Zudem bieten auch britische Staatsanleihen interessante Renditen. Man sollte jedoch nicht in „Besessenheit“ verfallen, da schließlich die Währungsseite und die weitere Zinsentwicklung zu beobachten sein werden.

BZ+
Jetzt weiterlesen mit BZ+
4 Wochen für nur 1 € testen
Zugang zu allen Premium-Artikeln
Flexible Laufzeit, monatlich kündbar.