Warum verliert der Rubel so rasant an Wert?
Warum verliert der Rubel so rasant an Wert?
Rückgang des russischen Außenhandelsvolumens macht Währung zu schaffen – Auch Prigoschin-Affäre belastet
Von Eduard Steiner, Moskau
Im Vorjahr verblüffend stark, sackte die russische Währung zuletzt rapide ab. In Russland kursieren bereits Verschwörungstheorien. Die Zentralbank verwahrt sich dagegen und nennt die neue, brisante Situation im Außenhandel als wichtigste Ursache. Über einen weiteren Grund spricht das offizielle Russland allerdings nicht so gern.
Der Sommer lässt sich für die russische Währung alles andere als gut an. Gewiss, dem Großteil der Bevölkerung wird auch das nicht ganz so wichtig sein, weil sie sich ohnehin schon von Importprodukten entwöhnt hat und keine Auslandsreise plant – denn abgesehen von kriegsbedingt eingeschränkten Möglichkeiten haben vier Fünftel der Bürger keinen internationalen Reisepass. Aber für den Rest ist der Zustand des Rubel besorgniserregend. Und ganz allgemein weckt die Situation Erinnerungen an die Zeit nach Beginn des Ukraine-Krieges Ende Februar 2022. Ende März 2022 war die russische Währung zum letzten Mal so wenig wert wie jetzt.
Am Donnerstag sackte der Kurs bereits auf mehr als 102 Rubel je Euro ab. Für einen Dollar waren schon über 93 Rubel zu berappen. Damit hat der Rubel seit Jahresbeginn um knapp 20% gegenüber dem Dollar und um mehr als 21% gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung abgewertet.
Straffere Geldpolitik
Wie anderen Schwellenländerwährungen setzt auch dem Rubel die straffere Geldpolitik der US-Notenbank Fed sowie der Europäischen Zentralbank zu. Die jüngste Rasanz der Rubel-Abwertung aber lässt sich damit allein nicht mehr erklären.
Schon kursieren in Russland Verschwörungstheorien, auf die nun sogar die Chefin der dortigen Zentralbank, Elvira Nabiullina, zu reagieren begann. Die Verschwörungstheorien gingen fast schon von einer absichtlichen Kursschwächung aus, um etwa die Budgeteinnahmen zu erhöhen, sagte sie am Donnerstag auf einem internationalen Finanzkongress, der von der Zentralbank organisiert worden war.
In der Tat hat der russische Staat ein Finanzproblem, sind doch die Budgeteinnahmen in den ersten fünf Monaten des Jahres aufgrund des Preisdeckels beim Ölexport implodiert, während die Ausgaben, von denen ein Drittel geheim gehalten wird und großteils in Rüstung bzw. den Krieg fließt, um 27% explodiert sind.
Überschuss geschrumpft
Der Hauptgrund für die Rubel-Abwertung sei in der Dynamik des Außenhandels zu suchen, stellte Nabiullina klar. „Sie bestimmt die Bewegung des Wechselkurses.“ Und sie sieht so aus, dass der fette Handelsbilanzüberschuss des Jahres 2022 dieses Jahr extrem geschrumpft ist. Konkret hatte der Handelsbilanzüberschuss 2022 russischen Zolldaten zufolge den Rekordwert von 332 Mrd. Dollar erreicht, weil die Exporterlöse aufgrund der hohen Öl- und Gaspreise stark zugenommen hatten, während der Import sanktionsbedingt eingebrochen war.
Zunächst stark gefallen
Das hatte – im Verein mit zweistelligen Zinssätzen der Zentralbank – auch den Rubel, der kurz nach Kriegsbeginn Mitte März 2022 auf fast 120 Rubel je Dollar und 133 Rubel je Euro abgesackt war, schon wenige Monate später auf ungeahnte 51 Rubel gegenüber dem Dollar bzw. 54 Rubel gegenüber dem Euro erstarken lassen. Unternehmen und Privatpersonen, die es damals geschafft haben, Geld aus Russland in Fremddevisen und in den Westen zu transferieren, konnten dieses gleichsam verdoppeln.
Inzwischen freilich hat sich die Außenhandelsdynamik ins Gegenteil verkehrt, während der Westen mit Anfang Dezember 2022 einen Preisdeckel auf den russischen Ölexport – das wichtigste Exportgut – verfügt hatte. Als Folge des starken Preisrückgangs bei Rohöl brachen die entsprechenden Exporterlöse um 50% ein, während die Importe aufgrund der insgesamt wider Erwarten doch recht robusten Wirtschaft anzogen. Der Handelsbilanzüberschuss habe sich im ersten Quartal um 80% gegenüber 2022 reduziert, erklärte Nabiullina. Mit den entsprechenden Folgen für den Rubel. Westliche Unternehmen, die Russland jetzt verlassen wollen, erleiden zusätzlich zu den vom Kreml erzwungenen Preisnachlässen beim Verkauf ihres Russland-Geschäftes nun auch noch die Wechselkursverluste. Im Gegenzug werden Importprodukte in Russland teurer und treiben die Inflation an. Allein neue Pkw werden über den Sommer und Herbst um weitere 5 bis 10% teurer werden, ergab eine aktuelle Umfrage der Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ unter Autohändlern.
Doch die Außenhandelsdynamik ist nicht der einzige Faktor, der den Rubel gegenwärtig nach unten drückt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg streicht ihrerseits in einer Analyse den bewaffneten Aufstand des Warlords Jewgeni Prigoschin Ende Juni hervor, der als Trigger für die Kursentwicklung fungiert und den Kapitalabfluss aus Russland nur noch weiter stimuliert habe.
Tatsächlich waren gleich nach Beginn des Aufstandes am 24. Juni nicht nur die Preise für Flugtickets in jene Länder, die Russen noch ohne Visumspflicht bereisen können, um das 2,5-Fache bis Fünffache hochgesprungen – in das von begüterten Russen bevorzugte Dubai auf 350.000 Rubel (etwa 3.500 Euro). Auch die Wechselkurse für ausländische Devisen waren von den Banken am besagten Wochenende sprungartig angehoben worden. Was den Kapitalabfluss betrifft, so sind die Einlagen russischer Privatkunden im Ausland Bloomberg-Daten zufolge zwischen Ende Februar 2022 und Mai 2023 von zuvor 30,6 Mrd. Dollar auf 43,5 Mrd. Dollar gestiegen. „Die politische Krise hat die Attraktivität des Dollar bestimmt erhöht und einen zusätzlichen Mittelabfluss in Fremddevisen und ausländische Banken hervorgerufen – und zwar vonseiten der Privatpersonen wie auch der Unternehmen“, wird Natalja Lawrowa, Chefökonomin der Investmentgesellschaft BKS Mir, bei Bloomberg zitiert.
Erholungspotenzial
Dem Rubel attestieren viele Währungsexperten trotz dieses Hintergrunds sehr wohl Erholungspotenzial. Es könne in den kommenden eineinhalb Monaten aber auch durchaus noch bis zu einem Niveau der Währung von 100 Rubel je Dollar nach unten gehen, was über 7% Kursverlust bedeutete, wie Natalja Orlowa, Chefökonomin der russischen Alfa-Bank, gegenüber dem russischen Wirtschaftsmedium „RBC“ meint: „Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Devisenmarkt ein Gleichgewicht findet.“