GastbeitragSchwellenländer

Die Exzesse in der Wirtschafts- und Geldpolitik der Türkei abbauen

Die Türkei hat mit ihrem jüngsten Zinsentscheid einen moderaten Kurswechsel in der Geldpolitik eingeleitet Ob die schrittweisen Veränderungen reichen, um die Türkei vor dem Schlimmsten zu bewahren, ist offen.

Die Exzesse in der Wirtschafts- und Geldpolitik der Türkei abbauen

Die Exzesse in der Wirtschafts- und Geldpolitik der Türkei abbauen

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Mai rückte die Wirtschaftspolitik der Türkei in den Mittelpunkt der Debatte. Die unorthodoxe Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan, das Wachstum durch sehr niedrige Zinssätze und die Erhöhung der Kreditvergabe an die Wirtschaft zu stützen, hat die türkischen Binnen- und Außenbilanzen stark unter Druck gesetzt. Vor dem geldpolitischen Kurswechsel am Donnerstag vergangener Woche wurde der Leitzins ab der zweiten Jahreshälfte 2021 mehrfach reduziert, zuletzt im Februar dieses Jahres auf 8,5%.

Die niedrigen Zinssätze haben einen Kredit- und Konsumboom ausgelöst. Die Verbraucherkredite stiegen im Mai um fast 90% im Vergleich zum Vorjahr. Die Ausgaben im Vorfeld der Wahlen trugen zu einem kräftigen BIP-Wachstum von 4% im ersten Quartal bei, da der Konsum um 16% zunahm. Die starke Konsumnachfrage, in Verbindung mit einem Energieschock im vergangenen Jahr, trieb im Oktober 2022 die Inflation auf einen Höchststand von 85%. Im Mai dieses Jahres lag sie noch bei 40%.

Der Konsumboom hat die Importe und die Leistungsbilanzdefizite in die Höhe getrieben. Die Wachstumsraten der Importe (ohne Energie) lagen im ersten Quartal durchgehend im zweistelligen Bereich, während der Exportboom der Jahre 2021–22 mit der Verlangsamung des globalen Konjunkturzyklus abebbte. Die Defizite wurden zunehmend durch den Verkauf internationaler Reserven finanziert, da die Zentralbank in der Zeit vor den Wahlen versuchte, die Lira zu stabilisieren.

Die Zentralbank hat ihre Reserven rasch abgebaut – die jüngsten Daten zeigen, dass die Nettowährungsreserven bereits negativ sind. Dies bedeutet, dass die türkische Zentralbank mehr Devisenverbindlichkeiten als -forderungen hat. Diese Verbindlichkeiten wurden durch Kreditaufnahme bei befreundeten Staaten (z. B. Saudi-Arabiens Einlage von 5 Mrd. Dollar im März) sowie durch Deviseneinlagen des inländischen Bankensektors angehäuft. Diese Situation ist aber nicht weiter haltbar. Entweder muss die gegenwärtige Politik korrigiert werden, oder die Türkei sieht sich mit einer drohenden Zahlungsbilanzkrise konfrontiert.

Langsamer Kurswechsel

Nachdem sich Präsident Erdogan im vergangenen Monat die Präsidentschaft für die nächsten fünf Jahre gesichert hatte, ernannte er Mehmet Simsek zu seinem Finanzminister, um verlorenes Vertrauen bei den Investoren wiederherzustellen. Er war bereits von 2009 bis 2015 Finanzminister der Türkei und bis 2018 ihr stellvertretender Premierminister. Darüber hinaus ernannte er eine neue Zentralbankgouverneurin, Hafize Gaye Erkan. Präsident Erdogan erklärte kürzlich, dass die Priorität des neuen Wirtschaftsteams darin bestehen wird, die Inflation auf eine einstellige Zahl zu senken.

