Ingeborg Schumacher und Peter Jeggli

„Oft sehr vage und unkonkret“

Ingeborg Schumacher und Peter Jeggli vom Schweizer Anbieter ESG-AM wollen mit diversen Fixed-Income-Strategien auf den Markt kommen. Bei Green Bonds seien sie dagegen kritisch.

„Oft sehr vage und unkonkret“

Wolf Brandes.

Frau Schumacher, Herr Jeggli, Sie verfolgen ESG-Ansätze in unterschiedlichen Rentenstrategien. Warum ist es besser, die Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung im Asset Management nicht aggregiert zu bewerten, sondern einzeln einzustufen?

Schumacher: Das liegt unter anderem an den ESG-Ratings, die wir nach verschiedenen Dimensionen bewertet haben und die bezüglich Verfügbarkeit, Services und inhaltlicher Qualität sehr unterschiedlich sind. Wir haben häufig beobachtet, dass sich klare Ausprägungen auf der ökologischen, sozialen und Governance-Seite im Gesamtrating wieder ausgeglichen haben. Das spricht für unterschiedliche Strategien und eine spezifische Ausrichtung.

Sie meinen die High-Yield-Strategie, die auf soziale Faktoren ab­zielt; die Klimastrategie für liquide Unternehmensanleihen und eine kombinierte Strategie.

Jeggli: Es mag ungewöhnlich sein, unterschiedliche Fixed-Income-Strategien mit unterschiedlichen ESG-An­sätzen zu verbinden. Es wird aber der Komplexität des Themas gerecht und das zeigt sich auch bei den Nachhaltigkeitszielen der UN. Zusätzlich können die einzelnen Strategien auf konkrete SDGs ausgerichtet werden. Dadurch können wir eine gezielte Wirkung erzielen.

Was macht die drei Strategien konkret aus?

Schumacher: Bei der Konstruktion der Strategien gibt es unterschiedliche Ansätze. Beispielsweise stehen bei der High-Yield-Strategie soziale Faktoren im Vordergrund. Wir haben hier drei Blöcke identifiziert: Gender und Diversity, Humankapital und faire Arbeitsbedingungen im Rahmen der Lieferketten. Bei der Klimastrategie konzentrieren wir uns auf Firmen, die den Übergang zu Netto-Null-Emissionen vorantreiben. Die Multi-Credit-Strategie kombiniert beide Ansätze. In allen drei Fällen bleiben es weiterhin breit diversifizierte Portfolios, die sich an konventionellen Benchmarks messen.

High Yield und sozialer Fokus klingt etwas exotisch…

Jeggli: Es qualifizieren sich nur Unternehmen, die nach unseren sozialen Kriterien als „gut“ eingestuft werden. Gleichwohl kreieren wir ein Portfolio, das hinsichtlich Rendite und Risiko vergleichbar ist mit traditionellen Portfolios. Es geht nicht nur darum, mit ESG-Faktoren das Risiko von Hochzinsanleihen zu reduzieren, sondern auch die Opportunitäten zu ergreifen.

Verwenden Sie bei den Portfolios Ausschlusskriterien?

Schumacher: Bei den Ausschluss­kriterien orientieren wir uns am FNG-Sie­gel, das mittlerweile Konsens im deutschsprachigen Raum ist. Dieses geht weit über das hinaus, was viele Assetmanager nutzen und schneidet die Emittenten in jenen Geschäftsbereichen heraus, die von vielen Stakeholdern als kontrovers wahrgenommen werden.

Schließen Sie Unternehmen aus dem Energiesektor oder dem Bergbau aus?

Schumacher: Beim FNG-Siegel geht es um besonders kontroverse Energien wie den Abbau von Kohle, das Fracking und die Atomenergie. Es gibt keinen kompletten Ausschluss von fossilen Energien.

Wie halten Sie es mit besonders CO2-intensiven Branchen wie zum Beispiel Stahl und Zement?

Jeggli: Bei unserer Klimastrategie geht es darum, eine CO2-Reduktion durch unseren Ansatz zu erzielen. Dies im Unterschied zu Strategien, die auf Tech-Werte mit geringen Emissionen setzen, wie etwa Google und Amazon. Wir gehen wir einen anderen Weg: Wir investieren auch in Firmen in CO2-intensiven Branchen, die ambitionierte Klimaziele verfolgen. So erzielt man eine größere Wirkung.

Welche Rolle spielen Green Bonds in Ihren Ansätzen?

Jeggli: Seit 30 Jahren lese ich Emissionsprospekte und bei Green Bonds ist das eine sportliche Übung. Die Aussagen sind oft sehr vage und unkonkret. Zudem ist keine Additionalität vorgeschrieben, dass es sich also um zusätzliches Kapital für Umweltprojekte handelt. Damit ist eine ergänzende Finanzierungswirkung nicht zwingend. Daher beurteilen wir das Segment kritisch und schauen sehr genau auf die Qualität. Auf der anderen Seite können Green Bonds in manchen Sektoren hilfreich sein, insbesondere dort, wo wegen Ausschlusskriterien nicht direkt investiert werden kann. Grundsätzlich begrüßen wir diese Dynamik.

Wie sieht es mit Prämien in dem Segment der Green Bonds aus?

Jeggli: Es gibt Zeiten, in denen das Marktsegment ein Agio aufweist. Dann findet sich auch schon mal ein „Free Lunch“. Manchmal gibt es auch Anomalien, die wir nutzen können. Wir gehen also bei Green Bonds pragmatisch vor und bevorzugen sie in keiner Weise. Interessanter ist eine Sonderform, die Sustainability-Linked Bonds, bei denen es eine Strafzahlung in Form höherer Coupons für die Investoren gibt, wenn Firmen ihre Ziele nicht erreichen. Dort sind die Bedingungen sehr spezifisch und werden jährlich geprüft.

Wie wichtig ist die Klassifizierung nach Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung für Sie?

Schumacher: Sehr wichtig. Nachhaltigkeit ist in unseren Firmenwerten fest verankert. Wir wollen die Unternehmen im Transformationsprozess unterstützen und so eine positive Wirkung erzielen. Wir gehen im Bereich der Nachhaltigkeit wirklich weit. Es reicht nicht, ein Produkt mit dem Label „Klima“ zu bezeichnen, sondern es muss eine überzeugende Strategie dahinterstecken.

Das Interview führte

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