EZB

Am Wendepunkt

Die EZB öffnet sich ein wenig für eine schnellere Normalisierung ihrer Geldpolitik. Kommunikationstechnisch gibt sie dabei nicht gerade die beste Figur ab. Aber in der Sache ist das richtig – und überfällig.

Am Wendepunkt

Es war absehbar, dass der Auftritt von EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Zinssitzung am gestrigen Donnerstag eine Gratwanderung werden würde: Einerseits steckt die Europäische Zentralbank (EZB) in einer gewissen Zwickmühle zwischen rekordhoher Inflation und verbreiteten Konjunktursorgen. Andererseits wollte Lagarde trotz der neuerlichen bösen Inflationsüberraschung im Januar sicher jeglichen Eindruck vermeiden, von dem bis­herigen „Ge­duld“-Modus sogleich auf „Panik“ umzuschalten. Tatsächlich aber erinnerte Lagardes Auftritt mitunter sogar eher an einen ziemlichen Eiertanz.

Vor allem gilt das in Sachen mögliche Zinserhöhungen im Jahr 2022: Noch Mitte Dezember hatte Lagarde dem mit der Qualifizierung „sehr unwahrscheinlich“ de facto eine Absage erteilt. Gestern nun wollte sie das so nicht mehr wiederholen und verwies auf die Sitzung im März, wenn neue Projektionen vorliegen – wobei sie sich reichlich wand und wortreich die Dezember-Aussagen zu rechtfertigen versuchte. Fakt ist aber, dass diese Einschätzung bereits damals mehr als zweifelhaft war. Das muss der EZB eine Lehre sein, sich zumal an einem geldpolitischen Wendepunkt und in Zeiten extremer Unsicherheit nicht zu einseitig vorfestzulegen.

In der Sache aber ist es absolut richtig und höchste Zeit, dass die EZB die Inflationsgefahr nun ernster zu nehmen scheint und die Tür für eine schnellere Zinswende zumindest einen Spalt breit öffnet. Spätestens mit den Inflationsdaten von Dezember und Januar, die höher ausfielen als gedacht, scheint klar, dass die Teuerung 2022 nicht so schnell und wohl auch nicht so stark nachlassen wird wie erhofft. Je länger die hohe Inflation anhält, desto größer wird aber auch die Gefahr von Zweitrundeneffekten und insbesondere von einer Lohn-Preis-Spirale. Da kann die EZB nicht tatenlos zuschauen. Ein schnelleres Ende der Anleihekäufe und frühere Zinserhöhungen scheinen angebracht.

Die Bank of England und die US-Notenbank Fed machen es vor: Die britischen Währungs­hüter erhöhten nun sogar zum zweiten Mal in Folge ihren Leitzins, und sie dürften noch nachlegen. Auch die Fed hat ihre Zinswende stark forciert. Natürlich gibt es Unterschiede im wirtschaftlichen Umfeld: In Großbritannien und den USA ist vor al­lem der zugrundeliegende Preisauftrieb deutlich höher als in Euroland, der Lohndruck vom engen Arbeitsmarkt größer. Die EZB hat also etwas mehr Zeit für die geldpolitische Normalisierung. Aber für Selbstzufriedenheit und Zaudern besteht kein Anlass. Deshalb ist es gut, dass die EZB jetzt in der Realität an­kommt und sich endlich bewegt.

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