Wirtschaftsabschwung

Großbritannien spart sich arm

Wenn in einer verbrauchergetriebenen Volkswirtschaft die Realeinkommen sinken, ist klar, was als Nächstes passiert. Aber die britische Regierung unternimmt dennoch nichts, um gegenzusteuern.

Großbritannien spart sich arm

Großbritannien ist eine verbrauchergetriebene Volkswirtschaft. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte steuern mehr als drei Fünftel zum Bruttosozialprodukt bei. Im exportfixierten Deutschland ist es etwas mehr als die Hälfte. Umso erstaunlicher ist, dass die britische Regierung nicht wesentlich mehr tut, um dem Wirtschaftswachstum auf die Sprünge zu helfen. Sinken die Reallöhne, schlägt das im Vereinigten Königreich wesentlich stärker auf die Gesamtwirtschaft durch als in Deutschland. Mit der seit vielen Monaten zweistelligen Teuerungsrate kann die Einkommensentwicklung nicht mithalten, obwohl die Löhne im vergangenen Jahr nominal so stark gestiegen sind wie zuletzt 1991.

Die Briten bekommen die außer Kontrolle geratene Inflation gleich zweifach zu spüren: Weil viele Briten ihr Eigenheim kurzfristig oder zu variablen Zinsen finanziert haben, steigen ihre Monatsraten rasant. Menschen in anderen Ländern, in denen langfristigere Festzinshypotheken üblich sind, haben dagegen mehr Zeit, um sich auf höhere Finanzierungskosten einzustellen. Wer kein Eigenheim besitzt, ächzt unter steigenden Mieten. Dem Statistikamt ONS zufolge lagen sie im Februar im Schnitt um 10% höher als ein Jahr zuvor.

Sinkender Lebensstandard

Aus Sicht der Resolution Foundation war 2022 „ein Desaster für den Lebensstandard“ in Großbritannien. Alle Hilfsmaßnahmen der Regierung hätten nicht ausgereicht, um zu verhindern, dass der Median der Haushaltseinkommen 2022/23 um 3% sinkt. Wie die Denkfabrik ermittelte, sind die Einkommensverluste für die Haushalte am größten, die nicht von zusätzlichen staatlichen Transferleistungen (Cost of Living Payments) profitieren wie die wirtschaftlich schwächsten Familien, die auch weniger von steigenden Hypothekenraten betroffen sind. Berücksichtigt man jedoch die unterschiedlichen Auswirkungen der Teuerung auf die unterschiedlichen Einkommensgruppen, ist der Unterschied nicht mehr allzu groß. Für die ärmsten 20% aller Haushalte erwartet die Resolution Foundation einen Rückgang der Realeinkommen von 5%. Die Realeinkommen der „reichsten“ 20% der Haushalte dürften nach ihrer Schätzung um 8% schrumpfen. Nach Schätzung von Adam Corlett, Volkswirt bei der Resolution Foundation, könnte es bis 2026/27 dauern, bis die Realeinkommen wieder den Stand von 2021/22 erreichen.

„Viele von uns müssen schwierige Entscheidungen treffen, welche Ausgaben für sie Vorrang haben, aber für manche von uns wird diese Wahl immer trostloser“, heißt es im aktuellen Armutsbericht der Joseph Rown-tree Foundation. „In einem so wohlhabenden Land wie dem Vereinigten Königreich sollte nichts davon notwendig sein.“ Der linksliberale Thinktank kommt zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass die messbare Armut im ersten Jahr der Pandemie zurückgegangen ist. Das lag zum einen daran, dass das Durchschnittseinkommen – und damit die Schwelle für die relative Armut – sank. Zum anderen profitierten Einkommensschwache von einer Reihe pandemiebedingter Sonderleistungen wie der vorübergehenden Erhöhung der Sozialhilfe (Universal Credit) um 20 Pfund wöchentlich. Auf dem Höhepunkt der Pandemie befanden sich 11,7 Millionen Arbeitnehmer im Zwangsurlaub – dem auf Pump finanzierten großzügigen Kurzarbeitsprogramm der britischen Regierung, das dafür sorgen sollte, dass ihre Stellen erhalten bleiben. Trotzdem gab es fast eine Million weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte als vor Beginn der Ausgangssperren zur Eindämmung der Verbreitung von Sars-CoV-2.

Ersparnisse schwinden dahin

Seitdem hat sich der Arbeitsmarkt zwar deutlich erholt, doch der vom Ukraine-Krieg befeuerte Anstieg der Energiepreise sorgte dafür, dass viele Briten das Geld, das sie während der Lockdowns nicht für den öffentlichen Nahverkehr, die Reinigung ihrer Anzüge oder Blusen und Coffee to go ausgaben, zum Bezahlen höherer Strom- und Gasrechnungen nutzen mussten. Fast ein Fünftel der Briten (18%) verfügt über keinerlei Ersparnisse, wie das Arbeits- und Rentenministerium in der vergangenen Woche mitteilte. Die Sparguthaben von 29% belaufen sich lediglich auf bis zu 1500 Pfund. „In einem Jahr der Preiserhöhungen sind die Ersparnisse verpufft“, sagte Sarah Coles, Head of Personal Finance bei Hargreaves Lansdown. Das HL Savings  Resilience Barometer zeige, dass Haushalte mit unterdurchschnittlichen Einkommen Ende 2022 in einer schlechteren Sparsituation waren als vor der Pandemie.

Als Land mit umfangreichen Öl- und Gasvorkommen hätte Großbritannien andere Möglichkeiten gehabt. Es gehört zu den westeuropäischen Ländern mit den strengsten Spezifizierungen für Erdgas. Es muss einen sehr hohen kalorischen Brennwert aufweisen. Das hätte man leicht ändern können. Doch fehlte es an Kreativität und Bereitschaft, bisherige Denkweisen und Verhaltensmuster in Frage zu stellen.

Während die Bezieher von Transferleistungen vom ansonsten stets aufs Sparen fokussierten Schatzkanzler Jeremy Hunt einen großzügigen Inflationsausgleich und Ausgleichszahlungen für die steigenden Energiekosten erhielten, schrumpften die Realeinkommen vieler abhängig Beschäftigter erheblich. Wie es angesichts sinkender Realeinkommen, eines geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrads und zahlloser entgarantierter Beschäftigungsverhältnisse zur von manchen Geldpolitikern der Bank of England befürchteten Lohn-Preis-Spirale kommen soll, ist fraglich. Die Inflation geht weitaus stärker auf die Gelddruckorgien der Notenbank seit der Finanzkrise zurück als auf heimischen Lohndruck. Aber wer, wie Andrew Bailey, der Gouverneur der Bank of England, die Entscheidung vieler Fachkräfte, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, für die Inflation verantwortlich machen will, hat sich ohnehin schon aus der Wirklichkeit verabschiedet.

Rishi Sunaks glücklose Vorgängerin in 10 Downing Street, Liz Truss, und ihr Schatzkanzler Kwasi Kwarteng hatten grundsätzlich recht damit, Wachstum Vorrang vor der Inflationsbekämpfung zu geben. Doch ihr schlecht kommunizierter Plan und ihr Konfrontationskurs gegen Institutionen wie die Notenbank kamen an den Finanzmärkten schlecht an. Hunts Versuch, durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen dort wieder Vertrauen zu schaffen, mag ihm bei Bondinvestoren Ansehen verschaffen. Für die Zukunft der britischen Volkswirtschaft hat er katastrophale Folgen.

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