Konjunktur

Der Sommer beschert Beschäftigten das zweite Reallohnplus in Folge

Der Fachkräftemangel kostet Wachstum, mahnt der DIHK. Im Sommer sind immerhin die Reallöhne erneut gestiegen, was den Privatkonsum ankurbeln sollte. Aktuell droht allerdings der Rückenwind vom Arbeitsmarkt zu schwinden.

Der Sommer beschert Beschäftigten das zweite Reallohnplus in Folge

Zweites Reallohnplus in Folge

DIHK: Jeder zweite Betrieb kann offene Stellen nicht besetzen – BA-X signalisiert aber aktuell sinkende Arbeitskräftenachfrage

ba Frankfurt

Der Fachkräftemangel in Deutschland wird immer eklatanter: Trotz wirtschaftlicher Stagnation könne jeder zweite Betrieb offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen, heißt es im DIHK-Fachkräftereport. Während die Personalnot zum Standortrisiko wird und Wirtschaftsleistung kostet, schüren die im dritten Quartal 2023 gestiegenen Reallöhne die Wachstumshoffnungen, die auf einem anziehenden Privatkonsum ruhen. Allerdings trüben sich derzeit die Aussichten am Jobmarkt ein, wie Frühbarometer signalisieren.

Sondereffekte helfen

Im Sommer sind die Reallöhne um 0,6% zum Vorjahr gestiegen. Dies ist der zweite Zuwachs in Folge, nachdem in den drei Monaten bis Juni mit 0,1% das erste Reallohnplus seit dem zweiten Quartal 2021 verzeichnet worden war. Wegen der steuer- und abgabefreien Inflationsausgleichsprämie von bis zu 3.000 Euro je Arbeitnehmer und der Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde im Oktober 2022 haben die Nominallöhne im Jahresvergleich stark zugelegt – und zwar um 6,3%, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilte. Die Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um 5,7% zu.

Das kräftigste Nominallohnwachstum verzeichneten mit 10,3% das Fünftel der Vollzeitbeschäftigten mit den geringsten Verdiensten. Beim Fünftel mit den höchsten Verdiensten blieb die Nominallohnsteigerung von 5,6% hinter der der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zurück. Die Verdienste der Vollzeitkräfte insgesamt stiegen um 6,3 % und damit genauso stark wie die Nominallöhne in der Gesamtwirtschaft, hieß es in Wiesbaden weiter.

Gute Nachricht fürs Wachstum

Das überdurchschnittliche Plus von 7,7% der geringfügig Beschäftigten führen die Statistiker vor allem auf die seit dem 1. Oktober 2022 gültige Erhöhung der Minijob-Verdienstgrenze von monatlich 450 Euro auf 520 Euro sowie auf die Mindestlohnerhöhung von 10,45 Euro auf 12 Euro im Oktober 2022 zurück. Die Nominallöhne von Teilzeitbeschäftigten stiegen um 6,4%.

Das Reallohnplus ist für die von einer Rezession bedrohte deutsche Wirtschaft eine gute Nachricht: Die steigende Kaufkraft der privaten Haushalte sollte deren Konsum ankurbeln. Auf diesem ruhen auch die Wachstumshoffnungen der Ökonomen.

So schreibt etwa die Bundesbank in ihrem Monatsbericht November: „Die Binnenkonjunktur sollte allmählich Tritt fassen, denn die realen Nettoeinkommen der privaten Haushalte dürften aufgrund der hohen Lohnsteigerungen und des nachlassenden Preisdrucks weiter steigen.“ ING-Chefökonom Carsten Brzeski erwartet, dass der Reallohnanstieg „noch ein bis zwei Quartale anhält, beziehungsweise sogar stärker“ wird, wie die Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Ab dem Sommer 2024 sollte sich dann die Entwicklung normalisieren und sich die Inflationsrate bei 2 bis 3% sowie das Lohnwachstum bei 3 bis 4% einpendeln. Es laufe dann auf ein „kleines, aber stetiges Plus“ bei den Reallöhnen hinaus, sagte Brzeski.

1,8 Millionen offene Stellen

Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gehen allerdings in diesem Jahr mehr als 90 Mrd. Euro an Wertschöpfung durch die 1,8 Millionen aktuell unbesetzten Stellen verloren. Das entspreche mehr als 2% des Bruttoinlandsprodukts. Die Personalnot sei zwar in Zukunftsbranchen besonders groß, die Engpässe zögen sich aber mittlerweile durch nahezu alle Branchen und Berufe.

Nur ein Fünftel der Betriebe, die aktuell tatsächlich Personal suchen, „hat kein Problem, offene Stellen zu besetzen”, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Wie Frühbarometer zeigen, werden Unternehmen allerdings zurückhaltender bei der Einstellung neuen Personals. Der BA-X, der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA), ist im November um 1 auf 114 Punkte gesunken. „Damit geht die gemeldete Arbeitskräftenachfrage vor dem Hintergrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung weiter zurück“, hieß es in Nürnberg. In der Mehrzahl der Wirtschaftszweige sei die gemeldete Arbeitskräftenachfrage im Jahresvergleich gesunken – „und zwar zum überwiegenden Teil in zweistelliger prozentualer Höhe“. Besonders stark fielen die Rückgänge in den Bereichen Information und Kommunikation, im Gastgewerbe, in der Zeitarbeit sowie in Verkehr und Logistik aus. Den größten Bestand offener Stellen verzeichnet die BA im November bei den qualifizierten Unternehmensdienstleistungen, Industrie und Handel.

Folgen für Investitionen

Der DIHK macht den größten Kräftemangel bei beruflich Qualifizierten mit dualer Ausbildung aus: Sie wären Wunschkandidaten bei 55% der Unternehmen, die vergeblich nach Beschäftigten suchen. Die Folgen seien gravierend, denn 82% der vom DIHK befragten mehr als 22.000 Firmen erwarten negative Folgen für ihr eigenes Unternehmen. 40% müssten ihr Angebot einschränken und verlören Aufträge. „Der Fachkräftemangel wird zum Standortrisiko“, mahnt der DIHK, da 16% der Firmen laut eigenen Angaben wegen des Arbeits- und Fachkräftemangels weniger in Deutschland investieren können. Dies betreffe vor allem die Industrie (22%), insbesondere den Werkzeugmaschinenbau (32%) und den Kraftfahrzeugbau (31%). „Die Engpässe gefährden unseren Erfolg in wichtigen Schlüsseltechnologien“, warnt Dercks.

Standort unter Druck

„Bei wichtigen Zukunftsaufgaben wie Klimaneutralität, Digitalisierung, Elektromobilität und Gesundheitsversorgung können wir nur schnell vorankommen, wenn die Fachkräfte dafür da sind“, betonte der Vize-Geschäftsführer des DIHK. Bereits mehr als jedes vierte Industrieunternehmen (27%) befürchte wegen der Personalengpässe einen Verlust von Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. „Das zeigt, dass der noch immer starke Industriestandort Deutschland nicht nur bei den Energiekosten unter Druck steht. Auch die fehlenden Fachkräfte sind eine enorme Herausforderung – mittelfristig vielleicht sogar die größere“, so Dercks. Um gegensteuern zu können, benötigten die Betriebe passende Rahmenbedingungen. Zu den Optionen zählten die Intensivierung der Aus- und Weiterbildung, mehr Beschäftigung von Frauen und Älteren, die Integration von Arbeitslosen, innovative und flexible Arbeitszeitmodelle sowie Produktivitätssteigerungen und Automatisierung. Ein wichtiger Pfeiler ist dem DIHK zufolge auch die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

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