Finanzminister Simsek hat derweil versprochen, zu einer „rationaleren“ Politik zurückzukehren. Die Anhebung des Leitzinses vergangene Woche auf 15% stellt den ersten Schritt auf dem Weg zu einer neuen Politik dar. Nachdem die Lira seit den Wahlen um über 20% an Wert eingebüßt hat, ist die Leitzinserhöhung zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Um das Problem der Türkei aber wirklich in den Griff zu bekommen, muss die Wirtschaftspolitik ein Mix aus einer weiteren Abwertung der Lira und einer strafferen Geld- und Finanzpolitik sein. Sowohl Leitzinserhöhungen als auch eine straffere Finanzpolitik werden das Kreditwachstum abkühlen und die Inlandsnachfrage dämpfen, was wiederum die Importe und das Leistungsbilanzdefizit senken wird. Gleichzeitig könnten höhere Zinssätze die Attraktivität der türkischen Lira wieder steigern, was die Flucht in den Dollar begrenzen und die Zuflüsse ausländischer Gelder verbessern würde.

Erwartungen enttäuscht

Dennoch blieb die Zinserhöhung auf 15% deutlich hinter den Markterwartungen (von 20%) zurück. Um bis zum Ende des Jahres positive Realzinsen zu erreichen, müsste der Leitzins sogar auf 30 bis 35% angehoben werden. Die graduelle Anpassung des Leitzinses wird wohl dadurch ermöglicht, dass Präsident Erdogan immer noch in der Lage ist, sich neue externe Finanzierungsquellen von befreundeten Ländern zu erschließen. Die jüngsten Daten zu den Währungsreserven deuten darauf hin, dass in der Woche nach den Wahlen einige Deviseneinlagen bei der Zentralbank getätigt wurden.

Das Wirtschaftsteam plant wohl eine allmähliche Rückabwicklung der bisherigen Politik, da es erkannt hat, dass eine rasche Wende zu schmerzhaft ist. Allerdings dürfte die weiterhin starke Währungsabwertung den Inflationsdruck wieder erhöhen. Außerdem würde das Versprechen der Regierung, Währungsverluste auf in Lira konvertierte Fremdwährungseinlagen des Privatsektors zu kompensieren, noch kostspieliger werden. Eine abrupte Straffung der Politik würde auch das Wachstum zum Stillstand bringen, was dem Wahlversprechen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Investitionen zu steigern, zuwiderlaufen und zu großen Kreditverlusten für das Bankensystem führen würde.

Werden die schrittweisen politischen Veränderungen ausreichen, um die Türkei vor dem Schlimmsten zu bewahren? Vielleicht, aber der Weg ist riskant. Eine weitere gute Tourismussaison im Sommer könnte dazu beitragen, den Druck auf die Währung zu verringern. Erdogan hätte mehr Zeit, weitere externe Hilfe zu beschaffen, um die Reserven bis zum Winter aufzustocken, wenn sich die Leistungsbilanzdefizite saisonbedingt verschlechtern. Dabei sind die Golfstaaten, die ihre Beziehungen zur Türkei zuletzt verbessert haben, eine mögliche Quelle weiterer Finanzhilfe. Eine weitere direkte Unterstützung zur Aufstockung der internationalen Reserven dürfte aber jetzt, da die Zahlungsbilanzkrise ernster geworden ist, schwieriger werden. In Ägypten sind die Golfstaaten von direkten Einlagen bei der Zentralbank dazu übergegangen, nur noch Direktinvestitionen durch Privatisierung anzubieten. Die Golfstaaten haben nun eine noch stärkere Position gegenüber der Türkei. Eine stärkere Abwertung würde zum Beispiel türkische Vermögenswerte billiger und attraktiver für Investoren aus den Golfstaaten machen. Allerdings dürften weitere Unterstützungsmaßnahmen nur zusätzliche Zeit erkaufen. Um nachhaltig in ruhigeres Fahrwasser zurückzufinden, muss die Türkei eine deutlich stabilitätsorientiertere Finanz- und Geldpolitik betreiben als bisher.

Mali Chivakul

Expertin für Schwellenländer bei J. Safra Sarasin

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